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Verbraucherzentrale erwägt Klage gegen Temu

Berlin (dpa) - Die Verbraucherzentrale prüft rechtliche Schritte gegen den chinesischen Online-Marktplatz Temu. Das Unternehmen sei wegen mehrerer Verstöße abgemahnt worden, teilte der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) in Berlin mit.

Die Plattform verunsichere und übervorteile Verbraucher und Verbraucherinnen mit willkürlich erscheinenden Rabatten, fragwürdigen Bewertungen und manipulativen Designs. Das müsse aufhören, wird vzbv-Chefin Ramona Pop in der Mitteilung zitiert. Verbraucher müssten vor derartigen Geschäftspraktiken geschützt werden.

Die hinter der Online-Plattform stehende Whaleco Technology Limited hat den Angaben nach auf die Abmahnung reagiert. Eine Unterlassungserklärung sei aber nicht abgegeben worden. Die Verbraucherzentrale will «als Nächstes über eine Klage gegen Temu entscheiden». Dazu laufe zurzeit ein interner Abstimmungsprozess, hieß es auf Nachfrage.

Temu sah sich von den Verbraucherschützern derweil missverstanden - vor allem bei den Absichten hinter dem Geschäftsmodell der Plattform: Man verpflichte sich «sicherzustellen, dass unsere Praktiken fair sind», teilte eine Sprecherin mit. «Wir begrüßen die Möglichkeit, mit Verbrauchergruppen zusammenzuarbeiten, um die Transparenz zu verbessern und unsere Plattform an die lokalen Präferenzen anzupassen.»

Verband: Temu lässt Zustandekommen von Rabatten im Unklaren

Die vzbv wirft dem Internet-Marktplatz derweil unter anderem vor, Verbraucher im Unklaren zu lassen, wie die ausgewiesenen hohen Rabatte zustande kommen. Außerdem werbe die Plattform damit, dass sich der CO2-Fußabdruck verringere, wenn die bestellten Waren nicht nach Hause, sondern zu einer Abholstelle geliefert werden. Dabei hätten die Produkte bis zur Zustellung bereits lange Wegstrecken zurückgelegt.

Temu wehrt sich gegen die Vorwürfe: «Viele unserer Verkäufer sind Hersteller, die traditionell stationäre Geschäfte beliefern», teilte die Sprecherin mit. Man verwende ihre empfohlenen Preise, die auf denen in den Geschäften basierten, und hebe auf dieser Basis die Einsparungen hervor. «Man sei zudem der Ansicht, dass Abholstellen eine umweltfreundlichere Lieferoption seien als die Lieferung nach Hause. Lieferungen würden dadurch gebündelt und mehrere Zustellversuche seien dann nicht nötig.

Ferner kritisierte der Bundesverband, dass Verbraucher während des Bestellens unter Druck gesetzt würden - mit eingeblendeten Hinweisen wie «Beeile dich! Über 126 Personen haben diesen Artikel in ihrem Warenkorb» und «Mehr als 54 Nutzer haben wiederholt gekauft! Warum nicht 2 auf einmal ...». Die Verbraucherzentrale sieht darin ein manipulatives Design, sogenannte Dark Patterns. Dabei sei dies von der EU mit dem im Februar verabschiedeten Digital Services Act verboten worden. Aus Sicht der Verbraucherzentrale informiert Temu unzureichend darüber, ob die Echtheit von Produktbewertungen gewährleistet sei. Auch fehlten Angaben über die Identität von Produktanbietern.

Temu: Angaben sollen Verbrauchern helfen

Diesen Vorwürfen tritt Temu ebenfalls entgegen: «Die Bestands- und Kaufaktualisierungen spiegeln den realen Stand der Lagerbestände wider und sollen den Verbrauchern helfen, informierte Entscheidungen zu treffen, und nicht manipulativ oder zwanghaft sein.» Die Authentizität von Bewertungen nehme man auch ernst: «Wir löschen oder unterdrücken niemals negative Bewertungen - im Gegenteil, wir stellen spezielle Filter für sie bereit, weil wir glauben, dass sie dazu beitragen können, Händler zu überprüfen und sie dazu zu bringen, ihre Produktqualität und ihren Service zu verbessern», hieß es.

Temu sorgte zuletzt mit Rabattangeboten von bis zu 90 Prozent für Aufsehen. Das Unternehmen, das nicht selbst als Verkäufer auftritt, sondern den Händlern nur seinen Marktplatz als Plattform zur Verfügung stellt, hat sich so schnell auf dem deutschen Markt etabliert. Von den Shopping-Apps in Deutschland wurde Temu im Jahr 2023 laut der Webanalyse-Firma Similarweb am häufigsten heruntergeladen.

Handelsexperten und Verbände hatten zuletzt ein strikteres Vorgehen gegen chinesische Billig-Marktplätzen wie Temu gefordert. Europäische Spielzeughersteller hatten zudem im Februar die Sicherheit von Produkten von Händlern auf der Plattform bemängelt und strengere Kontrollen gefordert.