Wir haben Schulden bei den Griechen

Jan Rübel
Reingezoomt
Zwischen Deutschland und Griechenland sind einige Rechnungen offen. (Bild: dpa)
Zwischen Deutschland und Griechenland sind einige Rechnungen offen. (Bild: dpa)

Alle Welt redet über „die“ Flüchtlinge. Im Sommer noch sprach man nur über „die“ Griechen – das scheint vergessen. Dabei gibt es ein brisantes Kapitel, das viele vergessen wollen. Doch Geheimdokumente aus US-Archiven bringen es nun ans Licht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Manche Rechnung wird spät zugestellt. Und andere noch später bezahlt. Zwischen Deutschland und Griechenland sind einige Rechnungen offen, nur sind sie unbequem. Eine zum Beispiel hat die jüdische Gemeinde Thessalonikis an die Deutsche Bahn gewandt, man fordert 89 Millionen Euro zurück – es geht um Beträge, die ungewollt gezahlt worden sind: 2,3 Millionen Reichsmark mussten Thessalonikis Juden im Zweiten Weltkrieg für Tickets berappen, für einen Fahrdienst der anderen Art: Reiseziel Auschwitz und die Orte anderer Vernichtungslager. Die Nazis ließen sich die Züge in den Tod von den zum Tode Verurteilten noch bezahlen. Die deutschen Machthaber zeigten sich neben ihrer Grausamkeit als banale Verbrecher, so wie Max Merten, Wehrmachtsbefehlhaber von Saloniki: Der hatte einige Monate vor den Todeszügen rund zehntausend Juden zur Zwangsarbeit verpflichtet, um ihnen wenig später ein Angebot zu machen; gegen die Zahlung von mehreren Millionen Dollar kamen die Juden frei, um schließlich doch in Auschwitz zu enden.

Eine neue Liste des Grauens

Die Deutsche Bahn hat die Forderung zurückgewiesen. Auch die Bundesregierung zieht sich auf die Position zurück, mit den 115 Millionen Mark an griechische NS-Opfer im Jahr 1960 sei genug getan. Das ist lächerlich.

Diese Woche hat das griechische Verteidigungsministerium einen Bericht veröffentlicht, der in Athen mit großer Aufmerksamkeit gelesen wurde. In Deutschland interessierte sich kaum ein Medium dafür. Die Journalisten, die ja gern als „Lügenpresse“ hingestellt werden, waren wohl zu beschäftigt mit dem Bearbeiten der rechtsextremen Gewalt im Deutschland des Herbst 2015. Dabei ist der neue Ministeriumsbericht aus Athen schockierend, und er dokumentiert, warum Griechen die Faust in der Tasche ballen, wenn es um „Hilfskredite“ für ihr Land geht.

Zum ersten Mal wurden geheime US-Archive herangezogen. 162 Mikrofilme hatten die Amerikaner den Griechen übergeben – alles Listen, Tagebücher, Berichte und Akten, welche US-Soldaten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Griechenland vorfanden: Die Quellen jener deutschen Soldaten, die zwischen 1941 und 1944 Griechenland besetzt hatten.

Verbrecher und Diebe in deutscher Uniform

Der Bericht ist eine Liste des Todes. Reihenweise Zerstörungen von ganzen Dörfern, Massenerschießungen und ausführliche Register davon, wie viele Tonnen Vieh, Getreide, Olivenöl, Fahrzeuge und sogar Wollteppiche beschlagnahmt wurden - zu einer Zeit, als in Griechenland zahlreiche Menschen den Hungertod starben. Deutschland hatte in Hellas gewütet. 115 Millionen Mark an Entschädigung dafür im Jahr 1960 sind ein schlechter Witz – abgesehen vom Millionenkredit, den die Nazis der griechischen Zentralbank abnötigten und natürlich nicht zurückzahlten. Verbrecherhandwerk will gelernt sein.

Es ist also Zeit, mit Märchen aufzuräumen. Wir Deutschen zahlen nicht und zahlen an die „gierigen“ Griechen. Wir drücken uns im Gegenteil vor unseren Schulden. Daran könnte man ja denken, wenn die Schlagzeilen sich drehen, plötzlich wieder Griechenland im Rampenlicht steht und nicht die „Flüchtlingskrise“.

Sehen Sie auch: Die Troika ist wieder da - als Quadriga