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"WaPo Elbe"-Star Carina Wiese im Interview: "Vor zehn Jahren wäre ein schwuler Kommissar undenkbar gewesen"

Serien liegen Carina Wiese - sie mag die Verbundenheit, die im Dreh-Team entsteht, wenn über einen langen Zeitraum gemeinsam gearbeitet wird. (Bild: ARD / Rudolf Wernicke)
Serien liegen Carina Wiese - sie mag die Verbundenheit, die im Dreh-Team entsteht, wenn über einen langen Zeitraum gemeinsam gearbeitet wird. (Bild: ARD / Rudolf Wernicke)

Schauspielerin, Dozentin, Astrologin - Carina Wiese mag die berufliche Vielfalt. Im Film kommt nun eine Hauptkommissarin dazu: In "WaPo Elbe" spielt sie die "Mutti" eines vierköpfigen Ermittlerteams der Wasserschutzpolizei.

Sieben Gespräche hat sie erledigt, weitere werden folgen an dem Tag, an dem Carina Wiese mir ein Online-Interview gewährt. Durch ihre Bildschirm-Kamera betrachtet, hat sie wenig gemein mit der zuweilen etwas kühlen Polizistin, in deren Uniform sie für den neuen "WaPo"-Ableger schlüpft (jeweils dienstags, 18.50 Uhr, im Ersten). Mit offenem, blondem Haar und Brille wirkt die knapp 55-Jährige eher, als wäre sie mit einer Freundin zum Kaffee verabredet; freundlich, interessiert und gut gelaunt. Wie es war, eine lesbische Frau zu spielen, warum sie sich mit Astrologie beschäftigt und wie sie sich als Dozentin für junge KollegInnen fühlt, verrät Carina Wiese im Interview.

teleschau: Sie sind in Dresden aufgewachsen und kehren für "WaPo Elbe" an die Orte Ihrer Kindheit zurück. Wie war das für Sie?

Carina Wiese: Wie ein Traum! Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass ich zum Casting eingeladen wurde und ich nach einem weiteren Konstellationscasting die Rolle bekommen habe, weil sich für mich damit ein Kreis schließt: Mein Kinderzimmer und mein Sandkasten lagen mit Blick zur Elbe, ich habe als Kind in Pirna Theater gespielt. Dass es eine Vorabendserie ist und ich eine Kommissarin bin .... (lacht), das hat mich nicht so interessiert. Mehr diese Gegend - das ist das große Plus an dieser Serie, dass sie in einzigartig schöner Landschaft spielt.

Carina Wiese (hier in "WaPo Elbe" mit Justus Czaja) beschreibt sich selbst als "mehr an der ganzen Familiengeschichte interessiert" als ihre TV-Kommissarin, die meist eher nüchtern auftritt. (Bild: ARD / Rudolf Wernicke)
Carina Wiese (hier in "WaPo Elbe" mit Justus Czaja) beschreibt sich selbst als "mehr an der ganzen Familiengeschichte interessiert" als ihre TV-Kommissarin, die meist eher nüchtern auftritt. (Bild: ARD / Rudolf Wernicke)

"Sympathisch zu sein, hat mich nicht so interessiert"

teleschau: Wie viel Carina Wiese steckt in Hauptkommissarin Maike Junghans?

Carina Wiese: Wenn ich sie mir angucke, denke ich, was ist das denn für eine Frau? Ich bin überhaupt gar nicht so und empfinde mich als ganz anders, nicht so stringent, so aufgeräumt und nicht so klug (lacht). Multi-tasking liegt mir überhaupt nicht, was sie ja können muss. Und bei einem Verhör würde ich mich bestimmt viel mehr einfangen lassen und hätte dann schneller Mitleid (lacht). Da würde mich schneller die ganze Familiengeschichte interessieren.

teleschau: Konnten Sie die Polizistin mitentwickeln?

Carina Wiese: Die Drehbücher kamen sehr spät, also nein. Ich hatte etwas Freiheit dabei, zu gestalten, was das für eine Frau ist, was sie für ein Geheimnis hat, was für einen Hintergrund, wie sie die Verhöre führt oder mit dem Team umgeht. Ich glaube, ich sollte schon sympathisch sein, aber das hat mich erstmal nicht so interessiert (lacht). Mich hat die Ambivalenz gereizt und dass man der Frau glaubt, dass sie schon 30 Jahre bei der Polizei ist. Für die Serie eine familiäre Atmosphäre zu schaffen, hat gut funktioniert, weil wir uns im Team alle sehr gut verstanden haben.

teleschau: In der zweiten Folge wird angedeutet, dass Maike Junghans lesbisch ist. Wie war das für Sie zu spielen?

Carina Wiese: Es war das erste Mal, dass ich so was im Fernsehen gespielt habe, vorher nur einmal bei einer Kameraübung. Aber vielleicht war einfach zu wenig Zeit. Ich habe die Kollegin am Drehtag das erste Mal gesehen. Wir hatten ja nur zwei, drei kleine Szenen. Irgendwie habe ich mich ein bisschen männlich gefühlt.

teleschau: Homosexuelle zu zeigen ist zum Glück nicht mehr tabu ...

Carina Wiese: Das ist dem Zeitgeist geschuldet. Man wollte da sicher eine gewisse Normalität reinbringen. Vor zehn Jahren wäre ein schwuler Kommissar undenkbar gewesen. Ich weiß von einem Schauspieler-Freund, der angeboten hatte, einen Mann zu küssen und das war ein Riesen-Politikum. Er durfte es nicht! Jetzt kommt es allmählich.

Mit der Arbeit als TV-Ermittlerin ist Carina Wiese (hier in "WaPo Elbe" mit Eugen Knecht) bestens vertraut - die Multi-Tasking-Fähigkeit einer echten Polizistin habe sie allerdings nicht, so die Schauspielerin. (Bild: ARD / Laurent Trümper)
Mit der Arbeit als TV-Ermittlerin ist Carina Wiese (hier in "WaPo Elbe" mit Eugen Knecht) bestens vertraut - die Multi-Tasking-Fähigkeit einer echten Polizistin habe sie allerdings nicht, so die Schauspielerin. (Bild: ARD / Laurent Trümper)

Der "männliche Blick" im Fernsehen verliert an Dominanz

teleschau: Sie sagten einmal, mit 50 + müsse man nicht mehr schön sein, da gäbe es andere Rollen. Wie stehen Sie heute dazu?

Carina Wiese: Das denke ich immer noch, und das ist extrem entspannend. Auch bei dieser Rolle. Ich konnte eine Uniform tragen und fand es herrlich, dass ich nicht nachdenken musste, was ich anziehe und dass ich nicht attraktiv sein musste. Man kann sich darauf konzentrieren, was zu tun ist, und nicht darauf, wie man ankommt. Mitunter sieht man dann zufällig auch ganz schön aus, aus Versehen. Mit Mitte 50 ist man ja gar nicht unbedingt unattraktiv. Finde ich gar nicht, auch bei mir selbst. Das hat mich überrascht (lacht).

teleschau: Tragen Sie privat gern schicke Klamotten und Make-up?

Carina Wiese: Leider gar nicht. Ich finde, dass man sich mit Mitte 50 ein bisschen bemühen könnte, auf sich achtzugeben, aber eher im Sinne von Wertschätzung und dass man sich etwas Gutes tut. Ich selber fühle mich tatsächlich am wohlsten in Arbeitssachen und mit Turnschuhen und laufe eigentlich immer noch rum wie mit 14. Dazu eine gemütliche Jacke, alles andere ist mir zu anstrengend, so enge Sachen zum Beispiel. Aber ich bewundere es sehr, wenn andere Menschen sich schön kleiden.

teleschau: Hat das Einfluss darauf, wie Sie Ihren Beruf ausüben?

Carina Wiese: Natürlich. Die Rollen sind jetzt vielschichtiger. Als ich Anfang der 90-er anfing mit dem Beruf, ging es noch sehr um den männlichen Blick auf die junge Frau, was mich oft irritiert hat. Bei "Cobra 11" sollte ich eine Computerexpertin spielen und bot an, Buggy-Jeans, Turnschuhe und weite, karierte Hemden zu tragen, etwas burschikos und eher wie ein Junge. Und das war überhaupt jenseits jeglicher Vorstellungskraft! Natürlich sollte ich einen Minirock und ganz enge Tops anziehen, möglichst sexy, ganz eng anliegende Hosen, etwas anderes kam überhaupt nicht in die Tüte! Ich weiß noch, dass ich die Welt nicht verstanden habe, weil ich dachte, warum denn nicht mal so eine Figur? Ich habe es damals nicht durchschaut, aber das war einfach der männliche Blick. Jetzt leben wir Gott sei Dank in einer anderen Zeit.

teleschau: Drehen Sie generell gerne Serien?

Carina Wiese: Ich habe es schon bei "Deutschland 83, 86, 89" zu schätzen gelernt, weil es oft traurig ist, wenn man nur rund 20 Tage mit dem Team und den Kollegen verbringt. Dreht man eine Serie, wächst man zusammen, wie am Theater, wo man über Jahre zusammen ist. Es ist wie im richtigen Leben: Man fängt an, eine Figur zu spielen, ohne zu wissen, was die Zukunft noch bringt. Von Staffel zu Staffel gibt es neue Entwicklungen und auf einmal hat man noch ein Kind oder man kommt mit einem zusammen, den man eigentlich gar nicht leiden konnte. Ich habe aber natürlich auch nichts gegen einen Kinofilm einzuwenden (lacht).

teleschau: Sehen Sie selbst gerne Serien an?

Carina Wiese: Ja, am liebsten aufwendige Serien mit vielen Komparsen, Kostümen und vor allem historisch. "The Crown" habe ich sehr gerne gesehen. In Deutschland dreht man leider nicht so viele kostspielige Produktionen, weil das Fördersystem ist, wie es ist. "Weißensee" hat mir allerdings auch sehr gefallen, das war eine deutsche Serie. Gerade feiere ich "Doppelhaushälfte". Unaufwendig, deutsch, großartig.

Carina Wiese (rechts), Mutter eines erwachsenen Sohnes, ist in "WaPo Elbe" Chefin zweier gerade ausgebildeter KollegInnen (Barbara Prakopenka,  Ferdi Özten) - die Arbeit mit jungen Menschen mache ihr großen Spaß, sagt sie. (Bild: ARD / Rudolf Wernicke)
Carina Wiese (rechts), Mutter eines erwachsenen Sohnes, ist in "WaPo Elbe" Chefin zweier gerade ausgebildeter KollegInnen (Barbara Prakopenka, Ferdi Özten) - die Arbeit mit jungen Menschen mache ihr großen Spaß, sagt sie. (Bild: ARD / Rudolf Wernicke)

Die Sterne deutet sie am liebsten für andere

teleschau: Sie haben sich jahrelang mit Astrologie beschäftigt und auch eine Ausbildung dazu gemacht. Inwiefern praktizieren Sie das heute noch?

Carina Wiese: Wenn man mit der Astrologie einmal anfängt, kann sie nie mehr brachliegen, das ist völlig unmöglich. Man entdeckt eine neue Welt in der Welt und hat eine neue Sprache gelernt. Ich liebe es, mir das Horoskop anzugucken, wenn ich jemanden kennengelernt habe oder vielleicht eine historische Figur spiele. Natürlich mache ich auch mitunter Beratungen. Nicht viel, weil ich es einfach nicht schaffe und wenn, dann soll es seriös sein. Aber wenn jemand sehr hartnäckig ist, im Freundeskreis oder so, dann gerne. Dann schaue ich: Wann ist ein guter Zeitpunkt ein Haus zu bauen oder die Firma zu gründen oder ein Filmprojekt einzureichen. Bei mir selbst gucke ich lieber im Nachhinein, um zu lernen, wie die Sterne in einem bestimmten Augenblick waren. Die Astrologie ist so komplex, dass man nie auslernt. Man ist immer wieder demütig, was man alles nicht weiß und nicht kapiert (lacht).

teleschau: Ein weiteres Standbein ist das Unterrichten, wie sie es in Berlin und Leipzig schon getan haben ...

Carina Wiese: Das war unheimlich toll! Ich bin einfach wahnsinnig gerne mit jungen Menschen zusammen, von denen man viel lernen kann, weil sie ganz andere Fähigkeiten mitbringen, weil sie Fragen stellen und ganz anders sind als wir damals. Trotzdem wollte ich mich danach auch erstmal wieder eine Weile aufs Spielen konzentrieren. Manchmal wusste ich nicht, soll ich die Schüler jetzt fit machen für den Markt oder soll ich sie künstlerisch begleiten? Man muss ein bisschen so tun, als wäre man der Fels in der Brandung. Natürlich ist man auch eine gute Lehrerin, wenn man zugibt, dass man nicht alles weiß, aber ich wollte nicht mehr so viel Verantwortung tragen, mich ein bisschen mehr fallenlassen. Im Frühjahr werde ich allerdings wieder mit Jugendlichen für ein Filmprojekt arbeiten.

Das Team der Wasserschutzpolizei Elbe ermittelt fortan im deutsch-tschechischen Grenzgebiet.  (Bild: ARD/MDR/Rudolf Wernicke/Composing André Sonnenkalb)
Das Team der Wasserschutzpolizei Elbe ermittelt fortan im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. (Bild: ARD/MDR/Rudolf Wernicke/Composing André Sonnenkalb)