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Hat Deutschland bald einen neuen Star?

Hat Deutschland bald einen neuen Star?
Hat Deutschland bald einen neuen Star?

Mit hängenden Köpfen schlichen die deutschen Leichtathleten im vergangenen Spätsommer aus Budapest zurück. Komplett ohne Medaille war die über 70-köpfige DLV-Mannschaft bei den Weltmeisterschaften geblieben, entsprechend groß war die mediale Kritik, der sich vor allem die Führung ausgesetzt sah.

Als einer der wenigen Lichtblicke blieb die Leistung von Zehnkämpfer Leo Neugebauer in Erinnerung, der nach einem fulminanten ersten Tag in Führung gelegen hatte, am Ende aber mit Platz 5 vorliebnehmen musste.

Amadeus Gräber saß in jenen Augusttagen vor dem Fernseher und drückte Neugebauer die Daumen. Er selbst hatte drei Wochen zuvor die Goldmedaille bei der U20-EM in Jerusalem gewonnen und gezeigt, dass der deutsche Zehnkampf in den nächsten Jahren einen weiteren Aufschwung erleben könnte.

Gräber in der Tradition von Lauer, Hingsen und Kaul

Was Gräber damals abriss, war durchaus bemerkenswert: Mit 8209 Punkten katapultierte er sich auf Platz 3 der ewigen U-20-Weltbestenliste – und das im Alter von 18 Jahren.

Auf den EM-Titel angesprochen, bekommt Gräber noch heute leuchtende Augen.

„Nach dem Wettkampf habe ich mir die Fahne geholt und im Stadion wurde ‚Rock me Amadeus‘ in einem Re-Mix gespielt“, erinnert sich der Teenager bei SPORT1. „Das war schon sehr cool. Als wir dann alle die Ehrenrunde gelaufen sind, waren wir erst im Wassergraben baden und standen dann vor der Haupttribüne.“

Dort ging es dann weiter mit dem 80er-Jahre-Hit von Falco: „Meine Mannschaftskameraden haben dann auch ‚Amadeus, Amadeus‘ gesungen.“

Gräber reiht sich mit seinen herausragenden Leistungen im Jugendalter in die große Tradition deutscher Zehnkämpfer. Seit jeher gilt die Königsdisziplin der Leichtathletik als deutsche Spezialität. Unzählige Größen im DLV-Dress hat der Zehnkampf hervorgebracht, von Martin Lauer über Jürgen Hingsen bis zu Niklas Kaul.

Angriff auf Kauls U20-Weltrekord

Jenem Kaul, der 2019 in Doha zum jüngsten Zehnkampf-Weltmeister wurde, will Gräber nun den U20-Weltrekord abluchsen – denn sei Motto ist nicht weniger, als der Beste zu werden. Zunächst bei den Junioren und später auch bei den Erwachsenen.

„Das sagt man ja eigentlich nicht – aber davon ausgehend, dass ich es im letzten Jahr geschafft habe, besser als Niklas Kaul in dem Jahrgang zu sein, habe ich mir dieses Jahr vorgenommen, das beizubehalten. Ich denke, es ist ein Ziel von jedem Zehnkämpfer, irgendwann der Beste von allen zu sein“, gibt sich Gräber kämpferisch. „Wir peilen den Weltrekord auf jeden Fall an.“

8.435 Punkte müsste der Brandenburger dafür übertreffen – kein leichtes, aber beileibe auch kein unmögliches Unterfangen. Steigerungspotenzial hat er in seinem jungen Alter ohnehin noch genug. „Ich sehe nicht eine Disziplin als Hauptpunkt, sondern ich will mich überall ein bisschen steigern“, sagt Gräber. „Überall ein bisschen drauflegen und am Ende summiert sich das in einem Zehnkampf.“

Im brandenburgischen Nauen, wo Gräber beheimatet ist, hat man das gesamte Umfeld auf den hochtalentierten Zehnkämpfer angepasst. Sein Verein, der SV Leonardo-da-Vinci Nauen, hält ihm komplett den Rücken frei, auf dem Campusgelände stehen ihm drei Hallen zum Training zur Verfügung. Außerdem profitiert Gräber im nahen Potsdam von Kontakten zu Coaches, wie dem Stabhochsprung-Bundestrainer der Frauen Stefan Ritter, der ihn in dieser Disziplin mitbetreut.

Umfeld komplett auf Gräber ausgerichtet

Dabei hätte Gräber, der im Herbst ein Medizinstudium aufgenommen hat, fast die Brocken hingeworfen, wie er sich zurückerinnert. „Ich hatte irgendwann nicht mehr so viel Spaß daran, weil ich zu der Zeit einen Trainer hatte, mit dem es nicht so gut lief, auch zwischenmenschlich. Ich wollte eigentlich aufhören“

Als sein heutiger Trainer Manfred Hofmann in Nauen aufschlug, war Gräber aber wieder Feuer und Flamme: „Hofmann hat angefangen, um mich herum ein Konstrukt aufzubauen, das mir ermöglicht Mehrkampf zu machen.“

Dennoch ist es auch für einen potenziellen Olympiakandidaten in Deutschland kein Leichtes, seinen Hochleistungssport sorgenfrei zu betreiben. „Es ist sehr kosten- und zeitintensiv und man braucht die richtigen Ressourcen dafür“, berichtet er, „Ein Großteil kommt durch die Unterstützung der Eltern, sonst ist das so nicht möglich, so viel in den Mehrkampf zu investieren.“

Nun geht es aber volle Kraft voraus – wie vor einer Woche, als er die deutschen Hallenmeisterschaften bei den U-20-Junioren gewann. Seine Stärken hat Gräber vor allem über die Hürden und beim Stabhochsprung. Während die meisten seiner Kollegen bei der Lattenüberquerung Schwächen haben, sieht der Youngster beinahe aus wie ein Spezialist.

Stärken mit dem Stab - Schwächen mit der Kugel

Gräber erinnert sich an seine ersten Versuche: „Ich habe im November 2018 angefangen und einen Monat später bin ich 2,50 Metern gesprungen. Dann habe ich mich schnell gesteigert. Mittlerweile ist Gräber bei 5,10 Meter angekommen, im Training waren es sogar schon fünf Zentimeter mehr.

„Beim Stabhochsprung ist es günstig, wenn man das Koordinative ganz gut kann“, erklärt er. „Es ist nicht so wichtig unglaublich muskulös zu sein, sondern eher schnell und etwas kleiner und leichter. Das kam mir immer zugute.“

Mit 184 Meter bei 78 Kilo gehört er zu den schmächtigeren Athleten, Dennoch wird sich sein Körperbau in den kommenden Jahren noch verändern, davon ist der Teenager überzeugt. „Ob ich es will oder nicht, da wird mit dem weiteren Training Masse dazukommen.“ Damit dürfte er auch seine bislang größte Schwäche, das Kugelstoßen, Schritt für Schritt ausmerzen.

Dennoch wird er im Vergleich zu Neugebauer, der mit seinen knapp 2 Metern und 110 Kilo Gewicht in einer anderen Preisklasse unterwegs ist, immer vergleichsweise schmächtig bleiben – doch das muss kein Nachteil sein. „Ich habe mal auf die Ergebnisliste der erwachsenen Zehnkämpfer geschaut und die einzigen Athleten, die über 9.000 Punkte gekommen sind, waren alle zwischen 1,84 und 1,86 Meter groß.“

Erst Kaul den U20-Weltrekord abluchsen - und in ein paar Jahren den Weltrekord der Erwachsenen, den der Franzose Kevin Mayer mit 9.126 Punkten hält? „Das sind meine Hoffnungen, dass ich mich da irgendwann einmal einreihen kann“, gibt er sich angriffslustig.

Die olympischen Spiele in Paris kommen indes noch etwas zu früh, aber schon auf die WM in Tokio 2025 schielt Amadeus Gräber. Hängende Köpfe könnten dann der Vergangenheit angehören.