Werbung

"Franzosen, Spanier & Engländer bekommen es alle hin …"

Plötzlich sind sie die großen Stars. Als der Flieger der U17-Weltmeister aus Indonesien am Montagmorgen um 6.40 Uhr am Frankfurter Flughafen landete, ging der Party-Marathon für die großen Talente weiter.

Ab 9.20 Uhr präsentierte sich die von Christian Wück trainierte Mannschaft mit dem WM- und EM-Pokal in der DFB-Zentrale – begleitet von Funktionären, Freunden und Familie.

Wück nimmt Vereine in die Pflicht

Plötzlich sind die Namen Paris Brunner, Noah Darvich, Max Moerstedt, Fayssal Harchaoui oder Konstantin Heide nicht mehr nur den Branchenkennern bekannt. Sie sind plötzlich schon Vorbilder für noch jüngere Generationen, sie sind die ersten U17-Weltmeister der DFB-Historie. Der Architekt dieses Erfolges? Wück!

Der frühere Profi, der 168 Bundesligapartien für Nürnberg, Karlsruhe und Wolfsburg bestritt, hat exakte Vorstellungen, wie es weitergehen soll. „Ich habe den Spielern gesagt, dass ihr nächster Schritt im Verein stattfinden muss. Und die Vereine müssen Mittel und Wege finden, den Talenten Spielzeit auf höchstem Niveau zu geben“, forderte Wück in einem Pool-Interview auf SPORT1-Nachfrage.

Vergleich mit dem Ausland: „Warum bekommen wir das nicht hin?“

Deutschland habe genug Talente: „Aber wir bekommen es in der 1. und 2. Bundesliga und in der 3. Liga nicht hin, ihnen Spielzeit zu geben. Mein früherer Teamkollege Manfred Schwabl hat schon gesagt, dass wir uns dafür schämen müssen, dass wir diese Förderung in Deutschland nicht hinbekommen.“

Wück betonte mit Blick auf das Ausland: „Die Franzosen, Spanier und Engländer bekommen es alle hin, nur wir in Deutschland nicht. Der FC Barcelona lässt schon einen 2007er in der ersten Mannschaft spielen. Warum bekommen wir das nicht hin?“

Die Faktoren Vertrauen und Nestwärme stehen dabei im Blickfeld: „Das war das große Plus bei uns. Wir haben den Spielern vertraut und sie haben uns vertraut. Das ist keine Einbahnstraße. Dieses Vertrauen haben die Profivereine nicht.“

Wück trifft damit einerseits den Nagel auf den Kopf. Wenn die Trainer der Profiklubs den Spielern keine Möglichkeiten geben und ihnen auch einmal schlechte Phasen zugestehen, dann können sie sich nicht entwickeln. Zu schnell werden junge Spieler als erstes ausgewechselt, wenn das Ergebnis nicht stimmt. Es ist die einfachste Entscheidung, die des geringsten Widerstandes. Hier müssten Trainer teilweise mehr Geduld aufbringen.

Beispiel Samed Yesil: Nicht jeder packt den Durchbruch

Andererseits ist der Sprung vom Jugend- in den Herrenfußball natürlich ein gewaltiger – vor allem, was Physis, Erfolgsdruck und Spieltempo angeht. Das zeigt unter anderem das Beispiel Youssoufa Moukoko! Der Angreifer von Borussia Dortmund knackte im U-Bereich alle Rekorde.

Bei den Profis ist ihm auch drei Jahre nach seinem Debüt am 21. November 2020 nicht der endgültige Durchbruch geglückt. Trainer Edin Terzic wirft ihn in unregelmäßigen Abständen ins Rennen, doch von einem Stammplatz ist er weit entfernt.

Auch ein genauerer Blick auf die U17, die 2011 in Mexiko den dritten Platz holte, lohnt sich: Emre Can packte auch auf internationaler Bühne den Durchbruch. Doch sonst? Mitchell Weiser, Rani Khedira oder Marvin Ducksch entwickelten sich zu guten Bundesligaspielern.

Schlussmann Odisseas Vlachodimos (Nottingham Forest) und Kaan Ayhan (Galatasaray Istanbul) performen im Ausland. Viele von den damaligen Talenten sind aber vollständig in Vergessenheit geraten, vor allem der 2012 zum FC Liverpool gewechselte Samed Yesil.

Die U21-Europameister 2009 waren das Grundgerüst für den WM-Titel 2014

Als positive Gegenbeispiele gelten hingegen die Jahrgänge 1987 und 1988. Mats Hummels, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Sami Khedira, Mesut Özil und Manuel Neuer wurden 2009 U21-Europameister und bildeten später auch das Gerüst der A-Nationalmannschaft, die 2014 in Brasilien triumphierte.

Es gilt nun, die richtige Mischung zu finden. Die U17-Juwele müssen mit der neuen Aufmerksamkeit umzugehen lernen, dürfen ihre demütige Haltung nicht verlieren. Posterboy wird man schnell - ein Bild für die Ewigkeit gibt es nur äußerst selten.

SPORT1-Experte Stefan Effenberg erkannte im STAHLWERK Doppelpass: „Jetzt ist der entscheidende Punkt. Na klar, hören die Jungs jetzt viel über große Verträge und viel Geld. Das ist aber nicht das Entscheidende - das Geld spielt wirklich keine Rolle, das müssen die Jungs begreifen.“

Die U19-Bundesliga wird möglicherweise einen Push erfahren und näher von der Öffentlichkeit verfolgt. Berater reißen sich um diese Jungs, locken mit (teilweise kaum einhaltbaren) Versprechungen. Die Profiklubs stehen ebenfalls unter einem gewissen Druck, werden zu den Plänen im Umgang mit den Talenten befragt. Wück hat die Route vorgegeben. Es bleibt spannend, ob alle Beteiligten dieser Marschrichtung folgen können.