"Die Story im Ersten" über Audi: "Was wäre, wenn die Autos nur auf dem Prüfstand sauber wären?"

"Warum haben wir ein solches Konzept zugelassen?", fragt ein hochrangiger Audi-Ingenieur in einer internen Mail 2013 entsetzt. Ahnungslose Kunden erwerben noch bis Januar 2018 manipulierte Dieselautos. Foto: BR / Volker Schmidt

Audi hat in der Abgasaffäre offenbar umfassender manipuliert, als bislang bekannt. Es gab nicht nur eine illegale Abschalt-Einrichtung, sondern gleich vier. Sie alle waren dem Kraftfahrbundesamt bekannt, doch an die Öffentlichkeit drang kaum etwas. Der Sumpf um den Ingolstädter Autobauer wird derweil immer tiefer: „Der Fall Audi“.

Der Diesel-Skandal bei Audi begann wohl mit einer dahingeschriebenen Erkenntnis: „Ganz ohne Bescheißen werden wir es nicht schaffen.“ So steht es in einer internen Mail, die ein Audi-Mitarbeiter im Jahr 2008 schreibt. Das Ziel des Unternehmens zu dem Zeitpunkt: Mit aller Macht auf den US-Markt drücken. Das Problem: Die Dieselmotoren stoßen viel zu viel Stickoxide aus.

In den USA sind die Grenzwerte schon damals streng. Die Lösung: „AdBlue“. Das ist eine Mischung aus künstlichem Harnstoff und Wasser, die dem Abgas im Auto zugespritzt wird. Damit lassen sich rund 90 Prozent Stickoxide unschädlich machen. Allerdings muss viel AdBlue beigemischt werden, wenn das Auto viel Stickoxide produziert. Und die Audi-Motoren sind vor allem eines nicht, was ihre damalige „Clean Diesel“-Strategie und Werbe-Offensive („The cleanest Diesel in the world“) allerdings verspricht: sauber.

"Vorsprung durch Technik" - nicht immer stimmte der Slogan. Offensichtlich erschlich sich Audi seinen Vorsprung durch Betrugs-Software. Foto: Screenshot / ARD

Deshalb benötigen die Audis sehr viel AdBlue. Von einem 30-Liter ist die Rede, damit das teure Reinigungsmittel nur bei den Inspektionen nachgefüllt werden muss – doch dafür ist kein Platz. Und es wird noch schlimmer: Eigentlich war vorgesehen, dass sich die Autos nicht mehr starten lassen, sollte AdBlue leer sein. Damit eben nicht einfach Stickoxide in rauen Mengen rausgeblasen werden. Eine weitere interne Mail schreibt hier von einem „Desaster“ für die gesamte Strategie in den USA – sollten die Autos tatsächlich einfach stehen bleiben.

„Cycle-Beating“ ist gegen das Gesetz

Ein damals leitender Entwickler bei dem Ingolstädter Autobauer stellt dann die entscheidende Frage: „Was wäre, wenn die Autos nur auf dem Prüfstand sauber wären?“ In einer internen Präsentation stellt er damals den zweiten Betriebsmodus vor, der auf der Straße AdBlue sparen soll. Die Software soll erkennen, wenn sich das Auto auf dem Prüfstand befindet – und dann reichlich AdBlue beimischen, um einen sauberen Diesel vorzugaukeln.

2009 schreibt ein Techniker in einer internen Mail: „Wenn das auffliegt, sind wir auch tot.“ Er meint: Wenn rauskommt, dass Audi Betrugs-Software einsetzt, ist auch seine Abteilung dran. „Warum haben wir ein solches Konzept zugelassen?“, schreibt ein anderer Mitarbeiter später. Der Kreis der Eingeweihten wird größer.

Jack Ewing, der Wirtschafts-Korrespondent der „New York Times“, sagt zu den Entwicklungen bei Audi damals: „Das war von Anfang an ‚Cycle-Beating‘. Es ist ganz klar gegen das Gesetz. Sie wussten genau, was sie taten.“

Kein Unrechtsbewusstsein im Unternehmen

Doch es sollte nur der Anfang sein. 2010 spielte Audi die sogenannte „Akustikfunktion“ auf. Sie soll offiziell das Motorengeräusch mindern. Das Kraftfahrbundesamt (KBA) wird die Funktion später aber als unzulässige Abschalteinrichtung einstufen. Eine zweite Betrugs-Software.

Von hier an kennen die Entwickler bei Audi wohl kein moralisches Halten mehr. Ein Insider, der unbekannt bleiben möchte, gibt das damals vorherrschende Denken im Unternehmen wie folgt wieder: „Es gibt Gesetze und es gibt Volkswagen. Und der Konzern macht sich seine eigenen Gesetze.“ Das Unrechtsbewusstsein sei nicht vorhanden oder nur sehr schwach ausgeprägt gewesen.

"KBA hat uns nur ein blaues Auge verpasst" - die Rolle des Kraftfahrbundesamtes im Fall Audi ist bislang sehr undurchsichtig. Foto: Screenshot / ARD

Der Jurist Martin Führ von der Hochschule Darmstadt war Gutachter im Untersuchungsausschuss zum Abgasskandal des Deutschen Bundestages. Er sagt: „Man hat Fahrzeuge verkauft, die nicht den rechtlichen Vorgaben entsprochen haben. Ist ein Straftatbestand des Betruges.“

Es beginnt in den USA

Dann, 2015, geht der Skandal los – allerdings bei Volkswagen. „Der Name Audi soll rausgehalten werden. Weil Audi das meiste Geld im Unternehmen verdient“, sagt Ewing. Und tatsächlich, zu dem Zeitpunkt gibt Audi-Chef Rupert Stadler zu Protokoll: „Bei Audi ist alles in Ordnung.“

Dabei lädt das KBA zu dem Zeitpunkt auch Audi vor, um schlechte Werte bei unabhängigen Tests zu erklären. Doch das KBA gibt sich mit oberflächlichen Erklärungen zufrieden. Eine interne Audi-Mail danach: „KBA hat uns nur ein blaues Auge verpasst.“

Martin Führ sagt dazu: „Das ist zu kritisieren. Die Grundrechte der Bürger wiegen schwerer, als die ökonomischen Interessen eines Unternehmens.“

Zwei Jahre später: Während Audi auf einer Pressekonferenz hervorragende Zahlen verkündet, kommt es zu einer Razzia in der Konzern-Zentrale. Der Verdacht: Betrug auf dem amerikanischen Markt. Der Abgasexperte Axel Friedrich hat zu dem Zeitpunkt auch einen Audi auf deutschen Straßen getestet: Er liegt 18-fach über dem Grenzwert. Auch interne Analysen von Audi bestätigen das Ergebnis.

Audi ist „günstiger aufgestellt“, weil das KBA schweigt

Doch Audi verkauft weiter seine schmutzigen Modelle – bis zum Januar 2018. Das KBA hat mittlerweile vier verschiedene Betrugs-Strategien in den Modellen gefunden. Doch das alles bleibt geheim. Noch viel schlimmer: Das KBA tituliert nur eine der vier Abschalteinrichtung als Betrug, lässt Audi die restlichen drei freiwillig und stillschweigend aus der Welt schaffen.

Warum? Auf Anfrage schweigt das KBA dazu. Martin Führ kritisiert das Vorgehen, denn es verschaffe Audi womöglich einen großen Vorteil: „Das Unternehmen ist deswegen günstiger gestellt, weil eben nicht klar ausgesprochen ist, dass in vier Fällen ein rechtswidriges Verhalten vorlag, sondern nur in einem. Damit steht man zunächst mal vor den Zivilgerichten günstiger da.“

Martin Führ von der Hochschule Darmstadt war Gutachter im Untersuchungsausschuss zum Abgasskandal des Deutschen Bundestages. Er spricht im Fall Audi vom Straftatbestand des Betruges. Foto: Screenshot / ARD

Zwischenzeitlich droht sogar die Staatsanwaltschaft München II, sie ermittelt mittlerweile gegen 27 Beschuldigte bei Audi, dem KBA. Der leitende Staatsanwalt wandte er sich mehrfach schriftlich an den KBA-Präsidenten und wies darauf hin, „dass eine nur eingeschränkte Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden den Straftatbestand der (mindestens versuchten) Strafvereitelung erfüllen kann“. Denn das KBA hatte nicht, wie aufgefordert, zuerst die Staatsanwaltschaft über neue Entwicklungen informiert.

Beeindruckende Investigativ-Recherche

Für den Film „Der Fall Audi“ hatten die Autoren Arne Meyer-Fünffinger, Josef Streule und Lisa Wreschniok Einsicht in vertrauliche Protokolle und Präsentationen, sowie internen Schriftverkehr. Außerdem belegte ein Insider Informationen. Demnach hat Audi in der Abgasaffäre offenbar weitaus umfassender manipuliert als bislang bekannt.

Dazu haben die gemeinsamen Recherchen des Bayerischen Rundfunks und des Handelsblatts ergeben, dass das KBA – aus unersichtlichen Gründen – die Tricksereien und Betrügereien Audis wiederholt geheim gehalten hat. Und damit auch rechtlich mindestens bedenklich handelte, weil es eindeutig illegale Software nicht so benannt hat. Dadurch konnte sich Audi leichter vor Zivilgerichten verteidigen.