Kommentar
Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? Als Altpräsident Christian Wulff
sich vor zwei Jahren zu einem Deutschland bekannte, indem auch der Islam zu
Hause ist, trat er eine wüste Debatte los. Auch sein Nachfolger Joachim Gauck
hat sich in diese Diskussion jetzt eingeschaltet - und weicht hinter dem
zurück, was Wulff sagte. Der Integration tut er damit keinen Gefallen.
Die Debatte um den Islam in Deutschland geht in die nächste Runde – und
schlägt mit den jüngsten Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck wieder
eine unselig Richtung ein. Jener sagte in einem am gestrigen Donnerstag
erschienen Interview mit der „Zeit“, Präsident Wulff habe mit seiner Äußerung,
der Islam gehöre zu Deutschland, die Bürger auffordern wollen, sich der
Wirklichkeit zu öffnen. Und die sehe so aus, „dass in diesem Land viele Muslime
leben“. Und mit dem Satz, der darauf folgte, distanzierte er sich zumindest
indirekt von Wulff: „Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben,
gehören zu Deutschland.“
„Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“ – halten wir das kurz
fest: Es leben Menschen muslimischen Glaubens hier, teils in der dritten und
vierten Generation, arbeiten hier, zahlen Steuern, nehmen aktiv am politischen
und kulturellen Leben teil, und ein Bundespräsident sagt ihnen, sie gehören zu
diesem Land? Ist ja freundlich von ihm, mag sich mancher Muslim nun denken.
Angesichts der islamophoben Welle nach Sarrazins Buch "Deutschland schafft
sich ab" mag das in seiner ganzen Plattheit noch wie ein Zugeständnis
klingen, wie eine Fortführung des Dialogs, den Christian Wulff bei all seinen
Fehlern begonnen hatte.
Doch ist es das tatsächlich? Ein klares Nein. Für Plattitüden ist Gauck zu
klug, zu sprachbewusst und zu politisch. Tatsächlich geht er mit seinem Satz
auf die Sarrazin-Jünger zu - und bleibt seinen eigenen Äußerungen
treu. Schließlich hat er schon während der Debatte 2010 Sarrazin „Mut“ für
dessen Thesen zugebilligt. Diesmal allerdings mutet Gauck dem Bürger schon eine
gehörige Exegesefähigkeit zu: Um sprachliche Nuancen geht es in seiner
Äußerung - doch die können bei der aufgeheizten Diskussion, ob der Islam
zu Deutschland gehöre, weitreichende Folgen haben. Zwei Deutungen lassen sich aus
seinem Satz herauslesen.
Warum trennt Gauck zwischen Islam und Muslimen? Warum die Spitzfindigkeiten?
Wer stellt denn „den Islam“ in Deutschland dar? Die Menschen. Oder gäbe es ein
Christentum ohne Christen? In der Trennung zwischen den Menschen und der
Religion wird gern der Eindruck erweckt, „der Islam“ sei eine abstrakte Macht,
die von Menschen unabhängig existiert, quasi Menschen „befallen“ könnte. Da
„der Islam“ in Deutschland gerne als etwas Bedrohliches konstruiert wird,
könnte so eine Äußerung den Eindruck erwecken, der „Kampf um die Köpfe“ der
Muslime sei noch nicht vorbei. Wenn man nur „richtig integriere“, besteht noch
die Chance, „der Islam“ würde verschwinden. Die Angst vor „dem Islam“ wird
damit jedoch niemandem genommen. Deshalb ist Joachim Gaucks Aussage
kontraproduktiv. Nur wenn auch "der Islam" zu Deutschland gehören
darf, wird es deutsche Muslime geben: Muslime, die sich in die deutsche
Gesellschaft integrieren. Muslime, die keinen Widerspruch sehen zwischen der
Ausübung ihres Glaubens und dem Bekenntnis zum deutschen Grundgesetz.
Es kann natürlich auch sein, dass sich Gauck vor dem Bekenntnis scheut, dass
"der Islam" zu Deutschland gehört, weil er in Deutschlands Geschichte
erst seit wenigen Generationen Gewicht bekommt. Sieht man den Islam als
historisch-politisches Konzept, lässt sich natürlich fragen: Hat der Islam auf
die Geistesgeschichte Deutschlands Einfluss gehabt? Doch das ist eine Frage für
Historiker, um die sich akademisch trefflich streiten lässt. Im Mund von
Politikern ist sie Zündstoff, denn "einfach nur so" sagt niemand
etwas in der Politik. Wenn ein hochgestellter Entscheider auf den angeblich
nicht vorhandenen geschichtlichen Einfluss des Islams auf unser Land hinweist,
hat dies Symbolkraft. Man fragt sich: Was sind die Konsequenzen? Haben deswegen
Muslime weniger Recht auf freie Religionsausübung? In einer Demokratie
natürlich nicht.
Ein Bundespräsident hat in Diskussionen wie diesen eine erhebliche Macht – er
kann aktive Integrationspolitik leisten. Je mehr jungen Muslimen beigebracht
wird, dass sie nicht zu diesem Land gehören, desto mehr werden sie sich
bedrohlichen Phänomenen wie den Salafisten zuwenden. Denn die bieten jungen
Menschen Zugehörigkeit und Identität an – und dies ohne große Ansprüche. Wir
möchten aber Muslime, die sich zu Deutschland bekennen, mit allen Pflichten und
Rechten. Anstatt also mit wortklauberischen Formulierungen an die Presse zu
gehen, sollte Gauck sich offensiv zu allen Gruppen dieser Gesellschaft
bekennen. Er sollte Ängste nicht nur verstehen, sondern sie auch bekämpfen.
„Der Islam“ gehört hier und jetzt zu diesem Land - allein festzustellen, dass
Muslime hier leben, reicht nicht aus.

