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Tuchels Erfolg brachte überall Irritationen mit sich

Er feierte acht Siege in der Champions League und spielte gegen Barcelona (mit Lewandowski) und gegen Paris Saint-Germain (mit Mbappé) sogar zu Null. Und trotzdem wurde Trainer Julian Nagelsmann beim FC Bayern gefeuert. Was hat er verbrochen?

Zugegeben, Julian Nagelsmanns Saisonbilanz ist für Bayern-Verhältnisse durchwachsen: Drei Pleiten in der Bundesliga, viel zu viele Unentschieden (sieben), nur Platz zwei hinter Borussia Dortmund, dabei zwei Siege weniger als der Spitzenreiter. Aber ist das ein Entlassungsgrund?

Mit einem ultralangen Arbeitsvertrag bis 2026 wollte sich Bayern München doch allen Zwängen des Leistungsprinzips entziehen, als sie Nagelsmann vor zwei Jahren von RB Leipzig holten und knapp 25 Millionen Euro Ablöse zahlten. Man wollte: Gemeinsam „etwas aufbauen“.

Neues Nagelsmann-Gefühl: Oh Gott, der BVB hat einen Lauf!

Die Bayern bauten ihm die Mannschaft, die er wollte (Sabitzer), ließen Stars gehen, die ihn nervten (Lewandowski), und provozierten Leistungsträger, die einen Trauzeugen im Trainerstab verloren (Neuer). Alles für Nagelsmann: Das muss dieses langfristige Denken sein, das alle Klubs wollen.

Nochmals: Warum also die Trennung? Der Verdacht liegt nahe: Bayern hat in atemberaubender Geschwindigkeit sein Vertrauen in Nagelsmann verloren, dass er das Saisonziel Nummer 1 (die elfte Meisterschaft in Folge) tatsächlich erreicht.

Am 1. April, kein Witz, kann Dortmund mit einem Auswärtssieg in München den Vorsprung auf vier Punkte ausbauen. Das alte „Mia San Mia“ des FC Bayern hätte gesagt: Pack ma‘s! Übersetzt: Denen zeigen wir‘s! Das neue Nagelsmann-Gefühl vermittelte: Oh Gott, der BVB hat einen Lauf!

Was man den Bayern zugutehalten muss: Sie schicken keinen Meistertrainer leichten Herzens in die Wüste. So eine Trainer-Entlassung kostet ja Millionen. Es muss sich etwas zusammengebraut haben, das mit dem 1:2 in Leverkusen und dem Sturz auf Platz zwei nur bestätigt wurde.

Ob ihnen Nachfolger Thomas Tuchel aber liefert, was sie von Nagelsmann erwartet haben, also Meistertitel, DFB-Pokal und Henkeltopf, ist genauso eine Frage für Sterndeuter, Glaskugelgucker und Vereinsbosse wie schon bei Nagelsmann 2021. Es gibt keine Garantie, bei keinem Trainer.

Von Tuchel wissen die Bayern zumindest, dass er sogar mit dem BVB zwei Jahre lang fast denselben Punkteschnitt holte wie Nagelsmann jetzt bei Bayern (2,19). Und auch, dass er weiß, wie man die Champions League gewinnt (2021 mit Chelsea).

Was in der Tuchel-Vita auffällt: Überall brachte sein Erfolg Irritationen mit sich. Unvergessen sind seine zwei Jahre bei Borussia Dortmund. Als er 2017 den DFB-Pokal gewonnen hatte, schickte ihn Klubchef Aki Watzke vorzeitig und konsequent fort: „Es gibt einen Dissens, ja.“

Bei PSG und Chelsea vorzeitig weg

Ähnlich bei PSG: Zuerst größter Vereinserfolg mit dem Erreichen des Champions-League-Finals 2020, ein halbes Jahr später die Trennung. Ebenso bei Chelsea: Champions League 2021 völlig unerwartet gewonnen, ein Jahr später überraschend der Abschied.

Immer wieder traten Meinungsverschiedenheiten mit den eigenen Bossen zutage. In Dortmund ging‘s um die Folgen beim Bus-Attentat vorm Monaco-Spiel, in Paris um Kompetenzgerangel mit dem Sportdirektor, bei Chelsea um die Kaderplanung. Langweilig wurde es mit Tuchel nie.

Sein Selbstbewusstsein hat unter den Demissionen nie gelitten. Thomas Tuchel darf ja mit Recht behaupten: Wo er arbeitete, war der Erfolg immer da.

Über Risiken und Nebenwirkungen werden sich die Bayern-Bosse beim BVB-Kollegen am 1. April persönlich erkundigen können.

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