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Die deutsche Teenie-Sensation

Die deutsche Teenie-Sensation
Die deutsche Teenie-Sensation

In der letzten Kurve nahm Johanna Martin ihr Herz in beide Hände. Etwa 70 Meter vor dem Ziel trat sie aus dem Windschatten von Alica Schmidt auf die Außenbahn und überholte die Favoritin mit einem beherzten Schlussspurt.

Gut zwei Meter vor ihrer prominenten Konkurrentin kam die Athletin des LAV Rostock ins Ziel und krönte sich in Leipzig sensationell zur Deutschen Meisterin über 400 Meter.

Das Besondere an Martins Triumph in der Halle: Sie ist gerade einmal 17 Jahre alt – und spätestens seit diesem Rennen die größte deutsche 400-Meter-Hoffnung seit langer Zeit. Genau genommen seit 19 Jahren.

„Grit ist hier in Rostock oft in der Halle“

Damals, im Jahr 2006, trat die hochdekorierte Grit Breuer (heute Breuer-Springstein) zurück und hinterließ nicht nur eine riesige Lücke auf der einstigen deutschen Paradestrecke, sondern auch einige Fragezeichen ob eines Doping-Ermittlungsverfahrens, das nach ihrem Rücktritt eingestellt wurde.

Johanna Martin und Grit Breuer – zwei Generationen von Langsprinterinnen, die sich dieser Tage kurioserweise häufig über den Weg laufen. „Grit ist hier in Rostock oft in der Halle“, verrät Martin im Gespräch mit SPORT1.

Das liegt allerdings nicht an der neuen Deutschen Meisterin, sondern an Breuers Tochter Paula, die die Staffel-Weltmeisterin von 1997 zusammen mit ihrem Mann Thomas Springstein in einem erst kürzlich gegründeten Verein trainiert und damit für einige Irritationen sorgte.

Derlei Probleme belasten die hochtalentierte Martin nicht – und wer sich mit ihr unterhält, erlebt eine erstaunlich fokussierte und reife Teenagerin, die von ihrem Meister-Coup am wenigsten überrascht zu sein scheint.

„Dass ich in diesem Jahr unter 53 Sekunden laufen kann, hatte sich schon angebahnt“, erzählt sie. „Durch den Trainerwechsel zu Birger Voigt konnte ich intensiver, besser und nachhaltiger trainieren. Entsprechend sind meine Trainingsleistungen momentan sehr gut und zum Glück bin ich auch gesund. Ich hoffe, dass ich das Niveau halten kann.“

Unter 50 Sekunden? „Traue ich mir irgendwann zu“

52,55 Sekunden hatte sie in Leipzig bereits im Vorlauf auf die Bahn getrommelt, und zunächst hieß es, Martin habe den deutschen U20-Rekord um eine mickrige Hundertstelsekunde verpasst. „Mein Trainer und der DLV haben nochmal recherchiert und herausgefunden, dass ich ihn doch gebrochen habe. Das ist das Letzte, was ich gehört habe“, sagt sie nun.

So oder so dürfte es nicht der einzige Rekord sein, den Martin in ihrer Karriere noch knacken wird – auch wenn eine ganz bestimmte Bestmarke wahrscheinlich unberührt bleiben wird. Grit Breuers Junioren-Weltrekord aus dem Jahr 1991, der bei sagenhaften 49,42 Sekunden liegt.

Eine Zeit unter der magischen 50-Sekunden-Grenze, die seit Breuer keine deutsche Athletin mehr erreichte, ist für Martin - im Gegensatz zu Alica Schmidt - keine Utopie, wenn auch nicht in naher Zukunft. „Die traue ich mir irgendwann mal zu, aber erst in vielen Jahren“, sagt sie.

Ohnehin ist die nahe Zukunft für Martin, die die Superstars Femke Bol und Sydney McLaughlin als Vorbilder nennt, schon aufregend genug. Die nächsten Aufgaben, die auf sie warten, zaubern ihr schon heute ein Lächeln ins Gesicht. „Wir fahren zehn Tage in Trainingslager nach Portugal, dann bin ich eine Woche in Rostock“, sagt sie. „Anschließend sind wir zwei Wochen lang im Trainingslager auf La Palma – und von da geht‘s hoffentlich zur Staffel-Weltmeisterschaft auf die Bahamas.“

Über die Bahamas zu Olympia nach Paris?

Damit sie das straffe Programm, das Ende August auch noch die U20-WM in Peru vorsieht, überhaupt durchziehen kann, wurde der Unterricht auf ihrer Sportschule um ein Jahr gestreckt: „Mein Tagesablauf ist sehr durchgetaktet, da bleibt kaum Zeit für andere Dinge. Aber meine Schule unterstützt mich da sehr in allen Belangen.“

Dass der DLV nicht auf seine aktuell schnellste Läuferin verzichten wird, versteht sich fast von selbst. „Wenn ich beim Leistungsnachweis gut abschneide, dann wird noch geklärt, ob ich mitkomme“, sagt sie. „Aber ich bin zuversichtlich, dass ich das schaffe.“

Auf der Karibik-Insel könnte sich Anfang Mai schon entscheiden, ob die Deutsche Meisterin eine weitere Reise für den Sommer einplanen kann: Die nach Paris zu den Olympischen Spielen.

Letztlich könnte auch Alica Schmidt von der starken Form ihrer Konkurrentin profitieren. Denn sollte Martin weiter so schnell laufen wie in Leipzig, könnte sie die deutsche Frauen-Staffel nach Paris führen.

Gut möglich also, dass Johanna Martin wieder ihr Herz in beide Hände nehmen wird.