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Ein Faustschlag, der die NBA für immer verändern sollte

Ein Faustschlag, der die NBA für immer verändern sollte
Ein Faustschlag, der die NBA für immer verändern sollte

Es war ein Faustschlag, der um ein Haar in eine tödliche Tragödie mündete. Und der die NBA nachhaltig verändern sollte.

Der US-Basketball, physisch seinerzeit um ein Vielfaches härter und rückblickend von manchem Experten als Nahkampf tituliert, schreibt am 9. Dezember 1977 traurige Geschichte: Es ist ein Sonntag, die Los Angeles Lakers liefern sich im legendären Forum vor 11.000 Zuschauern gegen die Houston Rockets ein erbittertes Duell.

Und mittendrin zu Beginn der zweiten Hälfte beim Stand von 57:55 für das Heimteam: Kermit Washington. Der Power Forward von LA und sein Widersacher Kevin Kunnert werden nach einem vorangegangen Rebound handgreiflich. Superstar und All-Time-High-Topscorer Kareem Abdul-Jabbar, dabei ebenso im Fokus, mischt sich ein, eilt seinem Lakers-Teamkollegen zu Hilfe, ehe es zum eigentlichen Drama kommt.

Weil sich auch Rudy Tomjanovich von den Rockets wuchtig ins Getümmel stürzt, den er in seinem Rücken erst spät wahrnimmt, fährt Washington instinktiv Faust und Arm aus - mit fatalen Folgen.

Abdul-Jabbar: „Wie eine Melone, die auf der Straße zerplatzt“

2,03-Meter-Hüne Tomjanovich wird von der knallharten Geraden übel niedergestreckt, die danach als „The Punch“ traurig-historische Berühmtheit erlangt. Tomjanovich hat keine Chance, schlägt mit dem Kopf heftig auf dem Boden auf, bleibt in einer Blutlache liegen.

„Es hörte sich an wie eine Melone, die auf der Straße zerplatzt“, wird Abdul-Jabbar im Nachhinein darüber einmal sagen.

Spieler, Fans und Augenzeugen sind sich des Ausmaßes des Dramas schnell bewusst, es herrscht Totenstille, die Tomjanovichs Teamkollege Mike Newlin später beschreibt als „das lauteste Schweigen, das man je gehört hat“.

Tomjanovich kann sich kurz darauf zwar selbstständig aufrappeln, fragt, was passiert sei und glaubt, der riesige Anzeigewürfel über dem Spielfeld sei auf ihn gestürzt.

In den Katakomben der Arena wird indes offensichtlich, dass der 29-Jährige in akuter Lebensgefahr schwebt. „Ich weiß nicht, ob du es schaffst“, soll ihm ein Arzt in der Kabine erklärt haben.

Was wenig verwundert: Tomjanovich, der danach zwei Wochen im Krankenhaus verbringen wird, hat ein lädiertes Gesicht wie nach einem Autounfall, muss operiert werden. Mehrere Schädelknochen, darunter auch Nase und Kiefer, sind gebrochen - er kann seine eigene Rückenmarksflüssigkeit schmecken, die vom Gehirn in den Mund fließt.

„Wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen“

„Es war, wie eine zerstückelte Eierschale mit Leim zusammenzukleben“, präzisiert der leitende Arzt später das medizinische Vorgehen.

Die Saison ist für Tomjanovich ohnehin durch. Sportlich wird der All-Star auch nach seiner Rückkehr auf den Court nie mehr derselbe sein und beendet 1981 seine aktive Karriere, um Jahre später als Headcoach der Rockets mit dem Titel 1994 und 1995 seine zweite höchst erfolgreiche Berufung zu finden.

Und Washington? Der wird zu einer Strafe von 10.000 Dollar Strafe verdonnert, die NBA suspendiert ihn für 60 Tage vom Ligabetrieb. Ein Rekord damals, sodass Abdul-Jabbar fortan 26 Spiele ohne seinen „Leibwächter“ auskommen muss.

„Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen“, sagt Washington fast 30 Jahre später in der Dokumentation Redemption: The Kermit Washington Story. „Gib mir eine Zeitmaschine. Ich würde mich einfach ducken und nie eine Schlägerei anfangen.“

Spießrutenlauf für Washington

Der Faustschlag, der alles verändern sollte, verfolgt ihn bis heute. Der Name des inzwischen 72-Jährigen ist seither untrennbar mit dem Begriff „The Punch“ verknüpft - und lässt Washington nie mehr wirklich seinen Seelenfrieden finden.

In der NBA wird er fortan geächtet, die Fans buhen ihn au - und die Lakers schieben ihn recht zügig zu den Boston Celtics ab. Doch auch dort und während der Stationen danach geht der Spießrutenlauf weiter, selbst als er 1980 nach einer grandiosen Saison für die Portland Trail Blazers für das All-Star Game nominiert wird.

Am Ende verfällt Washington gar in Depressionen. Erst als der Forward, der seine Karriere 1988 an den Nagel hängt, sich verstärkt sozial und karitativ engagiert, verspürt Washington wieder einen Sinn in seinem Tun.

Er reist im Zuge des Völkermords in Ruanda in das afrikanische Krisengebiet, baut später Waisenheime und Schulen mit auf, ehe er kurzzeitig als Assistenztrainer in der D-League agiert und danach unter anderem als Regional-Repräsentant für die Spielergewerkschaft NBPA in Erscheinung tritt.

Haftstrafe wegen Veruntreuung von Spendengeldern

Doch als Washington 2018 wegen Veruntreuung von Spendengeldern für seine Wohltätigkeitsorganisation Project Contact Africa zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt wird, holen ihn die Geister der Vergangenheit als vermeintlich gescheiterte Existenz wieder ein.

Dennoch: Ein Gutes hat Washingtons legendärer Faustschlag, den Autor John Feinstein in seinem gleichnamigen Buchtitel von 2002 als cosmic accident bezeichnet, also als eine schicksalhafte Verkettung unglücklicher Umstände.

In der NBA kommt es zu einer Revolution, einer regelrechten Zeitenwende, die Protagonisten und Verantwortlichen öffnen endlich die Augen für das seit langem bestehende Gewaltproblem im Basketball - und verdammt damit auch den auch auf dem Parkett etablierten Code der Straße „No blood, no foul“.

Von wegen körperloses Spiel: „Uns wurde klar, dass man es nicht erlauben kann, dass sich Männer schlagen, die so groß und stark sind“, so David Stern, damals Leiter der NBA-Rechtsabteilung, der später als Chef der Liga die Aggressionen seiner Sportart einzudämmen sucht.

Stopp der Gewalt: NBA zieht Konsequenzen

Mit Erfolg: Heute setzt es empfindliche Geldstrafen und Spielsperren für bisweilen geringfügig anmutende Schubsereien - manchmal zum Leidwesen der Stars. Dennoch: „The Punch“ soll sich niemals wiederholen. Alle wollen gelernt haben aus den Fehlern der Vergangenheit.

Washington sowieso: „Es ging alles so schnell“, sagte er einmal in einem Interview, „es wäre besser gewesen, einfach wegzugehen, aber ich war zu jung und unreif. Ich hätte mich wie ein Feigling gefühlt, wenn ich nicht zurückgeschlagen hätte.“

Auch Tomjanovich begleitet seine Nahtod-Erfahrung bis heute. Nach Jahren hat er Washington vergeben, wie er einst USA Today verriet: „Er hat sich entschuldigt, und das ist großartig. Aber selbst wenn er es nicht getan hätte, hätte ich es loslassen müssen. Zu meinem eigenen Wohl.“