Wie die Bundesregierung leise weiter an Berufsverboten schmiedet

Plötzlich vor dem Aus: Was undenkbar daherkommt, ist in Deutschland Realität. Und zwar in der Wissenschaft.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Berufsverbot: Was für schlimme Erinnerungen weckt dieses Wort. Schwer vorstellbar erscheint sowas in Deutschland, gewisse Zeiten liegen ja hinter uns. Und dennoch hat sich still und leise ein Berufsverbot in den Alltag geschlichen – von der Politik ersonnen, von den Medien beschwiegen. Es kam über die Hintertür.

Leidtragende sind hunderte Wissenschaftler. Alles begann mit einem Gesetz. Sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion sollt es angehenden Wissenschaftlern möglich sein, befristet zu arbeiten; das reiche als Qualifizierungsphase. Danach müsse eine unbefristete Stelle her als Professor an der Hochschule – oder eine Neuorientierung im Beruf, denn nach zwölf Jahren würde man es wohl auch später nicht mehr schaffen auf die eigenen Füße zu kommen. Das Schlüsselwort dieses Gesetzes: Qualifizierung. Die wissenschaftlichen Arbeitgeber gelobten, verantwortlich mit diesen neuen Anstellungsinstrumenten umzugehen.

Taten sie aber nicht. Letztlich findet das Gesetz Anwendung auf Bereiche, für die es schlicht nicht geschaffen worden ist – nämlich auch auf die wissenschaftlichen Mitarbeiter in so genannten außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Auch die haben in der Regel befristete Verträge, zwölf Jahre lang. Und stehen dann vor dem beruflichen Aus – denn befristete Verträge dürfen sie dann nicht mehr eingehen; nur die aber gibt es.

Der Hohn: Bei diesen Stellen geht es nicht um Qualifizierung, um eine Anstellung mit einem Zeitfenster zur beruflichen Entwicklung. Die zahllosen Wissenschaftler gehen ihrer wissenschaftlichen Arbeit nach. Ihre Arbeit beruht auf Erfahrung, ihre Forschung auf Beständigkeit. Weder inhaltlich noch zeitlich ist eine Promotion oder eine Habilitation während dieser Arbeit ein Thema; die meisten von ihnen haben eh schon den Doktortitel. Sie sind für ihre Arbeit bereits qualifiziert.

Vehement hatten die außeruniversitären Forschungseinrichtungen zur Jahrtausendwende gefordert, auch die neuen Fristen anwenden zu dürfen. Als Begründung gibt der Gesetzentwurf an: „Die Regelung stellt sicher, dass auch die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in gleichem Umfang Qualifizierungsstellen einrichten können wie die Hochschulen.“ Sie konnten, aber sie taten es nicht. Und mit den befristet angestellten Wissenschaftlern hatte all dies nichts zu tun; deren Arbeitswirklichkeit wurde ignoriert.

Zum Teil kam es zu absurden Gerichtsurteilen. Da mussten sich auf Entfristung klagende Mitarbeiter die vorwerfende Frage anhören, warum sie die Arbeitszeit nicht zur Habilitation genutzt hätten – eine Arbeitszeit, die sie wegen ihrer Aufgabenstellung gar nicht für eine Habilitation nutzen durften. Ferner kann man nicht denken. Doch diese Forscher tauchen in der Welt der Politik und der Medien schlicht nicht auf. Die Instrumente dieses personalpolitischen Folterkoffers werden still gegen sie angewandt.

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Geht es um Wissenschaftsreform in Deutschland, reden alle von den Hochschulen. Die zahlreichen außeruniversitären Forschungseinrichtungen verharren in einem blinden Fleck. Ständig heißt es, für die Nachwuchswissenschaftler müsse mehr getan werden – doch die befristeten Wissenschaftler an den Akademien und Forschungsgesellschaften sind in der Regel keine Jungspunde, die eine Karriere an der Hochschule planen. Sie sind bereits da, wo sie sein wollten. Erwischt es sie, sind sie 40 oder 50 Jahre alt. So landen Hochqualifizierte bei Hartz IV oder im Taxi.

Fehler der vergangenen Jahre lassen sich kaum noch korrigieren

Letztlich hat ein hierarchisches Denken diese faktischen Berufsverbote möglich gemacht. In der Wissenschaft schielt alles auf die Professoren. Nur die zählen. Die Arbeit des Mittelbaus an den Unis, die der vielen Dozenten und Lehrbeauftragten, hat ein Ansehen wie das Werk von Sklaven. Dabei sind sie es, welche die Wissenschaft an den Hochschulen mit Leben erfüllen, die neben ihrer Forschung die Lehre überhaupt erst ermöglichen. Doch der Mittelbau wurde in den vergangenen Jahren kaputt gespart.

Selbst die neueste Entwicklung verleiht da eine bittere Note. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka will 1000 Professorenstellen auf so genannter „Tenure Track“-Basis schaffen. Darüber qualifizieren sich Promovierte für eine Lebenszeit-Professur. Erreichen sie die mit der Uni vereinbarten Ziele in Forschung und Lehre, wird ihre Stelle nach etwa sechs Jahren entfristet.

Doch wieder geht es nur um Professoren. Von einer Initiative zur Stärkung oder Entfristung des Mittelbaus hört man nichts. Von den übergangenen Wissenschaftlern an den außeruniversitären Einrichtungen ganz zu schweigen. So geht das mit einem Berufsverbot im Deutschland anno 2016.

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