Chefket und die "White Days for Future": Die Sache mit dem Privileg

Chefket machte auf das Problem des strukturellen Rassismus auch in vermeintlich progressiven Bewegungen aufmerksam (Bild: Frank Hoensch/Redferns/Getty Images)

“Ich gehe nur für meine Zukunft auf die Straße, und du?”

Was die Chefket-Debatte über Egoismen und neokoloniales Privileg verrät.

Man sagt, jeder hat sein Päckchen zu tragen. Nun gibt es auch die, die global getragen werden müssen. Was passiert, wenn sich globale und persönliche überschneiden?

Fridays for Future. Das ist die weltweite, oft eurozentrierte Schülerbewegung gegen den Klimawandel. Klimawandel, das ist eine Bedrohung die jeden Erdbewohner betrifft. Dementsprechend wird in der Bewegung, aber auch von verschiedenen anderen Institutionen sowie Personen des öffentlichen Lebens gefordert: Werdet euch der Gefahr bewusst. Daran gibt es nichts auszusetzen. Was Fridays for Future jedoch offenbart: Andere geführte Kämpfe und Ungleichheiten stehen im Weg, und sie zeigen, dass Päckchen, die uns alle betreffen, keinen Bogen um die Elite machen.

Um welche Ethik soll es gehen?

Chefket, ein Berliner Rapper, teilte auf Instagram seine ganz persönliche Erfahrung mit FFF. Er, wie viele andere Künstler auch, werden und wurden angefragt, auf Demos zu spielen - kostenlos natürlich, für die gute Sache. Für den 24. Mai plant “Fridays for Future” weltweit Demonstrationen gegen den Klimawandel. Chefket wurde für die Demo und Berlin angefragt und sagte zu. Was er daraufhin erhielt, behielt er nicht für sich.

Die Organisatoren von FFF sagten ihm ab, mit der Begründung, dass er bereits für einen Song mit Gangster-Rapper Xatar zusammengearbeitet hatte. Diese Zusammenarbeit könnten sie nicht unterstützen und dementsprechend könne Chefket den bereits zugesagten Gig nicht mehr spielen. Nun stellt sich die Frage, wer ist Xatar, und gegen welche Werte verstößt er? Nein, diese Frage stellt sich für Chefket und generell nicht, denn: Andere Künstler, die angefragt wurden und dort spielen werden, haben auch umstrittene Features vorzuweisen. Der Unterschied? Sie sind weiß.

Somit eskalierte die Situation. Rassismusvorwürfe wurden laut, der Titel “White Days for Future” wird von Chefket und Xatar verwendet und findet viele Zuhörer. Denn: Chefket ist nicht der erste, der auf weiße und elitäre Zustände bei der Bewegung aufmerksam macht. Aber der erste, der die Bewegung in Verlegenheit bringt.

Einheit oder weiße Einheit?

Globale Päckchen müssen global getragen werden, dementsprechend muss eine Einheit gebildet werden. Aber die gibt es nicht. Soziale Klassen sowie das Setzen von Prioritäten als auch Diskriminierung und Dringlichkeit der eigenen Probleme sind hier maßgebend. Die Bewegung in Deutschland lässt sich auf jeden Fall wie folgt zusammenfassen: Meist weiße Jugendliche, die meist aus akademischen Haushalten stammen. Es sind meist Jugendliche, die fernab von finanziellen Sorgen sowie sozialen Herabsetzungen das Klima als wichtigstes Problem priorisieren.

Bei den "Fridays for Future" nehmen weiße Jugendliche die erste Reihe ein (Bild: Reuters/Annegret Hilse)

Heißt das, Menschen mit Migrationshintergrund sind nicht akademisch und umweltbewusst? Nein. Laut Umfragen haben immerhin 17% der FFF-Teilnehmer einen Migrationshintergund angegeben. Die, die öffentlich auftreten, sind jedoch alle weiß. Und haben meist auch keine finanziellen Probleme, die ihren Alltag bestimmen. Sie sprechen auch nur die eurozentrische Sichtweise an.

Die Aufgabe einer Klimabewegung ist es, die weltweiten Ausmaße und die Ursachen zu benennen. Doch dass etwa die unmenschliche Bedingungen in den Ländern, in denen die Kleidung für den westlichen Markt genäht wird, Produkt und Schuld der neokolonialen Ausbeutung für unsere Konsumgesellschaft sind, findet man nirgends. Auch solidarisierte sich niemand mit Mosambik, nachdem dort ein verheerender Zyklon wütete.

“Meine Eltern haben mir nie was von Ungleichheit erzählt!”

16-Jährige können sowas doch nicht wissen? Doch, 16-Jährige können wissen, dass nicht nur Europa dieses Problem hat! Und nicht nur Flugverkehr die einzige Ursache ist. Aber das bekommen die meisten aus ihrem Elternhaus nicht mit, denn dieses ist sich dessen auch nicht bewusst. Chefket zeigt, welches Gefühl der Ausgrenzung bei BiPoCs herrscht, wenn es um diese Bewegung geht. Und Rassismus ist keine gefühlte Wahrheit, sondern eine Wahrheit, die Gefühle auslöst.

Und wenn solche Dinge kritisiert werden, dann muss es eine öffentliche Reflexion geben und die Hand ausgestreckt werden, um divers und global zu handeln. Denn wie bereits gesagt, ist dies unser aller Päckchen. Und wenn wir uns dessen bewusst werden, dass das eigene Privileg ein schweres Päckchen für andere entstehen lässt, dann ist nicht nur der Klimawandel die Aufgabe, sondern auch diese Konfrontation, um weitreichender gegen den Klimawandel vorgehen zu können.

Schade finde ich an diesem Punkt, dass manche kritische Stimmen der Meinung sind, dass Jugendliche sowas nicht erörtern könnten. Da tauchen dann zusätzliche Fragen auf, nämlich, was ist mit dem Bildungssystem los, dass Schüler solche Zusammenhänge nach dem Erläutern nicht fassen können?

Zu viele Päckchen erdrücken

Die Quintessenz des Ganzen ist doch, dass soziale Vorwürfe und weißes Privileg aufeinandertreffen. Man macht Menschen, die günstig fliegen, einen Vorwurf. Prangert die Politiker dafür an, nicht genug dagegen zu tun. Artikel und Instastories erscheinen, in denen ein schlechtes Gewissen gemacht wird bezüglich des “ökologischen Fußabdruckes”. Doch Menschen, die finanziell und körperlich jeden Tag kämpfen, um zu überleben, die können nicht mitziehen. Die Journalistin Nadire Y. Biskin twittert pointiert dazu:

Eigene Kämpfe stehen gerade für Marginalisierte oder sozial wie finanziell benachteiligte Personen vorne an. Das müssen Bewegungen sehen und mitziehen. Nicht nur die weiße akademische Schicht, die Robert Habeck wählt und am Prenzlauer Berg wohnt, betrifft dieses Problem. Es ist Teil eines globalen Problems, das nicht angegangen wird, weil es immer schmerzt, sich die eigenen Privilegien vor Augen zu halten.

Dass dann Menschen wie Chefket mit Begründungen der “eigenen Ethik” nicht kostenlos auftreten dürfen, ist eine Auswirkung dessen. Denn während die “eigene Ethik” auf diese Weise verteidigt wird, wird eine fragwürdigere ausgelebt. Die Debatte hätte schon viel früher angestoßen werden müssen, im großen Stil. Denn insbesondere Marginalisierte machen schon länger darauf aufmerksam. Aber die Deutungshoheit, die liegt nicht bei ihnen. Es wird aber Zeit, dass die White Days for Future vorbei gehen.