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Deutschlands schlafender Riese

Als Sebastian Heymann wieder eine seiner gefürchteten Fackeln im ungarischen Tor unterbrachte, ballte Alfred Gislason die Faust.

Der deutsche Rückraumspieler erwischte beim 35:28-Erfolg am Montag im dritten Hauptrundenspiel seinen wohl besten Tag bei dieser EM. Zwar spielte Heymann nach der Pause nicht mehr im Angriff, das lag aber vor allem am überragenden Julian Köster.

Denn Gislason, der in den vorherigen Partien mehrmals mit seinem Schützling gehadert hatte, attestierte Heymann ein „phänomenales Spiel“ in der ersten Hälfte, hinten machte der 25-Jährige auch nach dem Seitenwechsel dicht.

„Ich bin natürlich auch sehr zufrieden. Julian (Köster, Anm. d. Red.) hat von Anfang an einen super Job gemacht, dann kam ich rein und wollte da anknüpfen. Mit Überzeugung, einfach mit Spaß und das ist mir heute in der ersten Halbzeit extrem gut gelungen“, sagte Heymann anschließend bei SPORT1.

Gislason wendet sich an Heymann

Dass Heymann „die Ungarn überraschte“, wie es Axel Kromer (Vorstand Sport beim DHB) nannte, lag auch an einer emotionalen Ansprache Gislasons vor der Partie. Einer der Spieler, die er persönlich angesprochen haben soll, war Heymann.

„Ich soll mit Überzeugung aufs Tor gehen, alles reinschmeißen, was ich habe“, verriet er laut n-tv aus dem Gespräch mit dem Bundestrainer. „Ich darf Fehler machen bei ihm, er hat vollstes Vertrauen zu mir - und dass ich heute extrem wichtig werden kann.“

Die Ansage zeigte Wirkung, was auch die vier Treffer bei vier Versuchen bewiesen, die seine Teamkollegen teilweise erstaunten.

„Brutal, krass“: Teamkollege feiert Heymann

„Brutal, was der für einen Armzug hat“, schwärmte Kreisläufer Justus Fischer am Dienstag bei SPORT1: „Also dieser eine Überzieher war dermaßen schnell, das habe ich überhaupt nicht erwartet.“

Der deutsche EM-Debütant erwartet noch große Dinge vom 1,98m-Hünen, der im Sommer von Frisch Auf Göppingen zu den Rhein-Neckar Löwen wechselt.

„Es ist krass, wie viel Potenzial er auch noch hat, wenn er wieder richtig Vertrauen in seinen Körper kriegt. Das ist schon beeindruckend“, meinte Fischer.

Heymann erlitt mehrere bittere Verletzungen

Dass noch ein wenig Vertrauen fehlt, liegt an einigen zurückliegenden Verletzungen: Ein Kreuzbandriss am rechten Knie im Oktober 2019, ein weiterer auf der linken Seite im Mai 2022. Dazu vergleichsweise kleinere Blessuren wie eine Sprunggelenksverletzung.

„Basti hat gestern das gezeigt, was er in jedem Training zeigt“, meinte DHB-Kapitän Johannes Golla bei einer Pressekonferenz am Dienstag: „Er ist ein Spieler, der ein unglaublich hohes Potenzial hat, aber leider in den letzten Jahren durch die ein oder andere Verletzung ausgebremst wurde.“

Der DHB-Kapitän setzt darauf, dass Heymann den bisherigen Weg aus dem Januar fortsetzt, denn „dann wird er mit diesen Leistungen ein sehr, sehr wichtiger Spieler für diese Mannschaft.“ Auch im finalen Hauptrundenspiel gegen Kroatien (ab 20.30 Uhr im LIVETICKER), in dem Deutschland das Halbfinale fix machen will?

Deutschlands Geheimwaffe aus dem Rückraum

Mit seinem „brutalen Armzug“, wie es Fischer nannte, bringt Heymann dem DHB-Team auf alle Fälle eine Facette, die es sonst so im Team nicht gibt.

Dass diese Geheimwaffe aus dem Rückraum im Turnier einige Male nicht auslöste, sorgte allerdings auch schon das ein oder andere Mal für Verzweiflung bei Gislason.

Im ersten Hauptrundenspiel gegen Island hatte Heymann Gislason zum Toben gebracht, als er sich kurz vor der Pause zu einem Pass statt zu einem Wurf entschied und das Anspiel auch noch misslang.

„Also, wenn man sieht, was für einen Wurf er hat … und dann kriegen wir eine Doppel-Kreuzung für ihn. Die ist dazu da, dass er wirft. Und dann bremst er am 7-Meter-Punkt und will irgendeinen Pass machen. Er hat einen unglaublichen Wurf – und das sagen wir ihm jeden Tag“, hatte Gislason nach dem Spiel auf SPORT1-Nachfrage seinen Unmut erklärt.

Auch Heymann gab an, dass sein Trainer „von mir viel häufiger sehen möchte, dass ich dann meine Fackel auspacke“.

Heymann? „Wenn der ins Rollen kommt ...“

Wenige Tage später klappte das schon deutlich besser, Heymann wurde zu einer Symbolfigur des Erfolgs gegen Ungarn. Das Vertrauen des Bundestrainers scheint sich auszuzahlen, die Gespräche Früchte zu tragen.

„Ich bin total begeistert, wie Basti sein Herz in die Hand genommen hat“, meinte Kromer laut Stuttgarter Zeitung: „Wenn so ein Athlet mal ins Rollen kommt, ist er nur schwer zu stoppen.“

Und dann kann die Geheimwaffe nicht nur dafür sorgen, dass Deutschland am Abend das Halbfinale klarmacht, sondern auch dort im Duell mit Top-Favorit Dänemark eine Überraschung möglich ist.

ARD-Experte Johannes Bitter hat Heymanns Bedeutung nicht nur einmal betont: „Wir brauchen Heymann, wenn wir im Turnier weit kommen wollen.“