So freundlich filetiert Angela Merkel ihre Gegner

Angela Merkel fährt den Kuschelkurs – auch im Wahlkampf (Bild: AP)

Der Bundestagswahlkampf 2017 geht in die heiße Phase. Wie zu erwarten, verschärft sich auch der Ton innerhalb der Großen Koalition. Nur eine Person bleibt auffallend gelassen: Angela Merkel. Während die politische Konkurrenz in den Wahlkampfmodus schaltet, fährt sie den Kuschelkurs. Mit Erfolg.

Wie schnell man sich an ihr die Zähne ausbeißt, musste zuletzt der Außenminister feststellen. “Die Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte im Wahljahr 2017 in ihrer Heimatstadt Hamburg den G20-Gipfel nutzen, um mit attraktiven Bildern ihr Image aufzupolieren”, warf Sigmar Gabriel ihr vor und urteilte abschätzig: “Angela Merkel als Weltenlenkerin.” Die Kollegen von CDU/CSU waren alles andere als begeistert, sprachen erbost von einem “flegelhaften Tiefschlag” des SPD-Politikers. Und wie reagierte die Kanzlerin? Mit kaum zu überbietender Freundlichkeit.

“Ehrlich gesagt, ich habe mich gefreut, dass der Außenminister Sigmar Gabriel mich begleitet hat nach Hamburg, dass er die Außenminister aus verschiedenen Ländern getroffen hat, dass er an verschiedenen Gesprächen unter anderem mit dem amerikanischen Präsidenten teilgenommen hat und ich glaube, das hat mit zum Erfolg dieses Gipfels beigetragen.” Statt auf die Spitzen Gabriels einzugehen, konterte Merkel mit wohlwollend klingenden Worten. Statt sich auf eine Diskussion einzulassen, deklarierte sie den von Ausschreitungen überschatteten G20-Gipfel zum Erfolg. Zum gemeinsamen Erfolg.

Diffamiert und unterschätzt

Das muss man erst mal können. Sein eigenes Ego zurückstellen, die Kritik des Gegners ertragen, bis sie verhallt, statt dem natürlichen Drang nachzugeben, ihr mit Gegenargumenten – oder Gegenunverschämtheiten – Paroli zu bieten. Merkel kann das. Mehr noch: Sie hat die Kunst des Aushaltens perfektioniert. Die inzwischen mächtigste Frau Europas, die einst als “Angela Ahnungslos” verspottet wurde, hat lieber geduldig geschwiegen, gelauert, gewartet, wenn sie von ihren männlichen Kollegen an entscheidenden Schnittstellen ihres politischen Werdegangs diffamiert und unterschätzt wurde. Wie vom einstigen Bundeskanzler Helmut Kohl, der sie in den 1990ern gerne als “sein Mädchen” bezeichnete und ihre Übernahme des CDU-Landesvorsitzes von Mecklenburg-Vorpommern mit den Worten kommentierte: “Jetzt wird das Mädchen erstmals halbwegs mit dem Ernst des Lebens konfrontiert.” Als wäre sie zuvor nichts weiter als eine unbedarfte Schülerpraktikantin gewesen, die den Herren gnädigerweise über die Schulter schauen darf. Oder von Kohls Nachfolger Gerhard Schröder, der nach der verlorenen Wahl 2005 Merkels Anspruch auf die Kanzlerschaft vor laufenden Kameras ins Lächerliche zog – während sie ihm gegenüber saß. Und schwieg.

Hier ist Schröders besagter Auftritt zu sehen:

Nach nunmehr 12 Jahren im Amt der Bundeskanzlerin muss Merkel in machtpolitischer Hinsicht niemandem mehr etwas beweisen. Jegliche Angriffe perlen an ihr ab. Auch im Wahlkampf: Als SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ihr im Juni einen “Anschlag auf die Demokratie” vorwarf, weil sie sich vor inhaltlichen Auseinandersetzungen drücke, war die Aufregung in den Reihen von CDU/CSU erneut groß. Merkel selbst ließ dagegen Regierungssprecher Steffen Seibert antworten: “Es ist offensichtlich, dass für die Bundesregierung klar ist, dass wir alle zusammen für die Demokratie arbeiten.”

Da war sie wieder: die Betonung auf das “wir”. Statt auf den Vorwurf einzugehen, sich von Schulz mit Gegenargumenten abzusetzen, vereinnahmt sie ihn. Suggeriert, dass es keine Alternative zur Demokratie nach Merkel’schem Verständnis gäbe. Das ist machtpolitisch clever – aber auch genau das Problem, das Schulz mit seinem drastisch formulierten “Anschlag auf die Demokratie” anspricht. Wer sich einer wirklichen Debatte mit dem politischen Gegner grundsätzlich verweigert, droht tatsächlich der Demokratie zu schaden. Die Regierungsopposition verleiht dem Willen der demokratisch überstimmten Bürger Ausdruck. Geht man partout nicht auf ihre Kritik ein, ignoriert man in gewisser Weise auch einen Teil der Wähler – und treibt sie schlimmstenfalls in extremere Lager, die sich nicht mehr durch Argumente, sondern populistische Parolen Gehör verschaffen wollen.

Es ist kaum zu erwarten, dass der mit viel Elan gestartete und allmählich blass wirkende Schulz es vermag, sie bis zur Bundestagswahl am 24. September 2017 aus der Reserve zu locken. Stattdessen dürfte Merkel ihn wohl eher mit der schonungslos wohlwollenden Barmherzigkeit einer wahren Christdemokratin in Watte packen – bis ihm ganz allmählich die Puste ausgeht.

Autor: Carlos Corbelle

Sehen Sie im Video: Dieser Angriff auf Angela Merkel entbehrt jeder Sachlichkeit


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