Der Scheck-Check

Aktuelle Buch-Kritiken: Martin Walser, Felicitas Hoppe, Carolin Emcke, Zeruya Shalev

Literatur-Kritiker Denis Scheck empfiehlt diesmal Walser, Hoppe und Emcke (Bilder: Fischerverlage, Edition Corso)Walser, Hoppe, Emcke: Das sind die Tipps im März von Literatur-Kritiker Denis Scheck (Bilder: Fischerverlage, Edition …

SCHECK EMPFIEHLT:

Martin Walser: „Meine Lebensreisen" (Edition Corso, 152 S. 24,90 €)
„Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr." Gibt es einen schöneren und typischeren Satz von Martin Walser? Wer diesen Schlüsselsatz im Ohr hat, wird zumindest einen Moment lang zögern, ihm zum 85. Geburtstag am 24. März mit Superlativen zu gratulieren. Aber es hilft nichts: Martin Walser ist der für unsere Bundesrepublik repräsentativste Schriftsteller. Aber er ist eben nicht nur der hellsichtigste Prophet der deutschen Einheit. Der sensibelste Kartograph der in Herr-Knecht-Verhältnissen entstehenden Seelenwüsten. Der wortgewaltigste und nicht zuletzt fleißigste Autor seiner Generation. Martin Walser ist auch einer, der ins Risiko geht. Was anderes könnte denn auch die Funktion eines Schriftstellers sein als die eines Menschen, der die Glaubenssätze seiner Zeitgenossen hinterfragt und den Rhythmus der Gebetstrommeln des Zeitgeists unterbricht? Im Grunde hat Martin Walser sein Leben lang nach Unabhängigkeit gestrebt. Was Helmut Halm, der Stuttgarter Studienrat aus „Ein fliehendes Pferd" und „Brandung", bei einem Besuch an der amerikanischen Westküste denkt - „Es wird doch, bitte, hier nicht auch gleich wieder zugehen wie überall." — findet sich wieder in diesem schönen Band mit Reportagen und Auszügen aus seinen Tagebüchern, der Walsers Reisen etwa in die USA, nach Japan und in die DDR dokumentiert.

Felicitas Hoppe: „Hoppe" (S. Fischer, 336 S., 19.99 €)
Wir leben im Zeitalter des Biographismus. Unzählig die Bücher, die versprechen, uns die Psyche von Steve Jobs, Madonna oder Stalin aufzublättern oder eine Betriebsanleitung für X, Y, Z zu liefern. Die 1960 in Hameln geborene Felicitas Hoppe dreht den Spieß zwischen Biograph und Gegenstand nun um und schreibt sich eine eigene Werkbiographie. Was mit einem Wikipedia-Eintrag beginnt, kippt bald ins dreist Imaginierte: eine Jugendliebe mit dem Eishockeystar Wayne Gretzky in Kanada, Lehr- und Wanderjahre in Australien und den USA: alles in diesem Buch ist erstunken und erlogen und doch auf wunderbare Weise wahr. So nah kann sich nur jemand kommen, der sich schon sehr lange auf der Spur ist.

Carolin Emcke: „Wie wir begehren" (S. Fischer, 256 S. 19,99 €)
So persönlich und gleichzeitig fähig zur allgemeingültigen Abstraktion hat noch kein deutscher Autor seine erotische Autobiographie geschrieben. Wer lenkt unser sexuelles Begehren? Wer schreibt uns vor, wen wir wann wie begehren dürfen und wen nicht? Und was macht die Gesellschaft man jemand, dessen Begehren dagegen verstößt?  Klug wie Joan Didion, radikal und intim, ohne je in Peinlichkeit abezugleiten, erzählt die vielfach ausgezeichnete Journalistin Carolin Emcke, Jahrgang 1967, von ihrer sexuellen Initiation und deren Folgen. Dieser Essay zeichnet nicht nur die jüngste Geschichte der Homosexualität in der Bundesrepublik nach, sondern stellt die Frage, warum wir jedem Menschen seine Menschenrechte zugestehen, nur um im gleichen Atemzug irgendwelchen Minderheiten mit jeweils anderen Begründungen wieder irgend etwas davon abzuknapsen. Über Normen nachzudenken, so Emcke, hat nur der außerhalb der Norm stehende Anlass.

SCHECK RÄT AB:

Zeruya Shalev: „Für den Rest des Lebens" (Deutsch von Mirjam Pressler, Berlin Verlag, 520, 22,90 €)
Dies ist der erste Roman dieser hoch gelobten Autorin, den ich gelesen habe, und ich stehe immer noch unter Schock. Erwartet hatte ich Weltliteratur. Gelesen habe ich unsäglichen Kitsch. Der Inhalt: eine banale Familienaufstellung samt unerfüllter Kinderwünsche, Seitensprünge, unerwiderter Lieben, in der sich, so die auf jeder Seite überdeutlich erkennbare Absicht, die Geschichte Israels widerspiegeln soll. Stilistisch erbärmlich. Psychologisch unglaubwürdig. Inhaltlich belanglos. Selten habe ich erlebt, wie ein Autor von seinem Stoff bis zur künstlerischen Kapitulation dermaßen überwältigt wurde. Eine negative Offenbarung.

"Druckfrisch": Nächste Sendung am 29.4.2012 um 23.30 Uhr in der ARD.

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