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TV-Doku beklagt "Streit ums Fahrrad": Im Ausland gilt es als "iPhone der Straße"

Wie angenehm ist das Radeln in Berlin? Für "Streit ums Fahrrad - Wem gehört die Straße?" (3sat) wurde das Experiment gemacht. Antwort: nicht so sehr. (Bild: ZDF / Felix Greif)
Wie angenehm ist das Radeln in Berlin? Für "Streit ums Fahrrad - Wem gehört die Straße?" (3sat) wurde das Experiment gemacht. Antwort: nicht so sehr. (Bild: ZDF / Felix Greif)

Eigentlich ein Grund zum gemeinsamen Feiern: 2024 ist das europäische Jahr des Fahrrads. Mit gutem Grund, denn der Zweirad-Boom hält auch in Deutschland an. Auf den Straßen wird aber weniger gefeiert als gestritten: Autofahrer gegen Fahrradfahrer gegen Fußgänger. "Wem gehört die Straße?", fragt eine 3sat-Dokumentation.

In Deutschland gibt es rund 83 Millionen Einwohner. Und 81 Millionen Fahrräder. "Vorfahrt fürs Fahrrad!", fordern die Radler. "Auto fährt vor" könnten die Halter der rund 60 Millionen in Deutschland cruisenden Kraftfahrzeuge sagen. Und die Fußgänger? "Seid nicht so Rücksichtlos!", schreiben die sowohl den zwei- wie den vierrädrigen vermeintlichen Rüpeln ins Gebetbuch. Es wird enger auf den Straßen. Und der Ton wird rauer.

In seiner Dokumentation "Streit ums Fahrrad - Wem gehört die Straße?" (Donnerstag, 14. März, 20.15 Uhr 3sat, und bereits vorab in der ZDF-Mediathek) schaut Timo Garner auf das Dilemma. Das Fahrrad wird immer wichtiger für die notwendige Mobilitätswende. Auch, weil es "grüner", also ökologisch sinnvoller ist. Aber "grüner" werden sich die Vertreter der Mobilitätsgruppen (Autofahrer, Radler, Fußgänger) deshalb nicht. Eher im Gegenteil. Einigkeit besteht allerdings in einem Punkt: "Es gibt noch viel zu tun." Deshalb blickt die Doku auch über den "Tellerrand": Ist im Ausland wirklich alles besser?

Eines ist unbestritten: Der Fahrrad-Boom hält an. (Bild: ZDF / Franziska Jeromin)
Eines ist unbestritten: Der Fahrrad-Boom hält an. (Bild: ZDF / Franziska Jeromin)

Die Nutzung des Fahrrads steigt an - die Zahl der Unfälle auch

Hiesige Fakten: Seit der Pandemie steigt ein Viertel der deutschen häufiger in den Radsattel. Insgesamt 60 Prozent der deutschen würden gerne noch viel häufiger in die Pedale treten, tun es aber nicht wegen der mangelnden Infrastruktur. Der Boom hält an, vor allem bei den E-Bikes. Jedes zweite neu erworbene Fahrrad hat einen Motor. Ebenso wahr: 2022 hat es 2,4 Millionen Verkehrsunfälle gegeben (plus vier Prozent) und um neun Prozent mehr mit tödlichem Ausgang (2788). Unfälle, bei denen Radfahrer zu Tode kamen, nahmen um 60 Prozent zu, jene mit E-Bike-Beteiligung um 14 Prozent.

Der Trend, so zeigt es die 3sat-Doku, geht beim Fahrrad in Richtung "schneller, weiter, bequemer und mehr". Der Trend bei den Radwegen eher nicht. Gerade hat der neue Berliner Senat drei von 19 geplanten Radwegprojekten gestoppt. Deutschland, das Autoland, hinkt vor allem politisch und städteentwicklerisch hinterher. Beispiel: Die holländische Stadt Utrecht, ein Fahrrad-Mekka, investiert 132 Euro pro Kopf und Jahr in die Rad-Infrastruktur und erzielt einen 50-prozentigen Anteil des Fahrrads am städtischen Verkehr. Der Berliner Politik ist ihre Mobilitätswende bislang nur fünf Euro pro Kopf und Jahr wert. Der Rad-Anteil am Verkehr beträgt 15 Prozent.

Abenteuer Landstraßradeln ohne Radweg: Oft halten vorbeiziehende Autos den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand nicht ein. (Bild: ZDF / Felix Greif)
Abenteuer Landstraßradeln ohne Radweg: Oft halten vorbeiziehende Autos den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand nicht ein. (Bild: ZDF / Felix Greif)

Sevillas Radfahrstrategie: "Zeichen der Zeit erkennen"

Die Doku wartet mit schönen Beispielen aus dem europäischen Ausland auf. Sevilla etwa mauserte sich von der Radfahr-feindlichen Stadt zur viertfahrradfreundlichsten Stadt Europas. Die "andalusische Rad-Revolution" machte vor allem der Städteplaner Manuel Calvo möglich, weil er Politiker und Geldgeber von seiner Idee überzeugte. Hauptargument: "Das Fahrrad ist wichtig, richtig und bietet viele Vorteile."

Calvo vergleicht die Wiederentdeckung des Fahrrads mit dem iPhone. "Als Steve Jobs es erfand, was das auch eine Revolution. Viele lehnten es ab. Aber man hat schnell erkannt, dass die Argumente dafür sprachen: Es ist nützlich, verfügbar und leicht zu bedienen." Wie das Fahrrad, meint Calvo. Man müsse die Zeichen der Zeit nur erkennen. Ablehnung erfuhr allerdings auch er, als er für den Bau von zweispurigen Radwegen als erstes 5.000 Auto-Parkplätze entfernte.

La Giralda im Zeichen des Sattels: Sevilla mit seinem Wahrzeichen, dem Minarett der Hauptmoschee, entwickelte sich zum Fahrrad-Mekka. Rückschläge gab und gibt es aber auch hier. (Bild: ZDF / Timo Gramer)
La Giralda im Zeichen des Sattels: Sevilla mit seinem Wahrzeichen, dem Minarett der Hauptmoschee, entwickelte sich zum Fahrrad-Mekka. Rückschläge gab und gibt es aber auch hier. (Bild: ZDF / Timo Gramer)

Was haben deutsche Radfahrer in Stadt und Land gemeinsam? Sie haben es schwer

Oder Utrecht. In der viertgrößten Stadt der Niederlande befindet sich der meistbefahrene Radweg Europas und unter dem Hauptbahnhof die größte Radl-Garage der Welt mit 12.500 Stellplätzen. Nicht von ungefähr ist Utrecht die Nummer eins im Global Bicycle Index. Eher verwunderlich, dass sich mit Münster (Nummer zwei), Bremen (neun) und Hannover (zehn) auch drei deutsche Städte in den Top Ten tummeln.

Die Doku kommt teilweise etwas dröge daher, quasi wie ein E-Bike mit ausgeschaltetem Motor. Das gilt vor allem für das Experiment. "Wie fährt es sich als Radfahrer in der Stadt, wie auf dem Land ohne eigenen Radweg?" soll es am Beispiel von Berlin und dem 60 Kilometer entfernten Ort Kremmen-Linum im Brandenburgischen zeigen.

Die Antwort ist vorhersehbar: beschwerlich. Und zwar überall. In Berlin stören ungesicherte Kreuzungen über vierspurige Autostraßen oder ungünstig platzierte Radwege, die "Dooring-Unfälle", also Kollisionen wegen sich plötzlich öffnender Türen parkender Autos, begünstigen. Auf der Landstraße die viel zu knapp überholenden Pkw.

Radfahrer-Paradies: In Sevilla gibt es ein eigenständiges Radwegnetz mit zweispurigen Radwegen. In Deutschland ein ferner Traum. (Bild: ZDF / Timo Gramer)
Radfahrer-Paradies: In Sevilla gibt es ein eigenständiges Radwegnetz mit zweispurigen Radwegen. In Deutschland ein ferner Traum. (Bild: ZDF / Timo Gramer)

Im gelobten Ausland ist auch nicht alles Gold, was glänzt

Es ist klar: Deutschland tut zu wenig für die sinnvolle und nötige Mobilitätswende. Und nicht nur die Politik, sondern jeder einzelne Verkehrsteilnehmer. Solange das Gegeneinander das erforderliche Miteinander verhindert, wird wenig zusammengehen.

Radler schimpfen über Autos ("Die Städte wurden den Autos untertan gemacht"), die Radler schimpfen über Auto-Rambos und die Fußgänger über beide. Jeder will "Seins" haben und wahren. Das des anderen aber nicht unbedingt anerkennen: Radfahren ist in vielen Fußgängerzonen verboten. Was viele Radfahrer aber nicht stört. Ebensowenig wie rote Ampeln oder nur für Fußgänger bestimmte Bürgersteige. Radwege wiederum werden von Fußgänger genutzt oder von Autos zugeparkt. Und Autos von nebeneinander fahrenden Radlern ausgebremst.

Die Dokumentation gibt erstaunlich wenige Antworten. Dass es besser werden muss, damit's irgendwann funktioniert, dürfte nämlich längst klar sein. Beruhigend ist allenfalls, dass im gelobten (Aus-)Land auch nicht überall eitel Freud' und Sonnenschein herrscht. So ging es mit dem "hidden Champion" der Radler-Szene, Sevilla, auch wieder bergab. Die neue konservative Regierung hat erst mal ein paar Radwegprojekte gestoppt. Und im vermeintlichen Radler-Paradies machen gleich vier Fußgänger-Verbände gegen die Radfahr-Vereinigungen mobil.