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Ein Tennis-Märchen für die Ewigkeit

Ein Tennis-Märchen für die Ewigkeit
Ein Tennis-Märchen für die Ewigkeit

Es ist das überraschende Ende einer großen Erfolgsgeschichte: Novak Djokovic und sein Coach Goran Ivanisevic gehen nach rund sechs sehr erfolgreichen gemeinsamen Jahren getrennte Wege.

Mithilfe des Kroaten hatte der „Djoker“ seit Sommer 2019 neun seiner 24 Grand-Slam-Titel gewonnen. Der 52 Jahre alte Ivanisevic baute damit auch seinen eigenen Legendenstatus aus, den er sich schon zu aktiven Zeiten verdient hatte.

Der einstige „Herr der Asse“ galt lange Zeit als unvollendeter Star, in Erinnerung blieb neben seiner Aufschlagstärke vor allem seine leidvolle Geschichte mit dem prestigeträchtigsten aller Tennisturniere: Wimbledon. Es war ein jahrelanges Drama - mit einem schier unglaublichen Happy End. SPORT1 blickt zurück.

Goran Ivanisevic und Wimbledon: Ein langes Drama

Ivanisevic, geboren als Sohn eines Ingenieurs-Ehepaars in Split im damaligen Jugoslawien (heute Kroatien), träumte seit seiner Kindheit von einer Teilnahme und einem Sieg in Wimbledon. Und bereits als Teenager kam er dem großen Traum auch schon sehr nahe.

Als 18-Jähriger sorgte Ivanisevic - Zögling des einstigen deutschen Davis-Cup-Kapitäns Niki Pilic - erstmals auf der Grand-Slam-Bühne für Furore: Bei den French Open 1990 schaltete er in der ersten Runde den an 2 gesetzten Boris Becker aus und stieß bis ins Viertelfinale vor. In Wimbledon schaffte er es sogar bis ins Halbfinale - wo wieder Boris Becker wartete und diesmal siegreich blieb.

Während Becker dann das Finale gegen den großen Rivalen Stefan Edberg verlor, schien für Ivanisevic eine rosige Zukunft vorgezeichnet. Ein Sensations-Aus gegen den Briten Nick Brown 1991 schien nur ein Betriebsunfall zu sein, im Jahr darauf schaffte es Ivanisevic wieder bis ins Finale, galt gegen Andre Agassi auch als Favorit. Umso herber war die Enttäuschung: Trotz 39 Assen (!) verlor er in fünf Sätzen gegen den Amerikaner.

Ivanisevic tröstete sich kurz nach der Niederlage gegen Agassi mit Olympia-Bronze in Barcelona, sein persönliches Wimbledon-Drama nahm in den Jahren darauf aber erst so richtig seinen Lauf: 1994 wieder im Finale - aber chancenlos gegen Pete Sampras. 1995 das dritte Endspiel auf dem wichtigsten Rasen der Tenniswelt - wieder Sampras, dieses Mal zwar ausgeglichen, doch am Ende unterlag der Kroate schon wieder.

Schulterprobleme sorgen für Karriere-Abschwung

Würde Ivanisevic sich denn nie zum Rasenkönig krönen? Seine Voraussetzungen waren für den Belag dabei eigentlich ideal: Der Aufschlag, der einer Waffe gleichkam, dazu ein sehr starkes Spiel am Netz. 1996 stellte Ivanisevic einen surrealen Rekord auf: Innerhalb eines Jahres schlug er sage und schreibe 1447 Asse. Bis heute unerreicht.

Doch seine Karriere steckte in einer Sackgasse. Immer wieder zurückgeworfen von Schulterproblemen, ging es mit Ivanisevic langsam bergab.

Der Moment des absoluten Tiefpunkts war 2000 erreicht. Bei den US Open flog Ivanisevic bereits in der ersten Runde raus, ließ sich innerhalb von 81 Minuten abfertigen. „Der ‚Herr der Asse‘ hat sein Pulver verschossen“, schrieb die Deutsche Presse-Agentur damals. Er sei „nur noch ein dankbares Opfer für seine Gegner“.

Ivanisevic am Tiefpunkt: „Mein Spiel ist reif fürs Museum“

Er selbst sagte nach der Partie: „Mein Spiel ist reif fürs Museum.“ Es war damals die dritte Erstrunden-Niederlage bei Grand Slams nacheinander. „Ich habe keine Lust am Spiel, keine Lust am Training, keine Lust, überhaupt hier zu sein“, sagte er.

Ivanisevic war einst die Nummer 2 der Weltrangliste, hatte bereits 21 Turniersiege auf der ATP-Tour eingefahren, doch wegen seiner Erfolglosigkeit bei Grand Slams hing ihm der Ruf des ewigen Zweiten an. Zudem wurden die Erfolge immer seltener.

Gegen seine furchtbar schmerzende Schulter wollte er vorerst nichts unternehmen. „Wenn ich mich operieren lasse, dauert es sieben, acht Monate, bis ich wieder spielen kann. Will ich das noch?“, fragte er nach den US Open verzweifelt - und gab zu: „Die Batterien sind leer.“

Dass der größte Triumph seiner Karriere erst noch kommen würde, hätten damals nicht einmal seine aller größten Fans zu träumen gewagt.

Kroate gewinnt Wimbledon 2001 als Wildcard-Teilnehmer

Vor Wimbledon 2001 war er auf Rang 125 der Weltrangliste abgerutscht, der nicht zur Qualifikation ausreichte. Doch die Organisatoren gaben dem dreimaligen Finalisten eine Wildcard.

Und die wusste Ivanisevic zu nutzen: Er marschierte durch die ersten Runden, eliminierte unter anderem Carlos Moya und Andy Roddick. Im Halbfinale traf er auf Lokalmatador Tim Henman. Wegen Regens zog sich das Match über drei Tage. Erst am Sonntag fiel die Entscheidung im fünften Satz: Ivanisevic gewann und stand in seinem vierten Finale.

Schließlich war es der 8. Juli 2001. Im Endspiel wartete Vorjahresfinalist Patrick Rafter aus Australien, der nun der absolute Favorit auf den Turniersieg war. Die Stimmung am Center Court glich eher der in einem Fußballstadion. Viele Fans aus Kroatien und Australien hatten Tickets ergattert, da das Finale wegen des zuvor schlechten Wetters erst am Montag stattfand.

Wieder war es ein Krimi über fünf Sätze. Am Ende schien es schon wieder, als versagten dem Kroaten die Nerven. Er vergab drei Matchbälle. Beim vierten ging er dann ein hohes Risiko ein: Trotz zweiten Aufschlags servierte er in die Vorhand seines Kontrahenten und stürmte ans Netz. Der Return von Rafter blieb an der Netzkante hängen - und für Ivanisevic erfüllte sich der größte Traum seiner Karriere.

6:3, 3:6, 6:3, 2:6, 9:7. Nach insgesamt 13 Anläufen und seinem vierten Finale in Wimbledon hatte er es endlich geschafft und sich die Krone aufgesetzt. Sein erster und bis zum Ende einziger Grand-Slam-Sieg. Noch auf dem Platz und auf der Tribüne flossen die Tränen. In seiner Box umarmte er seine Crew und seinen Vater Srdjan.

Ivanisevic ist der einzige Gewinner der Wimbledon-Geschichte, der nur durch eine Wildcard an dem Turnier teilnehmen konnte. Als Weltranglisten-Nummer 125 ist er zudem der bis heute schwächstplatzierte Athlet, der je ein Grand Slam gewinnen konnte.

„Der Mann, der bewies, dass Gott existiert“

Nach dem Match sagte ein von den Emotionen überwältigter Ivanisevic: „Ich war mein Leben lang der Zweite. Die Leute haben mich respektiert, aber der zweite Platz ist nicht gut genug. Ich bin jetzt Wimbledonsieger. Was auch immer ich tue in meinem Leben, ich bleibe Wimbledonsieger.“

Nicht nur der Kroate, der gläubiger Katholik ist, sah in seinem Erfolg auch etwas Übersinnliches. „Gott hat mir geholfen, Wimbledon zu gewinnen“, sagte er damals. Auch die Medien stiegen darauf ein. So schrieb die britische Daily Mail von dem „Mann, der bewies, dass Gott existiert. Der außergewöhnlichste Tag in Wimbledons 125-jähriger Geschichte.“ Der Independent sah darin „eine Wiederauferstehung ohne Parallelen in den Annalen dieses Sports“.

In seiner Heimatstadt Split wurde Ivanisevic von Zehntausenden Menschen empfangen und gefeiert. Wenig später ließ er die längst überfällige Schulteroperation durchführen.

Unter Ivanisevic gewann Djokovic neun Grand Slams

Es folgte eine monatelange Pause, danach konnte er nicht mehr an seine stärksten Zeiten anknüpfen. Doch das schien auch gar nicht mehr wichtig zu sein. Ivanisevic hatte erreicht, wovon er sein ganzes Leben geträumt hatte.

2004 trat er noch einmal in Wimbledon an, gewann sogar zwei Matches. In der dritten Runde scheiterte der Kroate dann an Lleyton Hewitt - und beendete mit 32 Jahren seine Karriere.

Als Trainer sollte Ivanisevic später dann noch häufiger die Gelegenheit haben, über Grand-Slam-Siege zu jubeln. Zuerst als Coach des US-Open-Überraschungssiegers Marin Cilic 2014. Ab 2019 noch weitere neun mit seinem Schützling und Rekord-Grand-Slam-Champion Novak Djokovic (der Ivanisevic selbst versehentlich sogar zwölf attestierte).

Der junge Djokovic hatte beim Wimbledon-Märchen von Ivanisevic 2001 übrigens auch eine kleine Rolle: Das damals 14 Jahre alte Nachwuchstalent lernte den späteren Coach bei der Turniervorbereitung in der Niki Pilic Academy in Oberschließheim bei München kennen - und servierte ihm Snacks.