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Wagner-Truppe soll nach Abzugsdrohung Munition erhalten

Bachmut (dpa) - Nach Ankündigung ihres Abzugs aus der umkämpften ukrainischen Stadt Bachmut soll die russische Söldnertruppe Wagner nach eigenen Angaben nun doch die geforderte Munition und Verstärkung aus Moskau erhalten. «Uns wurden so viel Munition und Waffen versprochen wie zur Fortsetzung der Kampfhandlungen nötig», sagte der Chef der Wagner-Truppe, Jewgeni Prigoschin, am Sonntag auf dem Telegram-Kanal seines Pressedienstes. Zudem sei ihm Flankenschutz zugesichert worden, damit seine Einheiten nicht Gefahr liefen, eingekesselt werden. Moskau äußerte sich zunächst nicht dazu.

Für die Koordination der Söldner mit den regulären Einheiten sei General Sergej Surowikin zuständig - «der einzige Mensch mit Generalsstern, der was vom Kämpfen versteht», befand Prigoschin.

Prigoschin hatte in der Vergangenheit mehrfach das russische Verteidigungsministerium für die hohen Verluste seiner Söldnertruppe in Bachmut verantwortlich gemacht. Wegen fehlender Artilleriemunition seien die Ausfälle beim Sturm der Stadt fünfmal so hoch wie nötig, sagte er. Deswegen verkündete er zuletzt den Abzug seiner Einheiten ab dem 10. Mai. Noch in der Nacht hatte er die Entscheidung mit der drohenden Gefahr eines Aufreibens seiner Truppe gerechtfertigt. Er behauptete, dass in der Schlacht um Bachmut 50.000 Ukrainer gefallen sein, räumte aber zugleich «Zehntausende» Tote und Verletzte auf eigener Seite ein.

Das blutigste Gefechtsfeld des Krieges

Die Schlacht um Bachmut hat sich in Russlands nunmehr gut 14-monatigem Angriffskrieg gegen die Ukraine im vergangenen Halbjahr zum blutigsten Gefechtsfeld entwickelt. Unter hohen Verlusten haben die dort eingesetzten Wagner-Kämpfer die Ukrainer zuletzt immer weiter zurückgedrängt, Bachmut aber nicht vollständig erobern können. Ein Rückzug aus der inzwischen völlig zerstörten Stadt im ostukrainischen Gebiet Donezk wäre für Moskau zwar aus militärstrategischer Sicht keine allzu bedeutende Niederlage - aus symbolischer aber wohl umso mehr.

Prigoschin gilt wie Surowikin oder auch der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow, dessen Einheiten die Wagner-Positionen in Bachmut eigentlich übernehmen sollten, als Hardliner in Russlands Angriffskrieg. Internationale Militärexperten hatten Prigoschins Klagen über fehlende Munition auch als Ablenkungsmanöver aufgefasst, um von eigenen Misserfolgen abzulenken. Der zeitweise geplante Tausch mit Kadyrow spiegele einerseits Prigoschins Misstrauen gegenüber der russischen Militärführung wider, gebe ihm aber auch die Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren, falls die Wagner-Truppen Bachmut nicht einnehmen können, urteilte das US-Institut für Kriegsstudien (ISW).

Machtkampf innerhalb der russischen Elite

Experten sprechen seit Monaten von einem Machtkampf innerhalb der russischen Elite, der die Effizienz der Kriegsführung Moskaus geschmälert habe. Kompetenzstreitigkeiten und ständige Positionswechsel an der Spitze hätten massive Führungsprobleme der russischen Armee verschärft. Auch deswegen habe Russland nach mehr als einem Jahr immer noch nicht seine Kriegsziele erreicht.

Nach ukrainischer Einschätzung ist das russische Militär so derzeit nicht in der Lage, größere Offensivoperationen durchzuführen. «Heute hat Russland weder militärisch, noch wirtschaftlich oder politisch das Potenzial, um einen weiteren Versuch einer ernsthaften Offensive irgendwo in der Ukraine zu starten», sagte der Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes Kyrylo Budanow in einem am Samstagabend (Ortszeit) bei Yahoo News veröffentlichten Interview. Allerdings sei Russland weiter stark genug, um die Verteidigung der besetzten Gebiete zu organisieren.

«Das ist das Problem, womit wir gerade konfrontiert sind», sagte er in Bezug auf die bevorstehende ukrainische Gegenoffensive. Er bekräftigte Kiews Ziel, auch die seit 2014 von Russland annektierte Halbinsel Krim zurückzuerobern, «denn unser Sieg ist ohne die Befreiung der Krim nicht möglich».

Ukrainische Offensive steht bevor

Wegen der erwarteten ukrainischen Offensive haben die russischen Besatzer im südukrainischen Gebiet Saporischschja in den vergangenen Tagen die Evakuierung frontnaher Gebiete angekündigt. Unter den Ortschaften, die evakuiert werden sollen, ist auch die Stadt Enerhodar, wo sich das Atomkraftwerk Saporischschja befindet.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) zeigte sich angesichts der angespannten Lage um das Kernkraftwerk alarmiert. Die Situation werde immer unberechenbarer, und das Gefahrenrisiko in dem russisch besetzten AKW steige, sagte IAEA-Chef Rafael Grossi am Samstagabend. «Ich bin extrem besorgt über die sehr realen Sicherheitsrisiken», warnte er in einem Lagebericht. «Wir müssen jetzt handeln, um einen drohenden schweren Atomunfall zu verhindern.»

Deutsche Behörden bestätigten am Sonntag, dass bislang keine Strahlung ausgetreten sei. «Es gibt derzeit keinerlei Hinweise auf erhöhte Strahlungswerte, weder in der Ukraine noch in Deutschland», sagte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Sonntag). Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sammele an rund 1700 Messsonden laufend Daten über die Radioaktivität in der Umwelt.