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Formel 1 vergisst Mick Schumacher

Von einer „tektonischen Plattenverschiebung“ und einem „Erdbeben“ ist in der internationalen Presse am Tag nach Lewis Hamiltons Sensationswechsel zu Ferrari zu lesen.

In dessen Epizentrum steht jedoch allein Mercedes, denn während die Tifosi schon ihren neuen Heilsbringer feiern, finden sich die Silberpfeile in einer Situation wieder, wie sie das Team letztmalig 2016 nach dem überraschenden Rücktritt von Nico Rosberg erlebte – nur noch schlimmer: Den erfolgreichsten Formel-1-Fahrer der Geschichte adäquat zu ersetzen: Schon per Definition ein Ding der Unmöglichkeit.

Ähnlich wie damals geben sich Fans, Verantwortliche und Medien teils wilden Spekulationen über das vakante Mercedes-Cockpit hin. Auffällig dabei: Die zumindest auf dem Papier logische Variante, Test- und Reservefahrer Mick Schumacher, findet vor allem in der internationalen Medienlandschaft kaum Berücksichtigung.

Formel 1 vergisst Mick Schumacher

Ausgerechnet die offizielle Webseite der Formel 1 veröffentlicht am Freitag sogar eine Liste mit potenziellen Kandidaten für die Hamilton-Nachfolge, auf der man den Namen Schumacher vergeblich sucht. Zweifelsohne kann man nach schmerzvollen Jahren bei Haas über Mick Schumachers Talent geteilter Meinung sein, den offiziell dritten Fahrer eines Teams aber nicht mal zu erwähnen, grenzt schon an Frechheit.

So sehr den deutschen Formel-1-Fans die Ignoranz von Verfasser Lawrence Barretto dabei übel aufstoßen mag, zeugt sie doch nur von einem engstirnigen britischen Blickwinkel auf das nur noch wenig deutsche Werksteam, das durch seine Teamsitze in Brackley und Brixworth, dem Einstieg von Ineos-Gründer und neuerdings Manchester-United-Mitbesitzer Jim Ratcliffe und nicht zuletzt mit dem britischen Fahrer-Duo Hamilton/Russell in den letzten Jahren immer mehr in den Union Jack gehüllt wurde.

Allein: Mit Blick auf Schumi Jr. kommt man auch hierzulande nicht umhin, die Frage zu stellen, ob Teamchef Wolff seine PR-wirksamen Aussagen des vergangenen Jahres, in denen er den 24-Jährigen immer wieder über den grünen Klee lobte, jetzt auf die Füße fallen, wo er plötzlich realistisch ein Cockpit zu vergeben hat?

Fakt ist: Wolff steht seit dem Platzen der Hamilton-Bombe unter enormem Druck. Durch den spontanen Abgang von Mercedes‘ größtem Werbeträger rumort es auch in der Stuttgarter Konzernzentrale und der Österreicher täte gut daran, einen großkalibrigen Nachfolger zu finden.

Schumi Jr. droht Wehrlein-Schicksal

In Schumachers Fall ist zwar der Name klangvoll, sportlich wäre eine Beförderung ins Hamilton-Cockpit aber schon ein großes Wagnis.

Zum Vergleich: Als Rosberg 2016 den Abflug machte, wäre gemäß teaminterner Rangfolge schon einmal ein junger deutscher Fahrer aus dem Nachwuchskader der Silbernen die logische Schlussfolgerung gewesen: Pascal Wehrlein wurde der Schritt damals aber trotz vorheriger Lobgesänge nicht zugetraut, stattdessen entschied sich Wolff für den deutlich erfahreneren und etablierten Valtteri Bottas, der ebenfalls unter seinem Management stand.

Das Äquivalent dazu wäre dieser Tage Esteban Ocon. Der Ex-Mercedes-Junior wurde vor Jahren bei Alpine geparkt und macht für die Renault-Tochter seither einen soliden Job. Die Bande zu Wolff, der große Stücke auf Ocon hält, bestehen weiter.

Der Franzose wäre wohl entsprechend leicht aus seinem Kontrakt zu lösen und zu den Silberpfeilen zu lotsen. Für Mick Schumacher könnte das dann doch noch etwas Gutes haben, wäre damit schließlich das Cockpit seines Kumpels bei Alpine frei, für die der Deutsche dieses Jahr ohnehin erstmals in der Sportwagen-WM antritt.

Die mangelnde Strahlkraft eines Ocon spricht jedoch gegen dieses Konstrukt, denn im Unterschied zum Szenario von 2016 hat Wolff nicht noch einen weiteren Weltmeister im Team, sondern mit George Russell jemanden, der es gerade mal auf einen Grand-Prix-Sieg (Brasilien GP 2022) bringt. Will Wolff also einen Champion, falls Russell die alleinige Anführer-Rolle nicht zugetraut wird, kommen vor allem zwei klangvolle Namen ins Spiel.

Wolff bestätigt Kontakt zu Vettel

Der eine ist Sebastian Vettel. Von der britischen Journaille in ihren Auflistungen natürlich ebenso übergangen wie Schumi Jr., weist auch Wolff die Personalie des vierfachen Weltmeisters am Mittwoch in seiner Presserunde erstmal zurück: „Ich glaube, dass Sebastian die Entscheidung getroffen hat, dass er das nicht mehr machen will“, sagt Wolff mit Blick auf ein mögliches F1-Comeback und fügt an: „Aber als Freund kommuniziere ich mit ihm regelmäßig. Wir haben auch gestern kommuniziert, aber nicht darüber, ob er wieder fährt.“

Dabei soll sich Vettel nach SPORT1-Informationen durchaus eine Formel-1-Rückkehr vorstellen können, würde er es damit doch auch seinem großen Idol Michael Schumacher gleichtun, der nach dem Abschied von Ferrari und dem ersten Karriereende fürs Comeback mit Mercedes aus dem Ruhestand zurückkehrte.

Für den Heppenheimer, der sich zum Ende bei Aston Martin im sportlichen Niemandsland verabschieden musste, ein durchaus reizvolles Szenario.

Ex-Weltmeister hofft auf ewigen Alonso

Stichwort Aston Martin: Der andere große Name, der vielleicht noch nicht aufs Wolff Zettel steht, es aber wohl sehr bald dürfte, ist Fernando Alonso.

Der umtriebige Spanier soll das Stühlerücken, wie immer bei Bewegungen auf dem F1-Markt, mit großem Interesse verfolgt haben – und bereits versuchen, sich in Stellung zu bringen und Politik für seine Person zu machen, sei es über im Fahrerlager bestens vernetzte Figuren wie Manager Flavio Briatore.

Ex-Weltmeister Jenson Button traut Alonso den Wechsel zu den Silberpfeilen jedenfalls auch im hohen Alter noch zu: „Ich würde am liebsten Alonso im Mercedes sehen. Ja, er ist jetzt 42, aber der Hunger ist da. Und wenn der Hunger da ist, dann ist es auch die Fitness. Er fährt jeden Tag, egal ob im Go-Kart oder irgendeinem Rennauto. Ich denke, das könnte wirklich eine coole Partnerschaft sein“, sagt Button bei Sky Sports F1 über den WM-Vierten von 2023, dessen Aston-Martin-Vertrag Ende des Jahres ausläuft.

Immerhin: Eine Alonso-Verpflichtung schließt Wolff bei seinem ersten Medienauftritt nach dem Hamilton-Abgang am Freitag nicht aus. Vielmehr sagt der Wiener mit Blick auf Mercedes‘ Fahrerwahl: „Vielleicht ist das die Chance, etwas Mutiges zu machen...“

Youngster, Albon oder sogar ein Red-Bull-Star?

Eine Aussage, die sich jedoch getrost auch in die entgegengesetzte Richtung interpretieren lässt. Denn statt des F1-Methusalems könnte Wolff auch auf Mercedes‘ Juniorenprogramm zurückgreifen: Mit Frederik Vesti und vor allem Andrea Kimi Antonelli stehen zwei hoffnungsvolle Talente in den Startlöchern, für beide dürfte der Sprung ins Mercedes-Cockpit aber ein bisschen zu früh kommen. Eine Zwischenstation bei einem Kundenteam wie Williams, wie einst im Fall von George Russell erfolgreich praktiziert, würde sich schon eher anbieten.

Der Blick auf Motorenkunde Williams lohnt sich dennoch doppelt, steht dort mit Alex Albon aktuell eine der heißeren Aktien auf dem Fahrermarkt unter Vertrag. Das gute Verhältnis von Wolff zu Ex-Mercedes-Mann James Vowles, der mittlerweile die Geschicke beim Traditionsrennstall leitet, ist bekannt.

Hinzu kommt: Wie SPORT1 erfuhr, hat Red Bull keinen Zugriff mehr auf Albon, die entsprechenden Optionen auf ihren ehemaligen Junior sind abgelaufen. Der Weg zu Mercedes wäre für ihn also frei.

Ganz anders sieht das bei Daniel Ricciardo aus, dessen Name überraschend auch auf der Liste der F1-Webseite für die Hamilton-Nachfolge auftaucht.

Dabei kämpft der Australier bei Red Bulls B-Team Visa Cash App RB (vormals AlphaTauri) eigentlich gerade um seine Rückkehr an die Seite von Weltmeister Max Verstappen, will dort den schwächelnden Sergio Perez beerben. Red-Bull-Berater Helmut Marko winkt gegenüber SPORT1 deshalb ab: Ricciardo hat noch langfristig Vertrag und ist nicht verfügbar.

McLaren: Mercedes-Motoren als Joker

Gleiches gilt nicht nur für Hamiltons zukünftigen Teamkollegen Charles Leclerc, der erst vor einer Woche seinen Ferrari-Kontrakt verlängert hat, sondern auch für die heißbegehrten McLaren-Piloten Lando Norris und Oscar Piastri.

„Es wurden in den letzten Wochen ein paar Verträge unterschrieben, die wir uns angeschaut hätten. Das wäre interessant gewesen, aber das Timing hat uns da etwas getroffen“, gibt Wolff mit Blick auf Leclerc und Norris unumwunden zu.

Zumindest im Fall der McLaren-Piloten bietet sich für Mercedes aber vielleicht noch eine Hintertür: Schließlich besteht auch mit dem Rennstall aus Woking eine langfristige Motoren-Partnerschaft. Mögliche Vergünstigungen bei den Aggregaten könnten McLaren-Boss Zak Brown unter Umständen zu Verhandlungen oder sogar der Freigabe eines seiner beiden Piloten veranlassen, zumal McLaren dieser Tage traditionell über einen prall gefüllten Fahrerpool verfügt.

Notgedrungen ebenfalls auf dem Markt ist seit Mittwoch auch Hamiltons Ferrari-Vorgänger Carlos Sainz. Den Spanier zieht es dem Vernehmen nach aber zu einem anderen deutschen Hersteller: Audi steigt 2026 in die Königsklasse ein. Nicht nur gewann Sainz‘ Vater Carlos Sr. gerade erst die Rallye Dakar für die Ingolstädter, der 29-Jährige würde dort auch auf seinen ehemaligen McLaren-Teamchef Andreas Seidl treffen, der mittlerweile die Geschicke bei Audis F1-Projekt leitet.