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Dieses Match hätte fast Beckers Vermächtnis geschmälert

Dieses Match hätte fast Beckers Vermächtnis geschmälert
Dieses Match hätte fast Beckers Vermächtnis geschmälert

Als Boris Becker unter dem frenetischen Jubel von rund 6000 Fans den Court 1 in Melbourne verließ, ballte er nochmal die Faust - und schlug sie gegen die Schulter seines unterlegenen Gegners.

Es war ein sanfter Hieb, eine kleine Geste der Anerkennung für ein großes Tennis-Duell, das Omar Camporese ihm zuvor geliefert hatte.

Der junge Italiener legte heute vor 33 Jahren gegen die deutsche Ikone das Match seines Lebens hin, eines der denkwürdigsten Aufeinandertreffen in der Geschichte der Australian Open.

Wie sich später zeigen sollte, war es eine wegweisendes Partie für Becker: Der Sieg in dem historisch langen Fünf-Satz-Krimi ebnete ihm den Pfad für einen Karriere-Höhepunkt – der ihm womöglich entgangen wäre, hätte er den Sturm nicht überstanden, den Underdog Camporese an diesem 18. Januar 1991 entfesselte.

Boris Becker verspielte gegen Omar Camporese fast viel

Eigentlich waren die Rollen klar verteilt gewesen: Der damals schon dreimalige Wimbledon-Sieger Becker war als Nummer 2 der Setzliste und hoher Favorit in das Drittrunden-Duell gegangen.

Gegen den damals 22 Jahre alte Camporese schien für den Leimener zunächst auch alles nach Plan zu laufen, mit nur etwas Mühe: Becker entschied - jeweils im Tie-Break - die ersten beiden Durchgänge für sich.

Bei sengender Hitze entglitt Becker das Spiel dann jedoch völlig: Camporese demontierte ihn in Satz 3 mit 6:0, auch der vierte Durchgang ging mit 6:4 an den 1,88-Meter-Mann aus Bologna.

Der Entscheidungssatz musste her - in dem endgültig ein „Instant Classic“ entstand, von dem Zeitzeugen bis heute schwärmen.

Zwei Stunden Nervenschlacht im fünften Satz

Über zwei Stunden lang duellierten sich Becker und Camporese in Durchgang 5, der damals noch nicht via Tie-Break entschieden wurde.

Mit einem Break zum 11:10 schien Becker Camporese endlich niedergerungen zu haben, Becker erspielte sich bei eigenem Aufschlag ein 40:0 und drei Matchbälle – doch Camporese kam zurück, schaffte das Re-Break und konterte auch noch einen weiteren Aufschlagverlust.

Als Becker dann das dritte Break in Folge gelang, war es dann aber doch zu viel für Camporese, nach 5 Stunden und 11 Minuten holte sich Becker mit zwei Assen den Sieg: 7:6, 7:6, 0:6, 4:6, 14:12 hieß es am Ende aus seiner Sicht.

Es war das bis dato längste Match in der Geschichte der Australian Open – inzwischen steht das Finale von 2012 zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal (5:53h) an der Spitze des ewigen Rankings.

„Ich habe keine Ahnung, wie ich es beendet habe“, gestand der erschöpfte Becker nach dem Match – aus seiner Sicht „eines meiner fünf besten Matches, in denen ich gespielt habe“.

Erster Sieg in Melbourne und erstmals Nummer 1 der Welt

Für den heute 55 Jahre alten Camporese - der inzwischen als Tennislehrer am Gardasee arbeitet - blieb das Match ein seltenes Highlight: Ein Achtelfinal-Einzug in Melbourne 1992 blieb das beste Ergebnis seiner Karriere.

Für Becker dagegen war der hart erkämpfte Sieg der Schlüssel zu neuer Größe: Mental beflügelt von dem quälenden Marathon-Match überwand Becker in den kommenden Runden auch Wayne Ferreira, Guy Forget, Patrick McEnroe und im Finale den großen Rivalen Ivan Lendl.

Becker triumphierte zum ersten Mal in Melbourne und eroberte erstmals Platz 1 der Weltrangliste: Er verdrängte Stefan Edberg und stand letztlich insgesamt 12 Wochen ganz oben.

Es hätte nicht viel gefehlt und Camporese hätte Becker all das vermasselt: Das reichhaltige Vermächtnis der deutschen Legende wäre um eine bedeutende Errungenschaft ärmer gewesen, hätte er die Feuerprobe in der Glut von Melbourne nicht bestanden.