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"Wir haben Angst, dass München 1972 wieder passiert"

"Wir haben Angst, dass München 1972 wieder passiert"
"Wir haben Angst, dass München 1972 wieder passiert"

Der ukrainische Europameister Mychajlo Romantschuk floh vor russischen Bomben, die israelischen Synchronschwimmerinnen hörten beim Training die Einschläge der Hamas-Raketen. Die Kriege in der Ukraine und in Nahost überschatten auch die WM in Katar: Romantschuk, der aus Deutschland in seine Heimat zurückkehrte, bleibt zumindest vorerst das Aufeinandertreffen im Becken mit russischen Athleten erspart. Bei den Israelis schwimmt dagegen die Angst mit.

„Er trainiert selten für lange Zeit in einem Schwimmbad“, berichtete Bundestrainer Bernd Berkhahn über seinen ehemaligen Schützling, der nach Kriegsausbruch bis zum vergangenen Sommer bei ihm in Magdeburg seine Bahnen gezogen hatte: „Es gab einen Bombenbeschuss auf ein Bad, da mussten sie wieder wechseln.“

Ukrainischer Schwimmer: „Große Schande für die Welt des Sports“

Romantschuk, der die Zulassung russischer und belarussischer Athleten zu den Olympischen Spielen als „große Schande für die Welt des Sports“ kritisiert hatte, trifft bei den WM-Rennen in Doha noch auf keinen Gegner aus dem Land des Aggressors. Der Weltverband World Aquatics verlieh zwar dem russischen Schwimmer Iwan Girjow den Status eines „unabhängigen neutralen Athleten“, der Olympiazweite mit der 4x200-m-Freistilstaffel verzichtete aber auf den Start.

Doch bei den Sommerspielen in Paris könnte es anders aussehen: Erst am 23. Juni schließt das Qualifikationsfenster. Wer unter neutraler Flagge teilnehmen könnte, entscheidet die sogenannte „Integrity Unit“. Der Zeitraum für die Zulassung sei „weiter offen“, teilte der Weltverband auf SID-Anfrage mit. Kriterien sind unter anderem: keine Verbindung zum Militär, drei unabhängige Dopingtests.

Wie strikt geprüft wird, könne man bisher nicht erkennen, beklagt Kai Morgenroth. Der Vizepräsident des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) will die „Abstinenz russischer Aktiver bei der WM nicht überbewerten, da wir zu wenig über das Zustandekommen dieser Situation wissen.“ Mit Blick auf Paris wäre es „vielleicht sogar besser gewesen, bereits jetzt Präzedenzfälle zu haben, die etwas über das Prüfungsprozedere aussagen“, sagte er dem SID.

Was Romantschuk in der Ukraine erlebt, fürchten Israels Schwimmer in Katar. „Wir haben Angst, dorthin zu fliegen“, schrieb das Synchronteam, das sich nur in Doha für Olympia qualifizieren kann, auf Instagram, „wir haben Angst, dass München 1972 wieder passiert.“ Ein Attentat wie bei den Olympischen Spielen in Deutschland, als elf Sportler und Betreuer getötet wurden.

Israelische Sportler haben Angst vor dem Terror

Einige Athleten verzichten deshalb auf die Reise. „Sie haben Angst, in einem Land anzutreten, das die Hochburg des Terrors ist“, sagte Israels Schwimmpräsident Miki Halika dem Spiegel.

Katar finanzierte in der Vergangenheit die radikalislamische Hamas, die mit ihrem Angriff auf Israel am 7. Oktober den Krieg ausgelöst hat. Teile der in den USA und der EU als Terrororganisation eingestuften Hamas halten sich in dem Emirat auf, das aufgrund dieser Verbindungen auch als Vermittler auftritt.

World Aquatics hält den WM-Gastgeber „für eines der sichersten Länder der Welt“. Über einen „eigenen Weg“ zur Olympia-Qualifikation, sollte Israel nicht teilnehmen, sei nicht diskutiert worden.

Seit dem Angriff der Hamas haben israelische Sportler nicht nur in der Heimat den Krieg und seine Folgen erlebt. Die Fechter erhielten in der Schweiz eine Bombendrohung, die Wasserballerinnen mussten bei der EM in den Niederlanden die Halle wegen einer pro-palästinensischen Demo durch einen Hinterausgang verlassen - ebenso wie ihre deutschen Gegnerinnen.