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Nächster Knall droht

Alexander Zverev wirkte abgekämpft, aber glücklich, als er in den großen Raum für die Pressekonferenzen humpelte. Da hatte Christoph Seiler, Zverevs Physiotherapeut schon das Blut herausgezogen, das sich unter den Zehennägeln angesammelt hatte und für das Zverev auch während seines Matches gegen Carlos Alcaraz ein „Medical Timeout“ nehmen musste.

Ob er denn am nächsten Tag trainieren wolle oder ob das keinen Sinn ergebe, wurde er gefragt. „Der Schmerz tritt nur auf, wenn ich rutsche oder nach einem Sprint stoppen muss. Das mache ich ja nicht im Training“, antwortet der 26-jährige.

Er wirkte dabei schon fast wieder so entschlossen wie in den 186 Minuten Spielzeit, in denen er zweieinhalb Sätze wie der sichere Sieger gegen den Weltranglistenzweiten Carlos Alcaraz ausgesehen hatte, nur um sich dann enormer Gegenwehr erwehren zu müssen.

Es war auch ein Zeugnis der neuen Ruhe des Hamburgers. Als Alcaraz ab dem 2:5 im dritten Satz fast fehlerfreies Tennis spielte und im Tiebreak zu der Form auflief, die ihm schon zwei Grand-Slam-Titel eingebracht hatte, blieb Zverev ruhig.

Zverev spielte wohl das beste Match seit seinem Comeback

Zverev lamentierte nie. Er schimpfte nach unerzwungenen Fehlern nicht, es gab keine Tiraden Richtung Box. Zverev spielte an diesem späten Mittwochabend in der Rod Laver Arena sein wohl bestes Match seit seiner Rückkehr auf die Tour vor einem Jahr.

Bei seinem ersten Auftritt in Melbourne nach dem Bänderriss, den er sich bei den French Open im Match gegen Rafael Nadal zugezogen hatte, war er noch ein Schatten seiner selbst. Sang- und klanglos war er dem US-Amerikaner Michael Mmoh unterlegen. 12 Monate später ist das Selbstvertrauen wieder zurück.

Selbstvertrauen und die Ruhe. Zwei Dinge, die er in seinem Match am Freitagmorgen deutscher Zeit (ab 9.30 Uhr im LIVETICKER) benötigen wird. Dort wird er schon wieder auf seinen Dauerrivalen Daniil Medvedev treffen.

Zverev vs. Medvedev: Gibt es den nächsten Zoff?

Sechs Mal hatten sich Zverev und Medvedev alleine 2023 gegenübergestanden, insgesamt schon 18 Mal. Dabei ging es nicht immer freundschaftlich zwischen den beiden zu.

Nach dem Match in Monte Carlo, als Medvedev auch den ein oder anderen Psychotrick anwandte, schimpfte Zverev, dass Medvedev einer der unfairsten Spieler sei. Auch in Indian Wells vier Wochen vorher war schon nicht nur über Sportliches gesprochen worden.

Zverev wurde auf diese Situationen in der Pressekonferenz angesprochen und wie er diese neu gewonnene Ruhe auf dem Platz auch gegen Medvedev behalten könne. „Ich kam letztes Jahr von einer Verletzung zurück und hatte nicht das Selbstvertrauen. Da hatte ich das Gefühl, dass mich alles rausbringen kann. Ich hoffe, dass ich dieses Jahr als Person und Spieler anders bin.“

Gewissheit, dass in diesem Match am Freitagabend in der Rod Laver Arena nur über Sportliches berichtet wird, wollte er aber auch nicht geben: „Es wird Dinge geben, die mir nicht gefallen, die ihm nicht gefallen, aber das wird Teil des Matches sein.“

Schaut man auf den Turnierverlauf der beiden, sieht man Ähnlichkeiten. Beide mussten zwei Mal über fünf Sätze gehen. Medvedev sorgte dabei für eine Late Night Show in der zweiten Runde, als er sein Match gegen den Finnen Emil Ruusuvuori erst um 3:39 Uhr Ortszeit beendet hatte.

Medvedev war nach jedem Match „zerstört“

Nach seinem Viertelfinale gegen Hubert Hurkacz, das in der brütenden Sonne von Melbourne ausgetragen worden war, gab Medvedev zu, nach jedem Match „zerstört“ gewesen zu sein. Zverev tat sich in seinen Matches gegen Lukas Klein in der zweiten Runde und im Achtelfinale gegen Cameron Norrie schwer und musste in den Tiebreak des fünften Satzes.

Die Kraft wird wohl aller Voraussicht nach nicht den Ausschlag in die eine oder andere Richtung geben. Dafür rücken andere Dinge in den Vordergrund. Zverev schlug in seinem Match gegen Carlos Alcaraz brillant auf. 85 Prozent seiner ersten Aufschläge brachte er ins Ziel. Seine Vorhand, auch hier in Melbourne so manches Mal wackelig, war stabil.

Alexander Zverev zeigt genau zum richtigen Zeitpunkt sein bestes Tennis. Gegen Medvedev wird er es brauchen. Und will er sein großes Ziel erreichen, kann auch das Halbfinale nur ein Etappenziel sein. Um am Ende noch zwei Mal abgekämpft aber glücklich, humpelnd in den Pressekonferenz-Raum zu kommen.