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Yahoo 360: Darum geht es beim Nahost-Konflikt

Er gilt als die "Mutter aller Konflikte", als uralt und unlösbar. Die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern haben aber Gründe: Der Nahost-Konflikt lässt sich erklären – hier ein Überblick über die wichtigsten Punkte.

Worum geht es beim Nahost-Konflikt?
Worum geht es beim Nahost-Konflikt?

Eine Analyse von Jan Rübel

Mancher Experte raunt, über 2000 Jahre alt sei der Nahost-Konflikt. Er sei wie ein Stein – immer da. In Wirklichkeit aber handelt es sich um einen dynamischen Prozess, der veränderbar ist und sich auch entwickelt. Und unglaublich weit zurück in die Geschichte geht er auch nicht. Aber er ist aktuell: Derzeit herrscht wieder Krieg, und zwar zwischen der in Gaza regierenden Hamas-Gruppe und dem Staat Israel. Eine Bodenoffensive israelischer Soldaten scheint bevorzustehen – als Reaktion auf die Terrorangriffe der radikalislamischen Gruppe.

Worum es geht

Hier der Konflikt unterm Brennglas. Die Ausgangslage hat in sich einen schweren Kern: Zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen müssen sich ein Gebiet teilen – irgendwie. Derzeit ist diese Region des Nahen Ostens in drei Zonen aufgeteilt. Wer streitet also miteinander?

Gruppierungen im Nahostkonflikt. (Grafik: A. Brühl, Redaktion: A. Brühl/J. Schneider)
Gruppierungen im Nahostkonflikt. (Grafik: A. Brühl, Redaktion: A. Brühl/J. Schneider)

So sieht es aus in Israel

In der Mitte liegt der Staat Israel. Die dortige Gesellschaft will in Sicherheit und in Freiheit leben und regiert sich selbst in einer parlamentarischen Demokratie.

So sieht es aus im Westjordanland

Weiter östlich befindet sich das Westjordanland, auch Westbank genannt. Dieses Gebiet ist wiederum in drei Zonen aufgeteilt. In der Zone A hat die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) die Kontrolle. Sie wird von der Gruppe Fatah regiert. Diese wurde in den vorigen Sechzigern von Jassir Arafat gegründet, der 2004 starb. Die Fatah ist säkular-nationalistisch. Seit 2005 regiert Arafats Nachfolger Mahmud Abbas, der sich seitdem übrigens keinen Wahlen mehr stellt und autokratisch herrscht. Allerdings ist der Machtradius von Abbas begrenzt. Nur in der Zone A hat er Autorität, das sind 18 Prozent der Westbank. In der Zone B (20 Prozent) übt Israel die Sicherheitskontrolle aus, und in der Zone C (62 Prozent) verfügt Israel über die Verwaltungs- und Sicherheitskontrolle. Seit 1967 gilt das Westjordanland als besetzt. In ihm leben drei Millionen Palästinenser und rund 432.000 jüdische Siedler. Die Westbank ist noch kein eigener Staat.

So sieht es aus in Gaza

Im Südwesten Israels ist der Gaza-Streifen. In dieser Küstenlandschaft leben zwei Millionen Palästinenser auf recht engem Raum, wie in einer einzigen Stadt. 1967 wurde dieser Streifen von Israel besetzt. 2005 aber zogen alle Soldaten und auch Siedlungen ab. Im Jahr 2006 kam die radikalislamische Hamas durch Wahlen an die Macht. Seitdem regiert sie und lässt keine weiteren Wahlen mehr zu. Gaza verfügt für die vielen Einwohner nicht alle Ressourcen wie Landwirtschaft, Wasser und Strom. Das Gebiet grenzt größtenteils an Israel, welches Gaza im Grunde abriegelt und nur wenig Warenverkehr zulässt. Auch Ägypten, welches im Süden an Gaza grenzt, hält seine Schlagbäume weitgehend verschlossen.

Die Palästinenser wollen Gaza und Westjordanland zu einem unabhängigen Staat vereinen. Israel will Sicherheit für seine Bürger und die Siedler, die im Westjordanland leben. Zudem gibt es Uneinigkeit über Jerusalem: Jüdische Israelis und die Palästinenser beanspruchen die Stadt als ihre Hauptstadt. In Ost-Jerusalem leben traditionell Palästinenser, in anderen Stadtteilen zunehmend Juden.

Der Beginn des Konflikts

Der Beginn des Konflikts liegt im 19. Jahrhundert. Juden in Europa suchten nach einer Möglichkeit, dem Rassismus, der Verfolgung und Pogromen zu entfliehen. Seit Jahrhunderten lebten sie in Europa und dem Nahen sowie Mittleren Osten, in antiker Zeit von den römischen Besatzern nach Aufständen aus der Region, um die es jetzt geht, vertrieben. Juden bemühten sich also im 19. Jahrhundert um eine Heimstatt, wo sie ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen könnten. Manche zogen nach Palästina und kauften dort Land auf. Palästina stand damals unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches, eines Vielvölkerstaates. Unter den Palästinensern keimte damals, wie überall in der Region, der Gedanke, sich selbst zu regieren – wie in Deutschland zur selben Zeit die Idee, die verschiedenen Fürstentümer und Königreiche zu einem Staat zu vereinen. Unabhängigkeitsbewegungen entstanden, das von den Historikern als "Nation-Building" bezeichnete Heranreifen von neuen Staaten begann.

In Europa nahm der Antisemitismus zu. Und immer mehr Juden wanderten nach Palästina aus, bauten staatsähnliche Institutionen auf. Es kam zu vielfältigen Kooperationen mit Palästinensern; gleichzeitig stieg der Argwohn, wohin das alles führen solle.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs stand das Osmanische Reich als Verlierer da, in Palästina marschierten britische Truppen ein und begründeten dort die sogenannte Mandatsherrschaft.

Widersprüchliche Versprechen

Großbritannien verfolgte damals eine Politik der unterschiedlichen Versprechen. Den Arabern versprach man in der McMahon-Husain-Korrespondenz einen unabhängigen Staat. Mit den Franzosen einigte man sich heimlich im Sykes-Picot-Abkommen auf eine Aufteilung der gesamten Region in jeweilige Interessens- und Einflussgebiete. Und mit der Balfour-Deklaration stellte man Juden einen eigenen Staat in Aussicht.

Nach dem Inferno des Zweiten Weltkriegs

Die Sho'a der deutschen Naziherrschaft sorgte für einen großen Wandel. Nach dem Genozid waren Juden umso entschlossener, für die eigene Unversehrtheit zu sorgen. Der Staat Israel sollte entstehen. Inzwischen war es seit den Dreißigern immer wieder zu Zusammenstößen mit Palästinensern gekommen. Die Vereinten Nationen stellten 1947 einen Teilungsplan vor, der den Palästinensern mehr Gebiete zusprach als der jüdischen Interessensvertretung Jewish Agency. Letztere akzeptierte den Plan, stellte aber nach innen fest, dass diese Aufteilung nur ein taktischer Anfang sein könne – an der Gesamtstrategie eines möglichst großen jüdischen Staates hielt man fest. Auch begannen Geheimverhandlungen mit dem transjordanischen König Abdallah, der ein Auge auf palästinensische Gebiete geworfen hatte. Palästinenser dagegen lehnten den UN-Teilungsplan ab, weil sie darauf bestanden, dass dies eh alles ihr Land sei. Es gab aber auch verhandlungsbereite Gruppen.

Kriege & ein Trend

1948

1948 kam es kurz nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung zum Krieg, den Ägypten, Syrien, Libanon, Transjordanien und der Irak dem neuen jüdischen Staat erklärten. Allerdings stellten die meisten dieser Länder nur wenige und kaum koordinierte Soldaten. Die größte militärische Einheit auf arabischer Seite, die Soldaten von König Abdallah, gingen den jüdischen Truppen oft aus dem Weg; man teilte sich im Grunde Gebiete auf. Der Selbstverteidigungskampf war nach vier Wochen entschieden. In der Folge wurden tausende Palästinenser vertrieben – unter anderem nach Gaza. Dörfer wurden verwüstet und der Vergessenheit überlassen.

1967

Im sogenannten Sechs-Tage-Krieg reagierte Israel auf die Feindschaft des nationalistischen Präsidenten Gamal Abd an-Nasir. Der hatte Israel wiederholt gedroht. In einem Präventivschlag zerstörte ihre Luftwaffe die völlig überraschten Stellungen in Ägypten und in Syrien. Auch hatte Nasir wichtige Truppen damals im Jemen stationiert; Historiker gehen im Nachhinein von einer damaligen nicht unmittelbaren Invasionsgefahr für Israel aus. Im Zuge dieser sechs Tage besetzte Israel das Westjordanland, Gaza und Ostjerusalem. Der Siedlungsbau begann.

Wie es heute um Israelis und Palästinenser steht

Israel hat sich in den Jahrzehnten eine funktionierende Demokratie aufgebaut. Es kontrolliert militärstrategisch wichtige Orte wie die Golanhöhen und das Jordantal. Und durch den Siedlungsbau wächst der Einfluss in den besetzten Gebieten. Westjordanland gleicht politisch gesehen einem Flickenteppich. Es gibt Straßensperren und Checkpoints des israelischen Militärs, andere Straßen sind für Palästinenser gesperrt; mancher Weg von nur wenigen Kilometern Luftlinie dauert mehrere Stunden. Eine Mauer verdichtet die Grenze zwischen Westbank und Israel. Die PA ist korrupt. Dies und die Besatzung mit täglichen Einschränkungen der Grundrechte sorgt für eine schlechte Wirtschaftsentwicklung und für Armut. Gaza dagegen ist zwar ein in sich stehendes Gebilde. Aber die Isoliertheit und mangelnde Bewegungsfreiheit seiner Einwohner sorgen für wirtschaftliche Not. Die Hamas kontrolliert mit ihren engen Wertvorstellungen den Alltag und macht Mitsprache und freie Entfaltung nur schwer möglich.

Chronologie in Karten: Israel und die palästinensischen Gebiete. (Grafik: S. Scheffer, P. Massow; Redaktion: C. Wiemann, B. Jütte)
Chronologie in Karten: Israel und die palästinensischen Gebiete. (Grafik: S. Scheffer, P. Massow; Redaktion: C. Wiemann, B. Jütte)

Warum darüber diskutiert wird

Immer wieder ist die Region in Unruhe, weil zu viele Menschen unzufrieden mit dem Status quo sind.

Was macht die Region wichtig?

Man nennt das Gebiet auch das "Heilige Land", weil es eng mit den monotheistischen Religionen verbunden ist: Es ist die Region der ersten jüdischen Königreiche und des salomonischen Tempels in Jerusalem. Es ist Geburtsland Jesu, Ort seines Wirkens und seines Sterbens. Und es ist Platz der al-Aqsa-Moschee, der drittwichtigsten Gebetsstätte für Muslime weltweit. Da viele Palästinenser 1948 aus ihren Dörfern vertrieben wurden, leben sie teilweise bis heute in Lagern auch außerhalb des Landes, etwa in Syrien oder im Libanon. Und viele emigrierten in andere Weltregionen, verfolgen aber die Geschicke ihrer Heimat.

Wer redet mit?

Westeuropa und Nordamerika sind eng mit Israel verbündet, während Russland stärker auf palästinensischen Rechten besteht: Zu Zeiten des Kalten Krieges war auch dies eine Art Grenzverlauf. Arabische Staaten unterstützen Palästinenser, zum Beispiel sponsert Qatar Wirtschaft und Ernährung, aber auch die Hamas mit ihrer Militärpolitik.

Welche Lösungen stehen bereit?

In den vorigen Neunzigern wurden die beiden Worte "Oslo" und "Frieden" oft gemeinsam gedacht. Hatten doch die palästinensische Dachorganisation PLO unter Arafat und die israelische Regierung in Norwegen Verhandlungen geführt und abgeschlossen: Die Besatzung sollte beendet und ein palästinensischer Staat gegründet werden. Im Gegenzug sollte es Freundschaft, Frieden und vor allem Sicherheit geben. Doch zu einer Ratifizierung und Umsetzung kam es nicht: Israel und die PA konnten sich nicht darauf einigen, was alles in der Westbank zum Staat gehören soll. Währenddessen sorgten die israelischen Siedlungen, die immer anwuchsen, für "facts on the ground".

Was geschehen könnte - mögliche Szenarien

Möglichkeit Nummer 1

Alles bleibt, wie es ist. Ein palästinensischer Staat wird nie kommen, irgendwann annektiert Israel das Westjordanland offiziell – oder belässt den aktuellen Status.

Möglichkeit Nummer 2

Man einigt sich auf eine Art palästinensischen Staat, der aber geografisch fragmentiert ist und kaum als Staat auffällt.

Möglichkeit Nummer 3

Israel zieht viele Siedlungen aus der Westbank ab, und Westjordanland entwickelt sich zu einem lebensfähigen Staat.

Möglichkeit Nummer 4

Israelis und Palästinenser einigen sich auf die Überzeugung, wie destruktiv diese Konflikte sind. Sie beschließen, einen einzigen Staat für alle zu haben. Palästinenser und Israelis werden Bürger mit gleichen Rechten, mit der Garantie des jüdischen Staatscharakters für seine jüdischen Bürger.