Nach DFB-Wut: Doku-Filmemacher verteidigt Rassismus-Umfrage bei "Hart aber fair"

Filmemacher Philipp Awounou (mit Lena Cassel) verteidigte die Umfrage, die für so viel Unmut im DFB-Tross gesorgt hatte. (Bild: WDR / Oliver Ziebe)
Filmemacher Philipp Awounou (mit Lena Cassel) verteidigte die Umfrage, die für so viel Unmut im DFB-Tross gesorgt hatte. (Bild: WDR / Oliver Ziebe)

"Deutschland vor der Fußball-EM: Wie geht ein zweites Sommermärchen?": Zwei Wochen vor der Fußball-EM in Deutschland schwelgten Louis Klamroths Gäste bei "Hart aber fair" in Erinnerungen. So richtig Stimmung wollte allerdings nicht aufkommen. Was bleibt ist die Hoffnung aufs Sommermärchen 2.0.

Torlos endete das Testspiel der DFB-Mannschaft: Die deutsche Nationalelf konnte ihre Chancen gegen die Ukraine nicht nutzen, es blieb bei einem 0:0. "Auch wenn sie bis morgen weitergespielt hätten, hätten sie das Tor nicht getroffen", meinte kurz nach Abpfiff des EM-Tests die ehemalige deutsche Nationalspielerin Fatmire Alushi bei "Hart aber fair".

Die Welt- und Europameisterin wettete bei der Heim-EM auf den Sieger Frankreich - und befand sich ebenso wie Sportjournalistin Lena Cassel und Filmemacher Philipp Awounou in der Runde im Aus: Musiker Tim Bendzko, Europameister und Fußball-Manager Fredi Bobic sowie SPD-Parteichef Lars Klingbeil, der im Verwaltungsbeirat des FC Bayern München sitzt, tippten auf Deutschland als Europameister.

"Ich gehe mit Friedrich Merz gerne zum Finale, wenn es hilft und wir dann Europameister werden", scherzte der SPD-Politiker und erntete dafür Lachen aus dem Publikum. "Politische Erwartungen" wollte er aber keine wecken, fügte er rasch hinzu, "sonst überfordern wir die Mannschaft". Wenn die Jungs guten Fußball spielen, alle Spaß beim Zugucken haben, Deutschland sich als offener, guter Gastgeber präsentiert, würde das aber sehr wohl positive Effekte auf das Land haben. Das hätte das sogenannte "Sommermärchen" 2006 gezeigt.

Louis Klamroth (Mitte) sprach nach dem Länderspiel mit seinen Gästen bei
Louis Klamroth (Mitte) sprach nach dem Länderspiel mit seinen Gästen bei "Hart aber fair" zum Thema: "Deutschland vor der Fußball-EM: Wie geht ein zweites Sommermärchen?" (Bild: WDR / Oliver Ziebe)

 

Ach, das Sommermärchen 2006: Mit einem minutenlangen Einspieler führte Louis Klamroth seine Gäste in diese "wirklich schöne Zeit" (Fatmire Alushi) zurück, in der "das ganze Land in Euphorie war" (Lars Klingbeil) und alle "eine riesengroße Fußballparty" (Philipp Awounou) feierten.

"Wir tun keinem einen Gefallen, wenn wir vom Sommermärchen 2.0. sprechen", holte Moderatorin und Podcasterin Cassel alle aus der nostalgischen Vergangenheit ins Hier und Jetzt zurück, "die EM wird ihre ganz eigene Geschichte schreiben". Statt darauf zu hoffen, das Land wieder zu vereinen, könnten "vier Wochen Fußballeuphorie und Leichtigkeit uns mit der Energie aufladen, die wir alle gerade brauchen, um ab Mitte Juli alle Herausforderungen meistern zu können", betonte sie, "einen kurzen Recharger kann das Tournier schaffen". Auch das Sommermärchen 2006 wäre schließlich nicht nachhaltig gewesen.

Vor allem aber wäre es nicht für alle so märchenhaft gewesen, lenkte Philippp Awounou ein. "Viele Menschen mit Migrationshintergrund konnten nicht ganz so einfach mitfeiern", hatte er bei seiner Recherche zur umstrittenen ARD-Doku "Einigkeit und Recht und Vielfalt" erfahren. Sie hätten nicht bei jeder Gelegenheit die deutsche Fahne schwingen können, und in der jüdischen Community hätte das Fahnenmeer sogar Angst gemacht. "Es ist ein Privileg sagen zu können, das war nur toll", argumentierte er für einen differenzierten Blick.

SPD-Chef und Fußballfan Lars Klingbeil warnte:
SPD-Chef und Fußballfan Lars Klingbeil warnte: "Fußball ist immer politisch. Ihn zu politisieren, kann ihn aber gefährden." (Bild: WDR / Oliver Ziebe)

 

Ausschnitte aus Awounous "verdammt guter Doku" (wie Klamroth neidlos anerkannte) gab es auch in der Talkshow zu sehen: "Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber ein echter Deutscher ist hellhäutig", sagt da einer dem dunkelhäutigen Journalisten mit Dreadlocks ins Gesicht. Der ältere Herr hatte sich schon im Vorfeld darüber beschwert, dass die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr aus "echten Deutschen" bestünde: "Wo sind die hellhäutigen Deutschen? Die können auch Fußball spielen!"

Der Meinung war offensichtlich nicht nur der ältere Herr. "Im Rahmen der Recherche bin ich immer wieder auf rassistisch konnotierte Aussagen gestossen - im Netz und im echten Leben", erklärte Awounou. Ob diese einen relevanten Teil der Bevölkerung darstellten, ließ der WDR in einer repräsentativen Umfrage überprüfen, die beim DFB schon vor der Ausstrahlung für viel Unmut sorgte.

Das schockierende Ergebnis: 21 Prozent fänden es besser, wenn wieder mehr weiße Spieler in der deutschen Nationalmannschaft aktiv wären. 66 Prozent wiederum halten es für gut, dass in der deutschen Mannschaft viele Fußballer mit Migrationshintergrund spielen.

Bei einer Pressekonferenz mit der Umfrage konfrontiert, sprach Nationalspieler Joshua Kimmich von einer "absolut rassistischen" Aussage und einer "kontraproduktiven" Fragestellung. Nationaltrainer Julian Nagelsmann pflichtete ihm wenig später bei: "Wir spielen eine EM für jeden im Land. Jeder, der top Fußball spielen kann, ist eingeladen, für sein Land alles zu geben. Und das machen wir. Ich hoffe, nie wieder irgendwas von so Sch...-Umfragen lesen zu müssen!"

Bei "Hart aber fair" räumte Filmemacher Awounou ein: "Herr Nagelsmann hat das Recht, diese Umfrage so zu finden, wie er möchte, und er muss davon auch nie wieder was lesen." Aber er betonte auch: "Ich denke, dass auch Herr Nagelsmann und andere im Kontext des Films durchaus verstehen, warum wir das gemacht haben."

Die 66 Prozent, die nicht rassistisch denken, "müssen wir stärker machen", nahm SPD-Parteichef Lars Klingbeil das als "Weckruf und Auftrag" mit. Nicht für die Fußballer, sondern für alle. Es wäre ohnehin ein "gesellschaftliches Problem, für das der Fußball missbraucht wird", erklärte Bobic, denn unter den "Jungs" wären Hautfarbe, Kultur oder Religion kein Thema.

Es gäbe kaum einen bunteren Ort als die Fußballkabine, bestätigte Cassel. Dass diese "integrative Kraft des Fußballs" auch im Stadion zu spüren wäre, bezeichnete sie als hoffnungsvollen Zustand. "Das Fußballstadion ist weiter gekommen als der Großteil der Gesellschaft", ließ sich die Journalistin zu einer "heißen These hinreissen" und plädierte dafür, als vielfältige Mitte - und damit Mehrheit der Gesellschaft - gegen Extremismus lauter zu werden.

"Wir müssen uns mehr einsetzen, als wir das bisher getan haben", forderte sie auf. Philipp Awounou ergänzte, dass die "lauten Ränder darüber hinwegtäuschen, wie weit wir gekommen sind - auch im Fußball". Es gäbe nicht nur eine Entwicklung nach hinten, sondern genauso eine nach vorne und das auf beide Seiten.

Ob Spieler der deutschen Nationalmannschaft gesellschaftlich Stellung beziehen sollten, wollte Klamroth von Klingbeil wissen. "Ich mag Spieler, die eine Haltung haben", gab dieser zu, allerdings müsste man als Gesellschaft und Politik aufpassen, es nicht zu stark zu politisieren, "Fußball ist immer politisch. Ihn zu politisieren. kann ihn aber gefährden", nannte er als Negativ-Beispiel die Weltmeisterschaft in Katar. Dort hätten Spieler das klären sollen, was der Verband und Sportfunktionäre "verbockt" hätten.

Spieler müssten weder eine "One Love"-Binde tragen noch mit Äußerungen vor der Kamera Stellung beziehen, fand Awounou heraus. "Die größte Kraft und der gesellschaftliche Einfluss von Fußball liegt nicht bei Debatten, sondern subtil in kleinen Aktionen" - etwa dann, wenn sie gut Fußball spielen und auf dem Platz ein Tor schießen. Vielleicht auch schon beim EM-Eröffnungsspiel gegen Schottland.