Auch durch Ukraine-Krieg: Rückschläge im Kampf gegen Hunger

Berlin (dpa) - Die Welthungerhilfe hat vor einer Verschärfung der Hungerkrisen über die unmittelbaren Folgen des Ukraine-Kriegs hinaus gewarnt. Während die Zahl der Hungernden steige, explodierten die Nahrungsmittel- und Transportpreise, teilte die Hilfsorganisation am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung ihres Jahresberichts mit.

«Der Krieg gegen die Ukraine verschärft die ohnehin dramatische Ernährungslage», hieß es mit Blick auf den wichtigen Weizenexporteur, dessen Lieferungen in der Folge des russischen Angriffskriegs blockiert sind. Die Experten machten zugleich deutlich, dass es seit Jahren grundsätzliche Probleme im internationalen Ernährungssystem gibt und Abhängigkeiten reduziert werden müssten. Aktuell hungern nach Angaben der Organisation weltweit bis zu 828 Millionen Menschen.

«Die Welthungerhilfe blickt auf ein Jahr zurück, in dem sich die weltweite Ernährungslage noch einmal dramatisch verschlechtert hat», sagte die Präsidentin der Organisation, Marlehn Thieme. Jüngste Zahlen seien ein «Weckruf an die gesamte Welt». Ein aktueller UN-Bericht zeige deutlich, dass sich ein bereits vor der Corona-Pandemie und vor dem Ukraine-Krieg erkennbarer Trend fortgesetzt habe und die Zahl Hungernder wieder steige. «Und die Weltgemeinschaft hat es in der Tat versäumt, auf diese frühen Warnzeichen, wie etwa die Nahrungsmittelpreiskrise 2011 zu reagieren und unsere Ernährungssysteme regional und global krisenfester, nachhaltiger und fairer zu gestalten», sagte Thieme.

In dem Bericht heißt es, über viele Jahre seien kontinuierliche Verbesserungen in der Hungerbekämpfung zu verzeichnen gewesen, doch seit 2014 kehre sich der Trend um: Multiple Krisen ließen die Zahl der Hungernden immer weiter steigen. Schon 2021 seien die Preise für Lebensmittel weltweit teils um 28 Prozent gestiegen. «Durch den Krieg in der Ukraine hat sich die Situation weiter zugespitzt. Besonders dramatisch ist die Lage im Jemen, in Afghanistan und im Südsudan. Aber auch in Madagaskar und den Ländern Ostafrikas, wo massive Dürren die verheerenden Auswirkungen der Klimakrise zeigen», heißt es in dem Bericht weiter.

Zugesagte Hilfsgelder reichen nicht

Thieme begrüßte, dass die Industriestaaten der G7 die Hungerbekämpfung ganz oben auf die Agenda gesetzt hätten. Statt der verabschiedeten einmaligen 4,5 Milliarden US-Dollar Hilfsgelder (rund 4,5 Milliarden Euro) benötige die Weltgemeinschaft zusätzlich aber 14 Milliarden US Dollar bis 2030. Damit könne das angestrebte Ziel, 500 Millionen Menschen aus dem Hunger zu holen, erreicht werden. Nötig sei auch «eine grundlegende Veränderung unseres Ernährungssystems», so Thieme. «Nur wenn Nahrungsmittel vom Acker zum Teller ökologisch, nachhaltig und unter sozial tragfähigen Bedingungen produziert werden, kann die Hungerbekämpfung gelingen.»

Als größter Treiber für Hunger gelten weiterhin bewaffnete Konflikte, wie in dem Bericht deutlich wird. In acht von zehn Ländern mit einer sehr ernsten oder gravierenden Hungersituation trügen Konflikte, Gewalt und Instabilität maßgeblich zum Hunger bei, etwa in Äthiopien oder im Südsudan. Zudem zeichnen sich regional auch Folgen der Klimaveränderungen ab. Sie können es schwerer machen, die einheimische Landwirtschaft zu stärken.

Dass wirtschaftlich weniger starke Staaten Grundnahrungsmittel importieren müssen, um eine teils weiter wachsende Bevölkerung zu ernähren, macht diese besonders anfällig für Krisen. Nach Einschätzung der Welthungerhilfe haben jüngste Preisrückgänge im internationalen Weizenhandel ihren Grund schon darin, dass sich einige Importeure zu diesen Preisen nicht mehr kaufen können.

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