Professor Kekulé bei "Anne Will": "Ich kann den Widerstand des Gesundheitsministeriums nicht mehr nachvollziehen"

Jens Szameit

"Lieber Herr Scholz, ich habe sie schon ein paarmal erlebt ...": Bei "Anne Will" nahm der Virologe Alexander Kekulé das Krisenmanagement der Bundesregierung und im Speziellen den anwesenden Vizekanzler ins Visier. Sein dringender Appell in der Corona-Krise: "Wir müssen jetzt schnell improvisierte Lösungen haben."

Professor Alexander Kekulé bei der Talk Show "Anne Will" am Sonntag (Bild: Teleschau)

Deutschlands Virologen - sie sind nicht nur eine Berufsgruppe, auf die es gegenwärtig ganz besonders ankommt, sondern auch die gefragteste in den Talkshows des Landes. Ein Forscher, der seit Wochen einen Marathon an TV-Terminen absolviert, ist Professor Alexander Kekulé von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Und so langsam scheint es, als verliere der Virologe, der als einer der Ersten landesweite Schulschließungen gefordert hatte, die Geduld mit dem Krisen-Management der Bundesregierung.

Beim ARD-Premium-Talk "Anne Will"-Talk sprach Professor Kekulé nun unter anderem mit Vizekanzler Olaf Scholz zum Thema: "Zwei Wochen Ausnahmezustand - wo steht Deutschland im Kampf gegen Corona?" - Nach "bestens präpariert" klang die Einschätzung des Experten nicht. Einer der Brennpunkte: Senioren- und Pflegeheime. "Wir müssen die Heime genauso ernst nehmen wie die Kliniken", forderte Kekulé mit Nachdruck. In einigen Häusern gebe es “ähnliche Situationen, wie man es auf diesen Kreuzfahrtschiffen gesehen hat. Da breitet sich das Virus aus wie ein Lauffeuer."

Doch offensichtlich seien weder das Personal darauf eingestellt, noch seien entsprechende Maßnahmen vorgesehen. Da pflichtete die zugeschaltete Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, Christel Bienstein, bei - und leitete über zu einem anderen Reizthema der Pandemie-Krise: mangelhafte Schutzausrüstung. "Die Heime sind bei den Schutzmöglichkeiten, bei der Schutzkleidung, nicht genügend ausgestattet! Das ist ein Riesenproblem!", erkannte sie. Die niedersächsische Ärztekammer-Präsidentin Martina Wenker schlug in dieselbe Kerbe: "Allmählich verstehen wir nicht mehr, warum wir das nicht in Deutschland herstellen können! Das sind triviale Artikel!"

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"Lieber Herr Scholz, ich habe sie schon ein paarmal erlebt ..."

"Eine Folge der Globalisierung", erklärte Finanzminister Scholz die missliche Lage. Doch er bemühte sich auch, Zuversicht zu verbreiten. Man lasse sich nun von Profi-Weltmarkteinkäufern bei der Beschaffung von Schutzmasken unterstützen. Scholz vage: "Wir haben im Moment den Eindruck, dass wir das auch hinbekommen." Daneben versicherte er, es werde aktuell dafür gesorgt, "dass bestimmte Dinge auch in Deutschland hergestellt werden können". Die Deutschen hätten "einen Vorteil als Maschinenbauer der Welt: Viele der nötigen Maschinen sind in Deutschland hergestellt worden!" Im Übrigen gelte es, die richtigen Lehren für die Zeit nach der Corona-Krise zu ziehen. Auch wichtige Medikamente dürften dann nicht mehr im Ausland hergestellt werden. Die Menschen müssten sich darauf einstellen, dass die Dinge dann entsprechend teurer werden, so der SPD-Politiker.

Alexander Kekulé mochte die Ausführungen des Ministers nicht kommentarlos zur Kenntnis nehmen. "Lieber Herr Scholz, ich habe sie schon ein paarmal erlebt", nahm der Virologe den Vizekanzler ins Visier. "Beim letzten Mal haben sie auch gesagt, wir Deutschen sind ein tolles Maschinenbauervolk, und demnächst wird was kommen aus dem Ausland. Ich weiß nicht, ob das ein oder zwei Wochen her ist. Aber wir müssen jetzt was haben. Es gibt schon Arztpraxen, die zumachen mussten, weil sie ihr Personal nicht schützen konnten."

Kekulé holte aus zu einem Appell: "Ich finde es ganz toll, darüber zu reden, was wir aus der Krise lernen und was wir bei der nächsten Pandemie besser machen. Aber ich fühle mich ein bisschen so, als wenn wir Feuerwehrleute wären, die zum Einsatz fahren und darüber reden, was sie morgen machen wollen." Wichtig, so Kekulé, sei jedoch das Hier und Jetzt: "Wir können nicht darauf hoffen, dass irgendwann mal was aus China geliefert wird. Wir müssen jetzt wirklich schnell improvisierte Lösungen haben. Wenn in den Krankenhäusern die Ärzte nicht mehr geschützt sind und wenn in den Altenheimen die alten Menschen nicht mehr geschützt sind, dann rollt das schnell über uns drüber."

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"Ich kann den Widerstand des Gesundheitsministeriums nicht mehr nachvollziehen"

"Wir geben attraktive Preise", versicherte demgegenüber der Finanzminister der geneigten Industrie. "Wir werden Garantien geben, damit diejenigen, die sich jetzt trauen, diese Produktionen auf den Weg zu bringen, wissen, dass sie dabei nicht Verluste machen." Auch gebe es erste Erfolge zu verzeichnen: "Wir haben so viele Angebote, dass wir jetzt organisieren und koordinieren, damit das stattfindet." Wieder grätschte der Virologe hinein: "Wer koordiniert das denn? Gibt es einen Stab?" Scholz antwortete: "Gibt es, und morgen werden wir dazu eine Entscheidung treffen, die ich allerdings nicht vorweg verkünde." Wichtig sei allein zu wissen, "dass wir keine finanziellen Restriktionen in dieser Sache haben".

Und wie ist es nun mit einem anderen Reizthema in dem Zusammenhang - der Maskenpflicht für alle? Hierzu schaltete Anne Will den Jenaer Bürgermeister Christian Garlitz zu, der eine solche allgemeine Verhüllungspflicht in der Öffentlichkeit als Erster in Deutschland durchsetzte. "Damit jeder geschützt ist, muss das auch jeder tragen. Das ist einfach der neue soziale Standard", erklärte der SPD-Politiker. Parteigenosse Scholz mag da auf Ebene aller Bundesländer - noch - nicht mitziehen. Man diskutiere darüber mit Experten. Erkenntnis: "dass eine solche Maßnahme für Deutschland gegenwärtig nicht richtig ist". Wichtig sei zuvorderst, das medizinische und pflegende Personal mit Schutzmasken auszurüsten, nicht die Gesamtbevölkerung.

Wieder widersprach Profossor Kekulé: Man rede bei Schutzausrüstung für Ärzte und für die Allgemeinheit über verschiedene Maskentypen. Kekulé: "Ich kann den Widerstand des Gesundheitsministeriums und des Robert-Koch-Instituts überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Durch diese Maßnahmen, glaube ich, können wir überhaupt erst aus dem Lockdown raus." Der Forscher glaubt auch den Grund der Zurückhaltung der Bundesregierung zu kennen: "Man bekommt den Eindruck, dass die Politik nicht wagt zu sagen: 'Ihr sollt die anziehen', weil dann die Gegenfrage kommt, weshalb die Masken nicht in der Apotheke frei erhältlich sind." Kekulé jedoch würde zur Not auch auf Marke Eigenbau zurückgreifen: "Wir sollten alle Masken tragen, auch wenn wir die selber basteln müssen!"

Konsens mit dem Vizekanzler war an der Stelle nicht mehr in greifbarer Nähe. "Wir diskutieren mit allen möglichen Experten, die nicht alle einer Meinung sind", wiegelte Olaf Scholz ab. "Wer an dieser Stelle sagt, ich bin der Eine, der alles weiß, der ist wahrscheinlich kein guter Ratgeber und Entscheider."