Ziel Volkspartei - Sozialforscher analysiert, wie grob sich die Grünen bei den Wählern verschätzt haben

Kleiner Parteitag der Grünen in Brandenburg<span class="copyright">Monika Skolimowska/dpa</span>
Kleiner Parteitag der Grünen in BrandenburgMonika Skolimowska/dpa

Die Bundestagswahl 2025 steht vor der Tür und die Grünen befinden sich in einer tiefen Krise. Welche Wähler den Grünen noch die Treue halten, auf welche Art und Weise diese sich gewandelt haben und wie es um die Perspektiven der Partei steht, erläutert Sozialforscher Andreas Herteux.

Massive Stimmenverluste bei den Wahlen und schlechte Umfrageergebnisse - wer wählt in Deutschland die Grünen?

Eingangs, und um etwas tiefer in die Materie einzutauchen, erscheint es vielleicht sinnhaft, etwas ausholen und sich mit der historischen Entwicklung der Grünen beschäftigen. Die Wurzeln der Partei liegen bekanntlich auf zwei Feldern: Zum einen in den westdeutschen Protestwellen der Post-Adenauer-Ära und zum anderen in der DDR-Friedensbewegung. Nach dem Zusammenschluss zur Gesamtpartei Bündnis 90/ Die Grünen war man seit 1994 durchgehend im Bundestag vertreten.

Während des langen Marsches durch die Institutionen hat sich die Wählerschaft der Grünen verändert, oder besser gesagt, sie ist über die Jahrzehnte mit ihnen gealtert, ohne lange Zeit weitere Generationen für die eigenen Ideen und Ideale – in Form eines Engagements in einer parteilichen Organisationsform - gewinnen zu können. Im gewissen Sinne lag das aber auch immer wieder daran, dass viele grüne Themen von anderen Parteien übernommen, propagiert und teilweise umgesetzt wurden, was die originären Impulsgeber auch ein Stück weit überflüssig machte oder gar zu radikal erscheinen ließ.

Trotz inhaltlicher Relevanz folgte daher oft nur ein überschaubares Wachstum, was sich besonders deutlich am Altersschnitt der Wähler, der lange Zeit stetig anstieg, zeigte. Diese rekrutierten sich zudem primär aus dem sozial-ökologischen (ca. 7 Prozent der damaligen Bevölkerung) und dem liberal-intellektuellen Milieu (ca. 7 Prozent) sowie weiteren modernisierungsoffenen Lebenswirklichkeiten, die eine spezifische Nische darstellten und heute so auch nicht mehr existieren.

Der Querschnitt der Bevölkerung war, profan ausgedrückt, überwiegend nicht für das grüne Angebot zu begeistern, obwohl es intern immer wieder Hoffnungen gab, den Durchbruch zur Massenbewegung zu schaffen, die nicht selten auch von den Medien, beispielsweise titelte die FAZ bereits 2011 „Die neue Volkspartei“, befeuert wurden.

Wie veränderte sich die Wählerklientel der Grünen im Laufe der Zeit?

Was die Veränderungen der Wählerattribute betrifft, ist es wichtig zu verstehen, dass sich spätestens in den 2010ern der Zeitgeist und mit ihm auch die gesellschaftliche Struktur gewandelt hat. Post-materielle Positionen kamen mehr und mehr in Mode und sorgten auch bei der politischen Konkurrenz von SPD bis CDU für eine Verschiebung der politischen Schwerpunkte, wobei der Begriff „Linksruck“ im Grunde genommen nicht passend ist, da es sich um besagte post-materielle Ideen, handelte, welche die folgenden Jahre, ausgehend von einem universitärem Umfeld, dominieren sollten und keine klassischen linken Themen.

Angemerkt sei, dass es auch keinen konservativ-liberalen Intellektualismus gab, der sich den neuen Strömungen entgegenstellen konnte – im Grunde genommen offenbarte sich in diesem erstaunlichen Siegeszug eine geistige Bankrotterklärung, der es den neuen Idealen und Ideen leicht machte, sich zu etablieren und von den Universitäten in den gesellschaftlichen Diskurs einzusickern.

Die positive Wende für die Grünen selbst erfolgte zwar auf Bundesebene nur schleichend, zeigte sich aber spätestens nach der Bundestagswahl 2017, denn es waren starke Zuwächse bei den 18 – 34jährigen und eine breitere Akzeptanz in mehr sozialen Milieus zu beobachten.

Der Grünenwähler selbst war zu diesem Zeitpunkt schon sehr lange nicht mehr der lautstarke Protestler oder gar der „Klischee-Öko-Hippie“, sondern, im Schnitt, ein Besserverdiener, gebildet, eher weiblich als männlich und das urbane Leben gegenüber dem ländlichen Dasein bevorzugend. Ein Beamter oder Angestellter, eher kein prekärer Arbeiter. Kurzum; er hat es sehr oft schlicht geschafft.

Mitte der 2010er wurde alles zusätzlich ein wenig jünger und dynamischer, aber zugleich auch post-materieller – letzteres ist ein Umstand, den man leicht übersehen kann, denn die angesprochene Strömungen haben die Grünen weitaus mehr erfasst, als es die Realpolitik vermuten lässt.

 

Zu dieser Zeit stellte das post-materielle Milieu (ca. 12 Prozent der Bevölkerung) in großen Teilen die grüne Kernwählerschaft. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Hinzu kommt die neo-ökologische Lebenswirklichkeit (ca. 8 Prozent), die bei der Klimabewegung oder der identitätspolitischen Themen eine wichtige Rolle spielt und viele der Grundeinstellungen teilt.

Zustimmung kam aber damals auch aus anderen Bereichen: Die Expeditiven, jene kosmopolitischen, vernetzten Weltbürger (ca. 10 Prozent) und die Performer, die ebenfalls postmoderne Leistungselite (ca. 10 Prozent) zeigten in Studien keinen großen Widerstand bezüglich der angestrebten sozial-ökologischen Transformation mehr. Und an manchen Stellen gelang es sogar die mittigen Milieus anzusprechen.

In den Umfragen erreichten die Grünen in dieser Zeit teilweise über 25 Prozent und waren immer wieder einmal stärkste Kraft. Die Perspektiven für die Bundestagswahl 2021 waren daher gut und der Traum von der grünen Volkspartei schien Wirklichkeit werden zu können.

Warum wurden die Grünen nicht zu einer Volkspartei, obwohl der Rahmen stimmte?

Die Wahlkampfstrategie der Grünen beruhte 2021 ursprünglich auf drei Säulen. Den Persönlichkeitswahlkampf rund um die Kanzlerkandidatin, den Schwerpunkt Umwelt/Klima und dem Bedienen einer Wechselstimmung.

Der Persönlichkeitswahlkampf stellte lange die zentrale grüne Wahlkampfstrategie dar.   Annalena Baerbock sollte die Partei und deren Inhalte in sich bündeln, personifizieren, zugleich die Aura der Erneuerung, des Anderseins, Kompetenz sowie Frische verkörpern und damit einen Kontrast zum maskulinen und etablierten Angebot der Regierungsparteien, die seit Jahren an der Macht waren, bilden.

Dieses ist erstaunlich schnell am mangelhaften Screening und der unglücklichen Eigenpositionierung der Kandidatin gescheitert. Am Ende wurde Baerbock, nicht als die unverbrauchte, perfektionistisch-kompetente Newcomerin gesehen, wie sie platziert werden sollte, sondern als unerfahrene Aufsteigerin, ohne wirkliche Kompetenzen und damit zu einer Belastung des Wahlkampfes, die sich nicht mehr ausgleichen ließ. Schlicht für zu leicht befunden, was sich auch auf die Partei übertrug und Stimmen kostete. Die anderen Säulen konnten dies nicht mehr ausgleichen. Personifizierungen besitzen mitunter auch Schattenseiten.

In der Summe haben sich die Grünen 2021 selbst um ein besseres Ergebnis gebracht. Mit einem handwerklich geschickteren Wahlkampf und dem Kandidaten Habeck wäre eine Rot-Grüne Koalition unter grüner Führung wohl nicht unrealistisch gewesen.

Warum sind die Grünen als Ampelpartei noch weiter abgestürzt?

Die Grünen wurden für eine längere Periode vom Zeitgeist getragen. Eine, die auch dazu geführt hat, dass die Bedürfnisse vieler Milieus, die nicht unbedingt zu den sogenannten „Progressionsbefürworten“ zählen, schlicht ignoriert und als zweitrangig sowie rückständig abgetan wurden. Eine Möglichkeit wahrgenommen zu werden gab es oft nicht.  „Indem sie schweigen, schreien sie,“  schrieb einst Cicero und in den Lebenswirklichkeiten gärte es so unter der Oberfläche.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Unzufriedenheit sich in Milieukämpfen artikulieren würde. Das ist ein Phänomen, das wir fast überall in Europa oder in den USA finden, wenngleich in Deutschland scheinbar alles ein wenig später kommt. Das wiederum hat zur zersplitterten Gesellschaft und den aktuellen Konfliktlinien beigetragen.

Es zeigte, sich, ganz nüchtern betrachtet, dass der Rückhalt für post-materielle Ideen weitaus kleiner ist als vermutet und die Gesellschaft offenbar nicht bereit war, den erklärten „Zukunftsleitmilieus“ zu folgen.

Für die Grünen, nun Teil einer Ampel-Koalition, kam dies überraschend. Es gab einige Analysen und Strategiepapiere, in denen der Widerstand gegen die sozial-ökologische Transformation als vorhanden, aber beherrschbar eingeschätzt wurde. Nun musste die Partei aber mehr und mehr registrieren, dass das eigene Vorgehen weder die erhoffte Akzeptanz bei der Bevölkerung fand noch in der gewählten Form in das nationale und auch internationale Umfeld passte.

Themen wie Teuerungen, Migration, Bürgergeld, Gerechtigkeit oder Sicherheit haben nun, und hier sind wir in der Gegenwart angekommen, eine größere Bedeutung. Die großen Ideen der globalen Transformation werden von den mutmaßlich kleinen Sorgen der Menschen aufgefressen.

Die post-materielle Erzählung hat zudem viel ihrer Kraft und auch mediale Unterstützung verloren. Selbst die Vorstellung, dass der eingeschlagene Weg großen Anklang bei jüngeren Menschen findet muss, wurde durch die Ergebnisse der Europawahl widerlegt und war für die Partei intern ein Schock, denn gerade die nachrückenden Generationen wollte man sich sichern und setzte auch deswegen auf die Herabsetzung des Wahlalters. Die grüne Welt geriet ins Wanken.

Der Wind hatte sich gedreht, aber das haben die Verantwortlichen der Grünen zu spät erkannt und stattdessen ein Stück weit auch die Realität ausgeblendet sowie sie marginalisiert. Oder wie es Robert Habeck ausdrückte:  „Die einzige Antwort, die ich geben kann, ist, dass ich so sehr im Fokus war, fossile Energie einzusparen, dass ich nicht gesehen habe, wie sich die mentale Haltung im Land schon wieder woanders hinbewegt hat.“

Das Umschwenken kam spät, halbherzig und wird deswegen wenig in den Umfragen honoriert – letztendlich auch, weil es nicht den inneren Überzeugungen entspricht, sondern mehr aus taktischen Erwägungen geschieht.

Die Folgen waren und sind sinkende Umfragezahlen, schwächere Wahlergebnisse sowie ein massiver Imageverlust, der bis heute anhält.

Wie sind die Perspektiven der Grünen für die Bundestagswahl 2025?

Der Zeitgeist spricht, aus heutigem Blickwinkel, gegen einen bedeutenden Erfolg der Grünen bei der Bundestagswahl 2025, aber bereits die restlichen Landtagswahlen 2024 werden wohl nicht positiv verlaufen. Post-materielle Positionen verlieren an Bedeutung, andere Themen treten in den Vordergrund.

Trotzdem hat die Partei Kernwähler, die sich auch mit dem Kurs der Grünen in der Ampelkoalition einverstanden zeigen. Der Totalabsturz ist vollkommen unrealistisch. Sicher wird es Einbußen geben, besonders außerhalb westdeutscher Großstädte, allerdings ist ein totales Fiasko zur Bundestagswahl 2025 sehr unwahrscheinlich.

Die Kernklientel dürfte immer mindestens 8 Prozent auf Bundesebene garantieren, vielleicht sogar etwas mehr. Der Durchbruch zur Volkspartei lässt allerdings auch 2025 wohl noch auf sich warten.