"Dann gehen auch Akademiker mit Fäusten aufeinander los"

Eric Leimann
·Lesedauer: 6 Min.

In der gelungenen ZDF-Tragikomödie "Das Unwort" spielt Devid Striesow den Direktor eines Berliner Gymnasiums, an dem ein Schüler wegen seines jüdischen Glaubens drangsaliert wird. Der Fall beruht auf einer wahren Geschichte, die Pädagogen schauten eher weg.

Schüler Max wird von seinen Mitschülern an einem Berliner Gymnasium wegen seines jüdischen Glaubens drangsaliert. Er wehrt sich körperlich gegen zwei muslimische Mitschüler, daraufhin werden die Eltern der Jugendlichen zu einer Krisensitzung samt Klassenlehrerin, Schuldirektor und Schulaufsichtsbehörde eingeladen. Dies ist die Grundidee der ebenso scharfsinnigen wie unterhaltsamen Tragikomödie "Das Unwort" (Montag, 9. November, 20.15 Uhr, ZDF). Devid Striesow spielt in dem Film, der auf wahren Begebenheiten beruht, den Rektor. Im Interview spricht der 47-jährige Schauspielstar übers Genervt-sein von eigenen Vorurteilen und was in Deutschland geschehen muss, um wieder eine offene, fruchtbare Auseinandersetzung über schwierige Themen zu ermöglichen.

teleschau: "Das Unwort" erzählt von rassistischen Vorurteilen in unserer Gesellschaft und auch der Hilflosigkeit, mit der wir ihnen oft gegenüberstehen. Gibt es kein Heilmittel dagegen?

Devid Striesow: Der Mensch ist voller Vorurteile, und leider gibt es auch kein einfaches Rezept dagegen. Ich war mal mit einer afrikanischen Frau verheiratet, daher kenne ich das Problem aus sehr persönlicher Erfahrung. Es bedeutet Arbeit, Vorurteile abzubauen. Vor allem geht das über vielfältige Begegnungen mit anderen Kulturen - was ich nur empfehlen kann. Man lernt aus jeder Auseinandersetzung mit dem scheinbar Fremden sehr viel - und vor allem Überraschendes.

teleschau: Würden Sie sagen, dass Sie selbst frei von Vorurteilen sind?

Striesow: Nein, natürlich nicht. Aber ich versuche, aktiv gegen meine Vorurteile vorzugehen. Ich schätze, wenn man den eigenen Alltag, Handlungen und Gedanken analysieren würde, stellte man mindestens einmal am Tag fest, dass man mit einem sehr ungerechten Vorurteil gegen irgendeine Gruppe unserer Gesellschaft unterwegs war. Ich schließe mich da durchaus ein. Und es nervt mich auch, dass ich es tun muss.

"Wir treten uns gegenseitig im Internet fies in die Hacken"

teleschau: Warum ist der Mensch so hartnäckig in seiner Meinung, wenn es darum geht, wie andere Völker, Religionen oder Schichten so sind?

Striesow: Weil wir so geprägt sind. Das Schwierigste im Leben ist, sein Verhalten umzustellen. Und es wird immer schwieriger mit dem Alter. Das ist vor allem heutzutage ein Problem, weil sich unsere Gesellschaft immer schneller verändert. Es sind rasante Entwicklungen, die mit uns als Menschen auf ein eher träges Lebewesen treffen.

teleschau: Im Film schaffen es weder die Jugendlichen noch ihre akademischen Eltern an diesem doch recht feinen Gymnasium, ihre Vorurteile abzulegen. Hilft Bildung doch nicht so gut gegen Rassismus, wie man es sich eigentlich erhofft?

Striesow: Doch, Bildung hilft. Wenn man genügend davon hat, stärkt das ein rationales Herangehen an Probleme. Was jedoch keine Bildung der Welt schafft, ist zu verhindern, dass Emotionen durchschlagen, wenn man persönlich angegangen wird. Wenn uns die Gefühle überrennen, gibt es kein Halten mehr. Dann gehen auch Akademiker mit Fäusten aufeinander los. Trotzdem sehe ich das Ganze nicht so negativ. Streit muss erlaubt sein, auch über die Themen des Films. Wie ist ein Jude, wie ein Araber? Leute, die jedes emotionale Aufgewühltsein sachlich wegmoderieren wollen, weil Streit - zum Beispiel an der Schule - nicht sein darf, tragen nur zur Verschärfung schwelender Konflikte bei. Emotionen müssen ausgelebt werden dürfen, sonst haben wir auch keine Chance, Vorurteile abzubauen.

teleschau: Fehlt uns eine Streitkultur?

Striesow: Ja, die fehlt uns sehr. Entweder leben wir in einem scheinbar friedlichen Mikrokosmos ohne Konflikte, wie sie der von mir gespielte Schuldirektor für sein Gymnasium ausruft - oder wir treten uns gegenseitig im Internet, also in der Anonymität, fies in die Hacken. Ich bin relativ entsetzt über die fehlende Streitkultur, die wir uns übers Internet angewöhnt haben. Wenn man so respektlos miteinander umgeht, wie es vielfach zu lesen ist, nützt uns auch eine Eins-a-Bildung nichts. Dann hauen wir uns nur auf hohem oder eben niedrigeren Niveau respektlose Kommentare um die Ohren.

"Als Lehrer wird man täglich bei seiner Arbeit in einen Brandherd geworfen"

teleschau: Kommen wir noch mal auf die Schule zurück und die dort verankerten Vorurteile, die der Film zeigt. Leben viele Pädagogen in einer Blase, in der es heißt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf?

Striesow: Es existiert eine Zerrissenheit zwischen dem Korrekt-sein-wollen und den realen Problemen. Diese Zerrissenheit ist natürlicherweise vor allem dort ausgeprägt, wo es darum geht, Menschen zu bilden. Also an Schulen oder vergleichbaren Einrichtungen. Bevor ich Schauspieler wurde, hatte ich angefangen, auf Lehramt am Gymnasium zu studieren. Heute bin ich heilfroh, dass ich das nicht zu Ende gebracht habe. Abgesehen davon, dass ich sehr gerne Schauspieler bin, glaube ich, dass ich dem Berufsbild nicht wirklich entsprechen würde. Als Lehrer wird man täglich bei seiner Arbeit in einen Brandherd geworfen. Ich würde das als enorme Belastung empfinden und habe großen Respekt gegenüber Menschen, die sich dem aussetzen. Die Gefahr ist sicher da, an Schulen ab und zu auch mal den einfachen Weg gehen zu wollen. Dass man Konflikte einfach ignoriert oder klein redet. Anderseits kostet es enorm viel Kraft, Menschen tatsächlich zu bilden und sie so auch verändern zu wollen.

teleschau: In einer der besten Filmszenen versucht eine junge Lehrerin, ihren Schülern den Sinn der Lektüre von Anne Franks Tagebuch nahezubringen - und stößt nur auf Hohn und Ablehnung. Macht es keinen Sinn, Jugendliche zu Anti-Rassisten erziehen zu wollen?

Striesow: Es ist ein schwieriges Feld. Ich gehöre ja noch einer Generation an, die Konzentrationslager besuchen musste. Ich habe im Alter von zwölf Jahren einen Kranz an der Genickschuss-Anlage in Buchenwald niedergelegt, wo Ernst Thälmann getötet wurde. Er war als Kommunist unter den Nazis elfeinhalb Jahre inhaftiert, bevor er 1944 umgebracht wurde. Mich hat seine Geschichte sehr bewegt - aber ich weiß nicht, ob man so etwas verordnen kann. Ich glaube, man muss junge Leute in ihrem eigenen Kosmos abholen und vor allem emotional erreichen, wenn man etwas bewirken will.

"Man muss wieder öfter über die Shoah sprechen"

teleschau: Darf man Juden in Deutschland kritisieren?

Striesow: Man darf jeden Menschen kritisieren - bis zu einem bestimmten Maß, in dem Anstand und Menschlichkeit gewahrt bleiben. Wenn Kritik tabu ist, kriegt man keine Normalität hergestellt. Viel wichtiger ist jedoch, wie wir mit unserer Geschichte umgehen. Die wird mir mittlerweile nämlich zu wenig thematisiert. Man muss wieder öfter über die Shoah sprechen. Nicht, um meine Generation oder die meiner Kinder mit Schuld zu beladen, sondern einfach aus der analytischen Perspektive gebildeter Europäer heraus. Trotzdem darf über alles gesprochen werden. Es muss sogar über alles gesprochen werden. Selbst, wenn man beim Nahost-Konflikt nicht immer durchblickt und beim Diskutieren Fehler machen kann. Das ist aber kein Grund, es nicht zu tun.

teleschau: Kommen wir zum Abschluss noch mal weg vom Film "Das Unwort". Wie haben Sie die erste Welle der Corona-Pandemie überstanden?

Striesow: Einigermaßen gut. Ich hatte das Glück, dass wir etwas zum Wohnen im Grünen haben. Dort haben wir viel Zeit verbracht, um zu leben, lesen und spielen. Als Schauspieler gehöre ich zu den Berufsgruppen, die vom Lockdown extrem betroffen waren. Theaterprojekte wurden abgesagt oder verschoben, Filme genauso. Das lief dann im Sommer wieder an. Zuletzt habe ich in München einen Film mit Florian Schwarz gemacht, mit dem ich schon für "Das weiße Kaninchen" zusammengearbeitet habe. Es war mein zweiter Dreh unter Corona-Bedingungen. Jeder Film, den wir momentan ohne Infektionen abschließen, fühlt sich wie ein großer Sieg über das Virus an.