Taliban vertreiben tausende Hazara aus ihren Häusern - im Winter droht eine Katastrophe

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Tausende Hazara leben nach ihrer Vertreibung in notdürftigen Zelten (Bild: Screenshot/Twitter/Basir Ahang)
Tausende Hazara leben nach ihrer Vertreibung in notdürftigen Zelten (Bild: Screenshot/Twitter/Basir Ahang)

In Afghanistan vertreiben die Taliban systematisch tausende Menschen. In besonderem Maße betroffen ist die Volksgruppe der Hazara. Angesichts des strengen Winters in dem Land wachsen Sorgen vor einer weiteren humanitären Katastrophe.

Nach Informationen der BBC wurden in der Provinz Daikondi, die zum zentralen Siedlungsgebiet der Hazara gehört, seit Anfang September mehr als 1200 Familien aus ihren Häusern vertrieben. Tausende Menschen leben seitdem unter elenden Bedingungen in notdürftigen Zeltlagern und Höhlen in den Bergen. 

Kämpfer der Taliban fordern die Bevölkerungen ganzer Dörfer unter Androhung von Gewalt dazu auf, ihre Heimat zu verlassen, wie auch der “Spiegel” am Wochenende beschrieb. Sie berufen sich auf Urteile von Taliban-Richtern, die das Land paschtunischen Großgrundbesitzern zusprechen. Das von den Kämpfern vorgezeigte Dokument hätten sie sich dabei nicht selbst aus der Nähe ansehen dürfen, berichtete ein betroffener Bauer dem “Spiegel”. Ein Taliban-Richter in Gizab behauptete, das örtliche Grundbuch sei bei Kämpfen zerstört worden, doch er habe die Unterlagen gesehen, die den Anspruch eines paschtunischen Mannes bestätigen sollten. Einige Dorfbewohner bestreiten dies und versuchen, den Rechtsweg zu bestreiten, obwohl kaum jemand Vertrauen in die Taliban-Justiz hat.

Viele andere sind bereits geflohen, da sie keine Aussichten auf einen erfolgreichen Widerstand sehen. In anderen Fällen wurden umgehend gewaltsam Fakten geschaffen. Die BBC zeigte Aufnahmen von der Sprengung eines Hauses, dessen Besitzer sich geweigert hatte, dem Räumungsbescheid der Taliban Folge zu leisten. “Sie haben uns keinen Grund genannt”, schilderte dieser. “Sie haben nur gesagt, das ist unser Land und ihr solltet gehen.” Bei ihrer Vertreibung hätten er und seine Familie fast keine Besitztümer mitnehmen können.

“Sie haben uns alles genommen, auch den Weizen und die Mandeln, die wir anbauen. Jetzt sind wir hier ohne Unterkunft, Essen und Wasser”, berichten vertriebene Hazara in einem Video, das der Journalist Basir Ahang auf Twitter gepostet hat. Seinen Angaben zufolge leben etwa 2000 Familien wie die gezeigten in der Wildnis leben. Neben der akuten Gefahr einer Hungersnot drohen im Winter in der Region Temperaturen von bis zu Minus 20 Grad, denen die Vertriebenen weitgehend schutzlos ausgesetzt sind.

Ein Hazara-Gemeindevorstand habe einen Taliban-Beamten gefragt, wo sie im Winter Zuflucht finden sollten, berichtet die BBC. Der habe erwidert: “In der Hölle”. Die zynische Antwort erinnert an das berüchtigte Zitat eines Taliban-Anführers aus den 1990ern, der über die nichtpaschtunischen Volksgruppen Afghanistans sagte: “Tadschiken nach Tadschikistan, Usbeken nach Usbekistan, Hazara auf den Friedhof.” Mehrere Tausend Hazara wurden während des ersten Eroberungszugs der Taliban und ihrer anschließenden Schreckensherrschaft getötet. Auch seit der erneuten Machtübernahme der Islamisten gibt es immer wieder Berichte über Massaker, zuletzt bestätigte Amnesty International den Mord an 13 Hazara im August, ebenfalls in Daikondi.

Auch aus anderen Teilen Afghanistans werden Vertreibungen gemeldet, so mussten nach Kämpfen gegen Widerstandskräfte Tausende Menschen aus dem von einer Mehrheit von Tadschiken und einer Minderheit von Hazara bewohnten Pandschir-Tal fliehen, nachdem die Taliban dort Felder und Viehbestände zerstörten. Und auch im mehrheitlich paschtunischen Kandahar droht Hunderten Familien ehemaliger Sicherheitskräfte die Zwangsräumung.

Doch insbesondere die mehrheitlich schiitischen Hazara sind in Afghanistan seit Jahrhunderten religiös motivierter aber auch rassistischer Verfolgung ausgesetzt. Schon der Gründer des modernen afghanischen Staates, Abdur Rahman Khan, beging Ende des 19. Jahrhunderts einen Genozid, bei dem mehr als die Hälfte der damaligen Hazara-Bevölkerung getötet, versklavt oder vertrieben wurde, um auf ihrem Land paschtunische Stämme anzusiedeln. Unter den Hazara herrscht große Furcht, dass sich die Geschichte nun wiederholen könnte.

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