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Deutschlands Suche nach dem "Todesstoß"

Für Deutschland läuft bei der Handball-WM ergebnistechnisch alles nach Plan. Das deutsche Spiel hat viele positive Aspekte, offenbart jedoch auch Defizite.

Abwehr im Team: Die mannschaftliche Geschlossenheit definiert die DHB-Truppe bei dieser WM bisher.  (Bild: Christina Pahnke - sampics/Corbis via Getty Images)
Abwehr im Team: Die mannschaftliche Geschlossenheit definiert die DHB-Truppe bei dieser WM bisher. (Bild: Christina Pahnke - sampics/Corbis via Getty Images)

Drei Spiele, drei Siege, mit maximaler Punktausbeute in die Hauptrunde: Deutschland befindet sich bei der Handball-WM 2023 voll auf Kurs.

Mit den Gegnern Katar, Serbien und Algerien hatte das DHB-Team sicherlich nicht die schwierigste Gruppe, doch ein Spaziergang war es ebenfalls nicht. Insbesondere gegen die starken Serben hat die Truppe von Alfred Gislason bewiesen, dass sie zu mehr in der Lage ist als bei den vergangenen großen Turnieren, die ernüchternd endeten.

Was macht Hoffnung auf eine erfolgreiche WM und woran muss das deutsche Team noch arbeiten? SPORT1 nennt fünf Erkenntnisse der Vorrunde.

- Deutschland ist ein Team

An der Stimmung in der Mannschaft und dem Zusammenhalt wird es nicht scheitern. Jeder, der darauf angesprochen wird, betont, dass der Teamspirit vorhanden ist, der für ein erfolgreiches Abschneiden essenziell ist.

„Wir haben eine gute Mischung aus jungen und etwas älteren Spielern. Die Stimmung ist gut, es macht echt Spaß“, unterstrich etwa Paul Drux. Rune Dahmke pflichtete ihm bei: „Wir haben alle richtig Bock, zusammen Erfolg zu haben. Das merkt man bei jedem Training, bei jedem Essen.“

Von schlecht gelaunten Spielern, auch wenn einige in den wichtigen Spielen nur kaum oder gar nicht zum Einsatz gekommen sind, ist nichts zu sehen. Alle ziehen an einem Strang, jeder fiebert für den anderen, alle pushen sich gegenseitig.

- Der zweite Anzug sitzt immer besser

Haderte Gislason am Testspiel-Wochenende gegen Island noch, dass „der zweite Anzug nicht richtig sitzt“, sprach der Bundestrainer nach dem 37:21-Sieg gegen Algerien zum Abschluss der Vorrunde eher gegenteilig. „Erstes Ziel erreicht und gut gespielt, auch in der Breite“, bilanzierte der 63-Jährige. Er meinte zudem, dass vor allem die Akteure aus der zweiten Reihe gegen die Afrikaner ihre Chance genutzt hätten.

Kreisläufer Jannik Kohlbacher überzeugte gegen Algerien mit zehn Toren. (Bild: Christina Pahnke - sampics/Corbis via Getty Images)
Kreisläufer Jannik Kohlbacher überzeugte gegen Algerien mit zehn Toren. (Bild: Christina Pahnke - sampics/Corbis via Getty Images)

In der Tat: Kreisläufer Jannik Kohlbacher gelang mit zehn Treffern aus zehn Versuchen eine Wahnsinnspartie. Luca Witzke, Djibril M‘Bengue, Rune Dahmke, Paul Drux, Christoph Steinert und Simon Ernst zahlten ihr Vertrauen mit guten Aktionen und einem souveränen Spiel zurück. Sie deuteten an, dass sie auch für stärkere Gegner bereit sind.

- Deutlich weniger Fehler

Gegen Island und zum WM-Auftakt gegen Katar machte Deutschland bisweilen noch seine gute Arbeit zunichte und verspielte große Vorsprünge vor allem deshalb, weil Konzentrationsschwächen und Leichtsinn zu technischen Fehlern en masse führten.

„Wir machen immer weniger technische Fehler, was extrem wichtig ist“, konstatierte Gislason nach drei WM-Spielen.

- Abwehr noch nicht das Prunkstück

Am Angriffsspiel gibt es gemessen an den Voraussetzungen kaum etwas auszusetzen. Die Außen treffen, wenn sie die Möglichkeiten haben. Die Mittelachse mit Juri Knorr und den Kreisläufern Kohlbacher und Golla funktioniert herausragend und auch der Rückraum, der nicht mit begnadeten Shootern besetzt ist, weiß bislang zu überzeugen.

Bisweilen hapert es allerdings in der Defensive. Algerien war mit einer harmlosen Offensive nicht der Maßstab, aber Katar und Serbien offenbarten Defizite. „Die Abwehr hat gegen Serbien ein paar Probleme gehabt“, räumte Gislason ein. Die sonst so stabile 6:0-Abwehr, die Deutschland schon so manch große Turniererfolge beschert hat, harmoniert noch nicht optimal. Der Innenblock mit Golla und Julian Köster offenbart immer wieder Lücken. Die Außenspieler lassen in einigen Fällen zu viel Platz und Knorr auf der halblinken Position muss als Vielspieler in der ein oder anderen Defensivaktion Tribut zollen.

Die 3:2:1-Variante klappte da schon besser, ist aber nicht gegen jeden Gegner geeignet.

- “Es fehlt der Killerinstinkt“

Die eklatanteste Schwäche ist aber die mangelnde Konstanz, das betonten die Akteure unisono. Überragenden Phasen folgen immer wieder schwache Minuten mit Fehlern, inkonsequenten Aktionen oder Fahrlässigkeiten.

„Was wir noch besser machen müssen: Wir arbeiten uns in jedem Spiel einen Vorsprung heraus, aber dann fehlt ein bisschen der Killerinstinkt, dass wir es schneller zumachen, den Todesstoß setzen und nicht bis zum Ende zittern müssen“, brachte es Dahmke auf SPORT1-Nachfrage auf den Punkt. Es ist zu viel verlangt, von der ersten bis zur letzten Sekunde immer auf der Höhe zu sein und keinerlei Fehler zu machen. Aber wie etwa gegen Katar oder Serbien hohe Führungen aus der Hand zu geben, kann gegen Teams wie Norwegen oder die Niederlande, die neben Argentinien in der Hauptrunde warten, teuer werden.

Trotz allem gehen die deutschen Spieler aber optimistisch in die Zwischenrunde. „Wenn es uns gelingt, das abzurufen, was wir können, dann kann es ein erfolgreiches Turnier werden. Aber unser nächstes Ziel ist es erst einmal, die K.o.-Runde zu erreichen“, sagte Golla.

Torhüter Andreas Wolff machte auf die schwierigen Aufgaben aufmerksam: „Auf den Leistungen sollten wir aufbauen. Wir haben in der Hauptrunde mit den Niederlanden und Norwegen zwei Hochkaräter als Gegner, aber auch mit Argentinien eine ungemein gefährliche Mannschaft.“ Auch Dahmke warnte davor, nun schon vom Halbfinale zu träumen: „Wenn man jetzt denkt, dass man nach Schweden fährt, dann fällt es einem auf die Füße. Wir müssen weiter von Spiel zu Spiel denken.“

Mit den vergleichsweise niedrig gesteckten Zielen ist Deutschland bisher gut gefahren. Um den Sprung unter die letzten Acht zu schaffen, könnten zwei Siege aus drei Spielen genügen. Man hat jedenfalls alles in der eigenen Hand.

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