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Zum Tode Michael Degens: Erfolg mit viel Charakter

Ein Großkaliber der deutschen Film- und Fernsehlandschaft: Der deutsch-israelische Schauspieler Michael Degen ist tot.
 (Bild: 2007 Getty Images/Ralph Orlowski)
Ein Großkaliber der deutschen Film- und Fernsehlandschaft: Der deutsch-israelische Schauspieler Michael Degen ist tot. (Bild: 2007 Getty Images/Ralph Orlowski)

Man kannte ihn nicht nur aus "Donna Leon" als eleganten Grandseigneur mit grauen Schläfen. Nun ist der beliebte Charakterschauspieler Michael Degen im Alter von 90 Jahren gestorben.

Er konnte im Fernsehfilm "Geheime Reichssache" 1987 der "Führer" Adolf Hitler sein - und nicht viel später der von Damen umringte Lebemann in der Werbung eines traditionellen Kölner Duftwässerchens: Michael Degen, der, wie nun bekannt wurde, am Samstag im Alter von 90 Jahren gestorben ist, war als Schauspieler immer wieder für eine Überraschung gut und lavierte mit erstaunlichem Geschick zwischen Charakterfach und Quoten-Sonntagsfilmen à la Pilcher beim ZDF. "Wir trauern und verneigen uns vor einem Menschen und Künstler, der mit seiner Wärme und Begeisterung berührte und mitriss, und dessen vielseitiges Werk bleiben wird", hieß es am Dienstag in einer Mitteilung des Rowohlt-Verlag in Berlin.

Mit seiner 2006 von der ARD verfilmten Autobiografie "Nicht alle waren Mörder" wurde Degen, der als Jude die Nazis im Berliner Versteck überlebte, noch berühmter als ohnehin. Zuletzt im Kino zu sehen war er 2018 in Florian Frerichs' Historiendrama "Das letzte Mahl", 2019 hatte er im "Donna Leon"-Film "Ewige Jugend" seine letzte Fernsehrolle. Seine Doppelbegabung bewies Degen auch mit der Romanbiografie "Familienbande" über den jüngsten Thomas-Mann-Sohn, Michael Mann.

Filme mit Michael Degen, den fast alle als den eitlen Vice-Questore Patta aus 15 Filmen des ARD-Krimis "Donna Leon" kennen, sind sehr oft Gratwanderungen zwischen Melodram und Thriller oder gar Arztroman. In einem dieser Filme, "Das wilde Mädchen", war Degen schon in den 90-ern ein angegrauter, am Sinn seines Berufes zweifelnder Psychiater. Ein schwer erziehbares Mädchen von animalischer Wildheit half das Arztdilemma zu lösen, es kam zu einer Liebesbeziehung ohne Happy-End, der Zuschauer musste unweigerlich an das traurige Ende von Heinrich Manns "Professor Unrat" denken.

Michael Degen hinterlässt seine Frau und vier Kinder. Seine Tochter, Elisabeth Degen, ist ebenfalls Schauspielerin.
 (Bild: 2011 Getty Images/Andreas Rentz)
Michael Degen hinterlässt seine Frau und vier Kinder. Seine Tochter, Elisabeth Degen, ist ebenfalls Schauspielerin. (Bild: 2011 Getty Images/Andreas Rentz)

Ein guter Schauspieler in schlechten Serien?

"Ich selbst könnte nie ein Psychiater sein, denn ich würde nie so tief in die Seele und das Privatleben anderer Leute eindringen wollen", erklärte Degen anlässlich des Films. Gleichwohl lieferte er bereits früh auf der Theaterbühne immer wieder beeindruckende Psychostudien. Unter Ingmar Bergman spielte er 1983 den "Hamlet", in Peter Zadeks "Ghetto" verkörperte er den Vorsitzenden des Wilnaer Judenrates, im Wiener "Theater in der Josefstadt" brillierte er 1988 als Schnitzlers "Professor Bernardi". Seine ersten schauspielerischen Schritte unternahm Michael Degen 1954 gar in Bertolt Brechts "Berliner Ensemble".

In den 80er-Jahren machten ihn Fernsehfilme wie Dieter Wedels "Mittags auf dem roten Platz", Egon Monks "Die Geschwister Oppermann" oder Peter Beauvais' "Die ewigen Gefühle" auch einem breiten Publikum bekannt. In Künstlerkreisen sorgten seine Engagements in beliebten TV-Serien wie "Diese Drombuschs" oder "Auto Fritze" allerdings für ungläubiges Kopfschütteln: Wie kann ein Darsteller dieser Güteklasse sich so unter Wert verkaufen? Degen selbst sah das eher gelassen: Die Bezahlung sei gut, und außerdem - da wurde er geradezu sendungsbewusst - "muss ein guter Schauspieler heute in Serien mitmachen, um deren allgemein schlechtes Niveau ein Stück anzuheben".

Der unermüdliche Warner

Michael Degen wusste seine späteren Privilegien zu schätzen. Einst entkam er nur knapp dem KZ Sachsenhausen, das sein Vater nach Foltern nicht überlebte. Nach dem Kriegsende schien es ihm unmöglich, in Deutschland zu leben. Mit 17 ging er nach Israel, leistete dort Militärdienst und spielte Theater. Wegen starker Sprachprobleme kehrte er allerdings bald in die Bundesrepublik zurück. Seitdem gehörten Drohbriefe zum Alltag des Künstlers. So hieß es 1986 in einem: "Wir werden Dich auf offener Bühne erschießen".

Eine Ankündigung, die Michael Degen dazu zwang, sein damaliges Engagement am Hamburger Schauspielhaus auf Eis zu legen. Erlebnisse wie dieses prägten ihn nachhaltig: "Morgen heißt es vielleicht schon 'Juden im Fernsehen verboten', und ich bin nicht mehr in der Lage, die Verträge zu erfüllen", sagte der Star, der ein unermüdlicher Warner war.

Degen, vierfacher Familienvater, wohnte mit seiner dritten Frau in Hamburg. Dort starb er am vergangenen Samstag, wie der Rowohlt-Verlag am Dienstag mitteilte.