Arbeit, Alkohol, Tod: Zwei Nachbarn wollten groß werden – Einer der beiden scheiterte

Joachim Kreimer und Jupp sind unterschiedlich und haben doch Gemeinsamkeiten.

Dies ist die Geschichte von zwei ehrgeizigen Menschen, die auszogen, um groß zu werden. Die im Industriegebiet in der Mathias-Brüggen-Straße Nachbarn sind, sich nicht kennen, und die doch einiges verbindet – zum Beispiel, dem Tod schon tief in die Augen geschaut zu haben. Der eine, Joachim Kreimer, leitet ein Unternehmen mit 25 Mitarbeitern und Millionumsatz. Der andere, Jupp, lebt in einer Wohngemeinschaft mit 60 Suchtkranken und erhält monatlich 110 Euro Taschengeld. Kreimer sah Mitarbeiter, die tranken und starben. Jupp sieht Mitbewohner, die trinken und sterben.

Jupp, für die Öffentlichkeit bitte einfach nur Jupp, ist 1,56 Meter groß und überzeugt, dass er auch deswegen im Therapiezentrum für psychisch- und suchtkranke Menschen lebt, weil er zwei Köpfe kleiner ist als der deutsche Durchschnittsmann. Der 55-Jährige sitzt auf dem Bett seines Zehn-Quadratmeter-Zimmers, vor sich ein Laptop, Zigarettenstopfmaschine, Tabak, Instantkaffee, Kaffeeweißer, und erzählt, aufgeräumt und selbstbewusst.

Der letzte IQ-Test habe vor Jahren 140 ergeben, im Haus sei er für die Haustechnik zuständig, er könne alles reparieren, Computer programmieren, schreinern, „ich bin hier sehr gefragt“. Er ist einer von nur wenigen Bewohnern, deren Hirn keine irreversiblen Schäden genommen hat. Viele müssen lernen, ihr Zimmer und die Toiletten sauber zu halten. Rückfälle gibt es oft. Das Haus ist die letzte Station vor der Straße oder dem Friedhof.

Jupp ist 55 – und seit 30 Jahren Alkoholiker

„Ich habe immer darunter gelitten, dass ich so klein war“, sagt Jupp. Auf dem Schulhof sei er gehänselt, beim Fußball immer als Letzter gewählt worden. „Nur, als ich mich mal ins Tor gestellt und die Bälle gehalten habe, bin ich danach für eine Zeit immer als Erster gewählt worden“, sagt er und schmückt das Kapitel aus, wie man Erfolgsgeschichten eben so ausschmückt. Mit elf fiel Jupp von einem Kirschbaum. Für vier Wochen war er blind und querschnittsgelähmt – mehrere Nerven mussten bei einer OP freigelegt werden. Er klopft auf seinen Schädel, es hört sich metallisch an. „Die Bundeswehr hat mich deswegen nicht genommen.“

Jupp ist jetzt 55 und seit 30 Jahren Alkoholiker. Dazwischen lagen: Eine Lehre mit Abschlussnote 1,2, die ihm nicht reichte, Abendschule und Weiterbildungen, die ihm nicht reichten, eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und eine abgebrochene Kochlehre, eine Hochzeit und zwei Kinder, die heute 24 und 26 sind. „Ich war extrem ehrgeizig, ich wollte immer der Beste sein.“ Wenn der Druck zu groß wurde, griff er zur Flasche. Erst Feierabendbiere nach dem Sanitätsdienst, dann Nachmittagsbiere, dann ab und an ein Flachmann, weißer Korn, 32 Prozent, kein Völlegefühl. Irgendwann sehr viele Flachmänner. Eine ganz normale Alkoholkarriere.

„Wenn ich etwas mache, dann richtig“

Joachim Kreimer misst 1,77 Meter, sieht aber größer aus, weil er sich sehr aufrecht hält. Er hat grüne Augen und einen dunklen Teint, grau melierte Haare und einen drahtigen Körper. Er könnte leicht ein Model für Herrenmode sein. Die Mädchen sind ihm vermutlich früher nachgelaufen, aber er würde das so niemals sagen.

Der 62-Jährige sitzt auf der schwarzen Ledercouch in seinem geräumigen Büro, vor sich eine Flasche Staatlich Fachingen, und erzählt, sachlich und zurückhaltend. Vor 44 Jahren ist er nach dem Fachabitur in die Firma Hövel seines Großvaters eingestiegen, spezialisiert auf Hebezeuge, Transportgeräte und Betriebseinrichtungen. Nach der Bundeswehrzeit hat er in der Firma eine kaufmännische Lehre gemacht.

Da war schon klar, dass er den Betrieb übernehmen sollte; als er nach der Lehre zunächst keine Prokura bekam, machte er mit einem Kumpel parallel einen Getränkehandel auf. „Das hat den Großvater nicht begeistert, aber ich habe dann bald geschäftsführende Aufgaben bekommen.“ Ja, ehrgeizig sei er gewesen, „wenn ich etwas mache, dann richtig, das war immer meine Maxime“. Die Mutter, die ihn allein erzog, sei streng gewesen. Auch weil kein Vater zu Hause war, habe er wohl früh Verantwortung übernommen.

Zwei Männer, die dem Tod in die Augen schauten

Dass die Umsätze schnell stiegen, er den Sechs-Mann-Betrieb vergrößerte, zwischendurch heiratete und zwei Kinder bekam (die heute 21 und 23 sind), der Wirtschaftskrise trotzte und jetzt auch der Internetkonkurrenz – Kreimer erzählt das, als sei das ganz normal. Er kommt zwischen 7 und 7.45 Uhr in den Betrieb, zwischen 17.30 und 18.30 Uhr schließt er ab, zu Stoßzeiten arbeitet er eben länger. Zum Ausgleich macht er Sport, Yoga, Fitness. Druck habe er immer wieder gespürt, „im Alter sogar mehr, da schlafe ich schlechter“ – im Gegensatz zu einigen Mitarbeitern konnte er aber meistens damit umgehen.

Kreimer erzählt die Episode eines beliebten wie charismatischen Vertrieblers, der immer gern Pfefferminzbonbons lutschte. Irgendwann habe er festgestellt, dass der Mann regelmäßig den Schrank mit Spirituosen-Geschenken plünderte und schon vormittags trank. Es folgten Gespräche, Therapien, Rückfälle, man einigte sich schließlich auf eine Abfindung. Eineinhalb Jahre später sei der Kollege gestorben. Einen zweiten Mitarbeiter habe er auch an den Alkohol verloren – eine Kündigung sei irgendwann unumgänglich gewesen. „Die Ehefrau hat mich später für seinen Tod verantwortlich gemacht, weil ich ihm gekündigt hatte. Das war nicht leicht.“

Kreimer sagt oft, wie wichtig es ihm sei, dass seine Angestellten sich wohl fühlten und eben nicht zu viel Druck spürten. „Wenn man schon so viel Zeit seines Lebens mit Arbeit verbringt, sollte es einem dabei gut gehen. Sonst ist es komplett paradox.“

Kreimer hat keine Suchtkarriere hinter sich

Mit den Nachbarn aus dem Therapiezentrum haben die Angestellten von Kreimers Rheinischer Hebezeug Vertrieb GmbH nur wenig Kontakt. Manchmal flögen ein paar Bierflaschen rüber, sagt Kreimer, zweimal habe das Dach seiner Firma Schaden genommen, „aber das haben die Nachbarn dann sehr schnell behoben, wir haben keine Probleme“.

Joachim Kreimer hat keine Suchtkarriere hinter sich, weiß aber, wie es ist, nicht zu wissen, wie es weitergeht – und ob. Vor 16 Jahren hatte er eine schwere Herzerkrankung. Er war drei Monate außer Gefecht, war lange im Krankenhaus und hatte mit seiner Frau schon alles Wichtige besprochen. „Es kann schnell vorbei sein, das ist ja klar“, sagt er.

Jupp meidet Stadien und den Karnval

„Sowieso“, sagt Jupp. „Ich habe wahnsinniges Glück, dass mein Körper so viel mitgemacht hat.“ Er wisse nicht, wie oft er schon aufgewacht sei, und nicht mehr wusste, wo und wer er ist. Im Suchtzentrum sind schon einige Menschen gestorben, seit er hier lebt. Selbst hatte Jupp seit eineinhalb Jahren keinen Rückfall. Er arbeitet von 9 bis 11 und von 14 bis 16 Uhr in der Werkstatt und kümmert sich um die Haustechnik. Am Monatsersten bekommt er Taschengeld, das er in Tabak, Kaffee und Internetkarten investiert.

Er will bald mit seiner Freundin, die ebenfalls Alkoholikerin ist, in eine eigene Wohnung mit Betreuung ziehen. „Ich weiß, dass das auch eine Gefahr bedeutet, rückfällig zu werden.“ Jupp meidet Stadionbesuche, obwohl er Fußballfan ist, er meidet den Karneval, obwohl er gern Karneval feiert. Er hat nicht mehr vor, groß zu werden. „Aber ich will noch ein bisschen leben.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen