Afrika-Mutation: Trägt Deutschland eine Mitschuld an neuen Virusvarianten, die in ärmeren Ländern entstehen?

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Coronaimpfung im Princess Christian Hospital in Sierra Leone, Freetown
Coronaimpfung im Princess Christian Hospital in Sierra Leone, Freetown

Die im südlichen Afrika gefundene neue Virusvariante macht Forschern große Sorge: Sie befürchten, dass die Variante B.1.1.529 wegen ungewöhnlich vieler Mutationen hoch ansteckend sein könnte und zudem den Schutzschild der Impfstoffe leichter durchdringen könnte. Großbritannien und Israel schränkten deswegen vorsorglich den Flugverkehr in die Staaten der Region ein. Auch Deutschland zog am Freitagmorgen nach, erklärte das südliche Afrika zum Virusvariantengebiet.

Dass immer wieder neue Varianten des Coronavirus auftauchen, ist an sich nicht überraschend. Beim Übertragen von einem Wirt zum anderen können Viren mutieren, dabei ungefährlicher, mitunter aber auch gefährlicher werden. Auch deshalb raten Experten immer wieder, sich impfen zu lassen., um Übertragungen zu reduzieren. Tatsächlich ist die Impfquote in Afrika jedoch extrem niedrig. Erst 6,6 Prozent der Bevölkerung sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft.

Impfstoff für ein Drittel der Afrikaner da

Laut John Nkengasong von der Gesundheitsorganisation der Afrikanischen Union (Africa CDC) liegt die niedrige Impfquote unter anderem an logistischen Problemen. Aber: Afrika hat auch bislang nur rund 403 Millionen Impfdosen beschafft, von denen 55 Prozent verabreicht wurden. Das heißt: Selbst unter optimalen Bedingungen könnte sich gerade mal nur ein Drittel der 1,3 Milliarden Menschen auf dem Kontinent überhaupt impfen lassen. Und daran hat Europa durchaus einen Anteil.

Schon vor Monaten wurde gefordert, dass die Patente von Impfstoffen freigegeben werden. Damit sollte es möglich sein, weltweit deutlich mehr Impfstoff zu produzieren, indem Lizenzgebühren entfallen. Während sich die USA dem offen zeigten, lehnten das vor allem Europa und insbesondere Deutschland ab. Begründet wurde das von Kanzlerin Angela Merkel unter anderem damit, dass Wissen nach China abfließe. Zudem sei das Hindernis nicht Patente, sondern Produktionskapazitäten, Kenntnisse und Rohstoffnachschub.

Tatsächlich hat Biontech allerdings bereits der chinesischen Fosun Pharma eine Lizenz für ihre mRNA-Technologie gegeben. Und: Ob mehr Produktionskapazitäten geschaffen werden, hängt im Allgemeinen von der Finanzierung ab – wo nicht zu zahlende Lizenzgebühren durchaus für einen Schub sorgen könnten. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, fällte bereits im Mai daher ein hartes Urteil: "Mit der Ablehnung der Patentfreigabe verweigert Bundeskanzlerin Angela Merkel ärmeren Ländern einen schnelleren Schutz der Bevölkerung vor Corona. Dies ist einer der schwerwiegendsten Fehler ihrer Kanzlerschaft."

Fratzscher wies zudem darauf hin, dass das Argument, die EU habe mit 200 Millionen Impfdosen die Hälfte der in Europa produzierten Impfstoffe exportiert, fadenscheinig sei. "Dies ist ein gefährliches Argument, denn die EU hat mit sechs Prozent der Weltbevölkerung immerhin 20 Prozent aller Impfungen bisher erhalten. Auch haben die EU und die Bundesregierung bisher einen lächerlich kleinen Beitrag zu Covax, der globalen Initiative zur Bereitstellung von Impfstoffen in den ärmsten Ländern, beigetragen. China und Russland dagegen haben sehr viel stärker auch im Technologietransfer geholfen", so der Wirtschaftsprofessor.

Länder-Minister wollten kein Biontech an ärmere Länder spenden

Tatsächlich erscheint der Beitrag Deutschlands bei der Covax-Initiative gering – und moralisch zweifelhaft. Zum einen spendete der Bund etwa im vierten Quartal 10,1 Millionen Dosen Biontech, was also für rund fünf Millionen Menschen reicht. Demgegenüber wurden 26,6, Millionen Dosen Johnson & Johnson freiwillig abgegeben – ein Mittel, dessen Wirkung vergleichsweise niedrig und daher in Deutschland äußerst unbeliebt ist.

Ausschnitt aus einer Beschlussempfehlung der Länder. Im späteren Beschlusstext fehlt die Passage
Ausschnitt aus einer Beschlussempfehlung der Länder. Im späteren Beschlusstext fehlt die Passage

Fragen wirft zudem die Gesundheitsministerkonferenz von Mitte November auf. Nach der Ankündigung des scheidenden Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), aus Kapazitätsgründen Biontech in den Praxen zu rationalisieren, forderten die Landes-Gesundheitsminister in einem Business Insider vorliegenden Beschlussentwurf Spahn dazu auf: "Die Zusage an Covax zur Überlassung von Impfstoff an Drittländer sollte eingehalten werden entsprechend den bisher gegebenen Zusagen, dabei sollten statt dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer derzeit gleichwertige andere Impfstoffe abgegeben werden." Im Klartext: Der in Deutschland beliebte Biontech-Impfstoff sollte nicht in Dritte-Welt-Länder, sondern in Deutschland bleiben.

Im späteren endgültigen Beschlusstext fehlt die Passage. Für den Ökonomen Fratzscher ist die Folge von derlei Impf-Protektionismus klar: "Europa und Deutschland schießen sich durch ihre Weigerung der Patentfreigabe nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich ins Abseits. Die Corona Pandemie wird für niemanden vorbei sein, solange sie nicht für alle beendet ist." Alleine Deutschland kostet die Pandemie bislang mehr als 1,2 Billionen Euro. 1.200.000.000.000 Euro.

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