Er war der Zorn Gottes

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Klaus Kinski 1976 in Paris: Der Schauspieler wäre am 18. Oktober 95 Jahre alt geworden. (Bild: Ulf Andersen/Getty Images)
Klaus Kinski 1976 in Paris: Der Schauspieler wäre am 18. Oktober 95 Jahre alt geworden. (Bild: Ulf Andersen/Getty Images)

Mit Werner Herzog drehte Klaus Kinski in den 70er-Jahren seine besten Filme. Auch dank vieler Skandale war der Schauspieler, der am 18. Oktober vor 95 Jahren geboren wurde, stets ein Publikumsmagnet.

Sie waren ein Paar, das sich kongenial ergänzte - der Filmregisseur Werner Herzog und sein wilder Star, seine verrückte Muse Klaus Kinski. Nur Herzog konnte den gewaltigen Derwisch bändigen, er konnte ihm aber auch unerhört intensive Szenen abgewinnen. Das Unmögliche möglich zu machen, war das Thema von Filmen wie "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972) oder "Fitzcarraldo" (1982). Klaus Kinski setzte dieses Thema, an seine Grenzen gehend, um. Gefährlich und mitunter gewalttätig waren die Dreharbeiten am Amazonas. Das Verhältnis zwischen Regisseur und Schauspieler schwankte stets zwischen Freundschaft und Hass - bis hin zur Drohung Herzogs, Kinski und sich selbst zu erschießen. Vor 95 Jahren, am 18. Oktober 1926, kam Kinski zur Welt.

Der von Kinski gespielte Konquistador Aguirre endet im gleichnamigen Film im Delirium, ausgedörrt vom Durst und vom Hunger geschwächt in der schwülen Hitze des südamerikanischen Dschungels, als sein Expeditionskorps in der Neuen Welt im Namen Gottes El Dorado, das in vielen Mythen gepriesene Land des Goldes sucht. Doch Aguirre, der ans Ende seiner Reise gelangt, ohne das erträumte Ziel zu erreichen, betet in den Amazonashimmel hinein, dass er "der große Verräter" sei: "Es darf keinen Größeren geben. Ich bin der Zorn Gottes." - Sein Scheitern wird ihm zur Erfüllung. Es könnte das Lebensmotto des Schauspielers Kinski sein.

Im Dokumentarfilm "Mein liebster Feind" schildert Werner Herzog das Verhältnis zwischen sich und Kinski - Herzog hatte in seiner Jugend kurze Zeit in München mit der Mutter und Kinski sogar in derselben Pension gelebt. Dass sich zwischen ihm und dem Schauspieler eine große künstlerische Kraft entwickelte, brauchte die Dokumentation nicht erst zu belegen. Filme wie "Aguirre "Nosferatu - Phantom der Nacht" (1978), "Woyzeck" (1978), "Fitzcarraldo" und "Cobra Verde" (1987) gehören zu den besten Werken des Neuen Deutschen Films.

Beim Dreh von "Fitzcarraldo": Der Regisseur Werner Herzog (links) und sein "liebster Feind" Klaus Kinski lebten in einer gefährlichen Symbiose. (Bild: Jean-Louis Atlan/Sygma via Getty Images)
Beim Dreh von "Fitzcarraldo": Der Regisseur Werner Herzog (links) und sein "liebster Feind" Klaus Kinski lebten in einer gefährlichen Symbiose. (Bild: Jean-Louis Atlan/Sygma via Getty Images)

Ein gefährlicher Narzisst

"Mein liebster Feind" belegt da schon eher, wie gefährlich die Arbeit am Set mit Kinski war. Kinski konnte sich zu grundlosen Wutanfällen steigern, drohte die Produktion zum Scheitern zu bringen. Aber auch schon zu seinen genialischen Frühzeiten konnte ein narzisstischer Kinski gegenüber dem Publikum ausfällig werden, dieses wartete allerdings auch geradezu darauf. Müßig, danach zu fragen, was da kalkuliert, was tragisch war. Seine Christus-Affinität und der spät verwirklichte Wunsch, mit "Jesus Christus Erlöser" das Neue Testament auf die Bühne zu bringen, löste 1971 Publikumsproteste aus. Die Deutschlandhalle leerte sich nach einem einzigen heftigen Disput.

Doch seine Leinwandauftritte, selbst in den kleinsten Nebenrollen der deutschen Edgar-Wallace-Serie in den 60er-Jahren, waren von magischer Kraft. Waren seine Gefühlsressourcen erst einmal in beherrschte Bahnen gelenkt, wurde Kinski zu einem Superstar, wie ihn das Kino heute kaum noch kennt. Skandale wie bei den Filmfestspielen in Cannes 1988, als er die gesamte Presse und das Festival cholerisch beschimpfte, geraten darüber in Vergessenheit.

Klaus Kinski im März 1975: Für seine Töchter war der Schauspieler ein Tyrann. (Bild: Siegfried Pilz/United Archives via Getty Images)
Klaus Kinski im März 1975: Für seine Töchter war der Schauspieler ein Tyrann. (Bild: Siegfried Pilz/United Archives via Getty Images)

Späte Missbrauchsvorwürfe

Kinski, der eigentlich Klaus Günter Karl Nakszynski hieß, wurde in Zoppot/Danzig geboren. Im Krieg geriet er in britische Gefangenschaft, spielte im Lager erste Theaterrollen. Zurück in Berlin wurde er ohne Ausbildung an der Bühne engagiert, spielte in Atze Brauners KZ-Film "Morituri" seine erste Filmrolle. Größere und kleinere Skandale folgten, Selbstmordversuche inklusive. Seine Ein-Mann-Bühnenrezitationen wurden auf 25 Sprechplatten eingespielt und 2003 neu veröffentlicht. Die Platten verkauften sich millionenfach.

Mit dem Italo-Western "Für ein paar Dollar mehr" wurde er weltweit bekannt und drehte danach mehrfach in Hollywood. Bereits 1979 erhielt er das Filmband in Gold (später "Deutscher Filmpreis"), und die Zeitschrift "American Film" fragte 1982 gar: "Ist Kinski der größte Schauspieler der Welt?"

Dass der einst gefeierte Schauspielstar wohl auch im Privatleben ein Tyrann war, erfuhrt die Weltöffentlichkeit mit aller Wucht erst im Jahr 2013. Pola Kinski, seine Tochter aus erster Ehe, warf ihrem Vater öffentlich vor, sie zwischen ihrem fünften und 19. Lebensjahr sexuell missbraucht zu haben. Auch Kinskis Tochter Nastassja bezeichnete ihren Vater als übergriffig, er habe sie "immer viel zu sehr angefasst", sagte sie der "Bild am Sonntag". "Ich bin froh, dass er nicht mehr lebt." Klaus Kinski starb am 23. November 1991 in Lagunitas/Kalifornien.

Szene aus "Fitzcarraldo": Fitzcarraldo (Klaus Kinski) wird nicht eher ruhen, bis der Urwald eine Oper hat. (Bild: Studiocanal)
Szene aus "Fitzcarraldo": Fitzcarraldo (Klaus Kinski) wird nicht eher ruhen, bis der Urwald eine Oper hat. (Bild: Studiocanal)
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