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Chronik des Scheiterns: Wie die Deutsche Bahn zum Chaoskonzern wurde

Veraltete Technik und runter gewirtschaftete Infrastruktur - Die Bahn steckt in einer tiefen Krise. - Copyright: Getty Images/John MacDougall
Veraltete Technik und runter gewirtschaftete Infrastruktur - Die Bahn steckt in einer tiefen Krise. - Copyright: Getty Images/John MacDougall

Millionen Deutsche erleben die Krise der Deutschen Bahn hautnah. Die Pünktlichkeitsquote für Fernzüge ist mittlerweile auf sagenhafte 65 Prozent gesunken. 2012 waren immerhin noch 79 Prozent der Langstreckenverbindungen im Zeitplan. Damit ist man aber immer noch weit entfernt von den 90 Prozent, die das Unternehmen mal in den 90er-Jahren hatte. Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern.

Wer in den sozialen Medien jetzt auf die Bahn eindrescht, greift mit seiner Kritik allerdings zu kurz. Auch wenn das Management der Bahn nicht ganz unschuldig an der Misere ist, die Hauptverantwortung trägt die Politik der vergangenen 30 Jahre. Die hat die den Konzern per Gesetz heruntergewirtschaftet und notwendige Investitionen verschleppt. Schuld ist die völlige Fokussierung der Verkehrsminister auf den Auto- und Flugverkehr. Während pro Jahr zweistellige Milliardensummen in die Autoindustrie und die dazugehörige Infrastruktur gesteckt wurden, bekam die Bahn nur Brotkrumen.

Ursache geht in die 90er Jahre zurück

Das Grundübel war die Idee des letzten Kabinetts von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl unter Verkehrsminister Matthias Wissmann. Gemeinsam wollte man die Bahn privatisieren. Das Projekt wurde unter Kohls Nachfolger Schröder massiv vorangetrieben, unter anderem durch die Verpflichtung von Manager Hartmut Mehdorn. Der sollte die Bahn verschlanken und für die Börse fit machen. Die Folge waren massive Einsparungen bei Netzausbau und Wartung. Die Konsequenzen bekommen Bürgerinnen und Bürger seit mehr als zwölf Jahren zu spüren.

Gibt es die Chance auf einen Turnaround? Immerhin rund zwölf Milliarden Euro will der Bund nun bis 2030 in die Bahn stecken – jedes Jahr. Der Löwenanteil geht dabei für die Renovierung der veralteten Infrastruktur drauf. Das betrifft Sanierungen der Gleise und Brücken, aber auch die Reaktivierung stillgelegter Strecken. Auch soll es zumindest auf der Fernstrecke mehr Züge geben. Damit korrigiert die Bahn zwar die völlig absurde Politik der letzten Jahrzehnte, greift aber immer noch zu kurz.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Das Verkehrsministerium erhält rund acht Prozent des Gesamthaushaltes, aber ein Großteil der zur Verfügung stehenden Summe geht immer noch in den Straßenverkehr. 36 Prozent sind es im aktuellen Haushalt, 26 Prozent bekommt die Bahn. Eigentlich sollte das angesichts der zunehmenden Klimakrise genau andersherum sein.

Zwar wird es neue Schnellbahntrassen geben, wie zwischen Hannover und Bielefeld oder Mannheim und Frankfurt. Doch eine durchgängige Schnellzugtrasse zwischen den Metropolen in Deutschland wird es auch nach 2030 nicht geben. Teile werden mit bis zu 300 Stundenkilometern zu befahren sein, aber die Zeit verlieren die Fahrgäste dann wieder auf den langsamen Abschnitten. Das macht die Bahn für Bürgerinnen und Bürger nicht gerade attraktiv als Alternative zum Auto.

Falsche Investitionen

So unterirdisch die Politik die Deutsche Bahn in den vergangenen 30 Jahren behandelt hat, völlig unschuldig am schlechten Zustand des Gesamtsystems ist aber auch das Management nicht. Völlig unsinnige Großprojekte wie "Stuttgart 21" verschlingen Milliardensummen, die andernorts besser eingesetzt wären. Die neun Milliarden Euro für den neuen Bahnhof entsprechen dem Gesamtbudget der Bahn im aktuellen Bundeshaushalt. Für das Geld hätte man auch über 200 neue ICE 4 kaufen können.

Das gesamte System Bahn ist aufgebläht und unflexibel. Das zeigt sich auch an der schleppenden Digitalisierung des Konzerns. Der Ausbau der WLAN-Verbindungen im Zug verzögert sich bis vermutlich 2025. Denn die Bahn schafft es nicht, die Funksysteme ihrer Züge so umzustellen, dass sie nicht mehr mit den LTE-Frequenzen kollidieren. Über 1.000 Züge warten noch auf ihre Modernisierung.

Die Politik hat die Deutsche Bahn jahrzehntelang als notwendiges Übel betrachtet, als lästigen Kostenpunkt im Haushalt, den man gerne loswerden würde. Und das, obwohl man seit mehr als einem Jahrzehnt weiß, dass eine deutliche Reduzierung der CO₂-Emissionen nur möglich ist, wenn man den Autoverkehr reduziert. Die Bahn ist vielerorts die einzige Alternative zum Auto – aber das hat man schlichtweg ignoriert.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.