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Wo früher Freundschaft war, ist jetzt bittere Kälte

Es ist ein symbolischer Akt, der für Aufsehen sorgt - und ein Schlaglicht darauf wirft, welche bitteren Risse der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine auch im Sport hinterlassen hat.

Die ukrainische Tennisspielerin Marta Kostjuk hat am Wochenende ihrem ersten Turniersieg auf der WTA-Tour gefeiert, danach verweigerte sie ihrer russischen Gegnerin den üblichen Handschlag am Netz. Nach ihrem 6:3, 7:5-Erfolg gegen die Russin Warwara Gratschewa im Finale von Austin lehnte sie auch ein gemeinsames Fotoshooting mit ihrer Kontrahentin ab.

Nach ihrem verwandelten Matchball war Kostjuk, die sich durch ihren Erfolg in der Weltrangliste von Platz 52 auf 40 verbessert, weinend zu Boden gesunken. „Ich möchte diesen Titel der Ukraine und all den Menschen widmen, die momentan kämpfen und sterben“, sagte die 20-Jährige bei der Siegerehrung unter dem Beifall der Zuschauer: „Das ist natürlich ein ganz besonderer Moment.“

Der Weltverband WTA verbreitete die Rede auf seinen sozialen Kanälen, der stille Eklat mit Gratschewa wurde nicht thematisiert. Ebenso wenig, dass er kein spontaner Einfall war.

Kostjuk stellte auch WTA und ATP an den Pranger

Die in Kiew geborene Kostjuk hat schon wiederholt lautstark Position zum Ukraine-Krieg bezogen und dabei auch WTA, ATP und andere verantwortliche Organisationen für ihre „stumme“ Reaktion auf die Ereignisse an den Pranger gestellt.

Im vergangenen April veröffentlichte Kostjuk einen scharfen Forderungskatalog, der die Tennis-Szene aufforderte, russische und belarussische Athletinnen und Athleten von allen Wettbewerben auszuschließen und damit dem Beispiel Wimbledons zu folgen. Mindestens sollten alle dazu gebracht werden, Position zum Krieg und zu den autoritären Regimen von Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko beziehen: „Es gibt Zeiten, in denen Schweigen Verrat ist. Jetzt ist diese Zeit.“

Kostjuks Forderungen fanden kein Gehör, sie selbst zog ihre Konsequenzen: Bereits bei den US Open im vergangenen Jahr hatte sie der Belarussin Wiktoria Asarenka den Handschlag verweigert. Zudem kritisierte sie bei den Australien Open im Januar offen den Vater von Grand-Slam-Rekordsieger Novak Djokovic. Srdjan Djokovic war nach dem Halbfinaleinzug seines Sohnes mit Fans gefilmt worden, die eine russische Flagge und prorussische Symbole zur Schau gestellt hatten - keine böse Absicht, nach Darstellung von Sohn Novak.

Kostjuk brach mit allen russischen Freundinnen und Freunden

Im vergangenen Frühjahr hatte Kostjuk in einem Interview mit Eurosport verdeutlicht, wie tief der persönliche Einschnitt war, den sie vollzogen hat: Sie hätte „alle Kontakte zu russischen und belarussischen Spielerinnen und Spielern abgebrochen“, sei persönlich enttäuscht davon, dass diese zur Tagesordnung übergangen seien.

„Wir waren Freunde, aber keiner hat versucht, mit mir darüber zu reden. Das reicht mir als Grund“, berichtete sie: „Was auch immer ihre wahren Gefühle sind: Es ist mir egal.“

Kostjuk ließ auch den Einwand nicht gelten, dass die russischen und belarussischen Stars Angst vor Repressalien ihrer Regimes haben könnten: „Seien wir ehrlich: Top-50-Spieler haben genug Geld, um ihre Familien umzusiedeln. Es ist nicht so, dass sie keine Wahl hätten.“

Der Umgang zwischen Kostjuk und der 22 Jahre alten Gratschewa - Nummer 59 der WTA-Weltrangliste - verdeutlicht nun die neue Realität: Die beiden jungen Spielerinnen schienen vor dem Krieg ein herzliches Verhältnis zu haben, nach ihrem Drittrunden-Duell bei den French Open 2021 schüttelten sie sich nicht nur die Hand, Kostjuk umarmte ihre Kontrahentin auch.

Kein Jahr später war alles anders.