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Der Kettenhund hat Blut geleckt

Wohl kaum eine Szene könnte Robert Andrichs Image als „Ackergaul“ und „Kettenhund“ besser veranschaulichen als jene aus der 68. Minute des Freundschaftsspiels gegen Frankreich. In seinem erst zweiten Länderspiel zeigte der 29 Jahre alte Leverkusener keinerlei Zurückhaltung und legte sich unverblümt mit Weltstar Kylian Mbappé an.

Später erklärte Andrich, er habe dem Torjäger von Paris Saint-Germain „ein kleines Zeichen mitgeben“ wollen. Mbappé hatte nach dem rüden Foul von Andrich beide Beine senkrecht nach oben gestreckt und dabei den Mittelfeldmann unter der linken Achsel getroffen. Beide sahen die Gelbe Karte.

„Ich glaube schon, dass man da definitiv über Rot nachdenken kann“, betonte Andrich im Nachgang über Mbappé: „Wenn er die bekommt, habe ich alles richtig gemacht.“

Mbappé ist nicht sein erstes „Opfer“

Dabei ist Mbappé nicht Andrichs erstes „Opfer“. Seit Jahren ist der Leverkusener in der Bundesliga berüchtigt für seine harte und provokante Spielweise.

„Diese Mentalität, sich immer zu wehren und eklig zu sein, das war schon immer so. Ich bin erst spät gewachsen, erst mit 17 oder 18 habe ich nochmal einen Sprung gemacht“, erklärte Andrich auf der Pressekonferenz vor dem Länderspiel gegen die Niederlande.

Andrichs Art ist ein Segen für die deutsche Nationalmannschaft. In den vergangenen Monaten hatte sich die DFB-Elf im defensiven Mittelfeld oft zu brav und zurückhaltend präsentiert.

Die ersehnte Lösung für das deutsche Mittelfeld?

Seine Mannschaft müsse „endlich anfangen, Fußball wieder zu arbeiten“, hatte Bundestrainer Julian Nagelsmann gefordert und Konsequenzen gezogen. Leon Goretzka blieb bei der jüngsten Nominierung komplett außen vor, während der Coach Joshua Kimmich auf die Rechtsverteidigerposition versetzte und Kapitän Ilkay Gündogan auf die Zehn beorderte.

Mit einem Abräumer wie Andrich kehrt die von Nagelsmann gewünschte Arbeitsmoral auf der Sechs zurück - das zeigte sich beim überzeugenden 2:0-Sieg gegen Frankreich. Mit einer nahezu makellosen Leistung avancierte der Leverkusener zum heimlichen Helden des Spiels.

„Die Euphorie nach dem Frankreich-Spiel ist sehr hoch, aber es ist auch nur ein Spiel. Das zu genießen ist sehr gut und wichtig, aber es geht am Dienstag weiter“, bremste Andrich vor dem Duell mit den Niederlanden.

Kroos und Andrich harmonieren auf Anhieb

Dennoch überzeugte der Nationalspieler an der Seite von Rückkehrer Toni Kroos, indem er unermüdlich ackerte und als laufstarker Sechser die defensive Absicherung für den Starspieler von Real Madrid übernahm. Dabei scheute er keinen Sprint bei gegnerischen Kontern und verzeichnete nach Antonio Rüdiger die meisten Klärungsaktionen.

„Ich versuche mit meiner Spielintelligenz so zuzuarbeiten, dass er seine Qualitäten entfalten kann. Ich denke, wir sind Fußballer durch und durch und können uns so gut ergänzen“, erklärte Andrich das harmonische Zusammenspiel mit Kroos.

Darüber hinaus konnte sich der Leverkusener gegen Frankreich im Spiel nach vorne einbringen, indem er von Beginn an viele Ballkontakte sammelte und 92 seiner 102 Passversuche an den Mann brachte. Andrich ist also mehr als nur ein „Kämpfertyp“.

„Ich weiß natürlich, dass ich im Zweikampfverhalten und beim Thema Mentalität meine Qualitäten habe“, hatte Andrich vor dem Spiel im SPORT1-Interview erklärt. „Aber das ist nicht alles. Die Zeiten, in denen man auf der Sechser-Position einfach nur einen Treter brauchte, sind vorbei. Den einen oder anderen guten Pass kann ich schon auch spielen.“

„Nie aufgegeben“: Andrich trumpft in Leverkusen auf

Mit Blick auf die anstehende Heim-EM im Sommer hat sich Nagelsmann zwar noch nicht auf einen Partner für Kroos in der Zentrale festgelegt, doch Andrich scheint gute Karten zu haben.

An der notwendigen Portion Selbstvertrauen mangelt es dem unermüdlichen Arbeiter ohnehin nicht. „Seit den Länderspielen im November habe ich in Leverkusen wieder mehr Partien absolviert und mir die Einladung verdient“, hatte Andrich bei SPORT1 verdeutlicht.

Nach der Verletzung von Exequiel Palacios rutschte der Nationalspieler zurück in die Startelf von Bayer Leverkusen und präsentierte sich als verlässlicher Stabilisator. „Bei ihm sieht man, dass sich Beharrlichkeit auszahlt. Bei Bayer Leverkusen auf der Bank gesessen, unzufrieden gewesen, aber nie aufgegeben, immer weiter gemacht“, lobte SPORT1-Experte Stefan Effenberg Andrich zuletzt im STAHLWERK Doppelpass.

Andrich strotzt vor Selbstbewusstsein

Im Team von Trainer Xabi Alonso schützt der 29-Jährige die Räume hinter Granit Xhaka, der die Bälle im Mittelfeld verteilt und immer wieder das Tempo des eigenen Spiels dirigiert. Das Szenario kommt dem in der Nationalmannschaft sehr nahe.

Hat Andrich demnach schon einen sicheren Platz im EM-Kader? „Die Erfolge im Verein helfen dir in der Hierarchie der Nationalmannschaft nicht wirklich“, bremste der Mittelfeldmann die Euphorie. „Aber sie machen natürlich selbstbewusst. Man muss sich jedenfalls nicht verstecken.“

Obwohl Andrich als Spätstarter gilt, sieht er seinen bisherigen Werdegang als Vorteil. Nach Stationen bei Dynamo Dresden, Wehen Wiesbaden und Heidenheim debütierte er erst mit 24 Jahren für Union Berlin in der Bundesliga.

Die Schritte seien zwar teilweise nicht alltäglich gewesen, „aber sie haben mich menschlich weitergebracht und dorthin gebracht, wo ich jetzt bin“, bilanzierte Andrich. „Ich bringe allein durch mein Alter und meine Erfahrung schon einiges mit.“

Am Dienstag (20.45 Uhr im LIVETICKER) bietet sich dem Mittelfeldspieler im zweiten Testspiel der Nationalmannschaft gegen die Niederlande die nächste Chance im DFB-Dress. Bundestrainer Nagelsmann hat keine Änderungen in seiner Startelf angekündigt.

Mit einer weiteren Top-Leistung könnte Andrich seinem Bewerbungsschreiben für einen Stammplatz bei der Heim-EM ein weiteres Argument hinzufügen.