Mit erneuerbarer Energie unabhängig von Russland - das geht nur mit Hilfe aus China

Mit erneuerbarer Energie unabhängig von Russland - das geht nur mit Hilfe aus China

Russlands Invasion in der Ukraine hat die Abhängigkeit der Europäischen Union von fossilen Brennstoffen aus Russland verdeutlicht. Deswegen versucht die EU nun den Übergang zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen.

Doch auch wenn kein Land ein Monopol auf Sonne und Wind hat, ist die EU in hohem Maße von China abhängig, wenn es um umweltfreundliche Technologien zur Energiegewinnung geht.

Mehr als 80 % des weltweiten Angebots an Photovoltaikmodulen, die seit 2010 jährlich produziert werden, wurden in Asien hergestellt. Allein China lieferte laut Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme im Jahr 2020 67 % der Modulproduktion.

Tatsächlich sind acht der zehn weltweit größten Unternehmen und Hersteller von Solarmodulen in chinesischer Hand, wobei "Canadian Solar" und das US-Unternehmen "First Solar" nur den achten bzw. zehnten Platz belegen.

Im Bereich Windenergie haben europäische Unternehmen mit der dänischen "Vestas" und der spanisch-deutschen "Siemens Gamesa" auf den beiden obersten Rängen des Podiums weiter einen Vorsprung, die deutsche "Nordex" ist der weltweit achtgrößte Hersteller.

Aber auch in diesem Bereich gewinnt China schnell an Boden, sechs Unternehmen unter den Top Ten kommen aus China.

„Wir können es uns nicht leisten, von China abhängig zu sein“

Pekings Kontrolle über den Sektor der erneuerbaren Energien ist mittlerweile in der gesamten Lieferkette zu spüren. Etwa 80 % der für die Herstellung einer Windkraftanlage benötigten Komponenten werden in China hergestellt, ebenso wie 97 % der Silizium-Wafer, die für den Bau eines Solarpanels benötigt werden.

45 % der weltweiten Produktion von Polysilizium, einem Schlüsselrohstoff in der Solar-Photovoltaik-Lieferkette, werden in Xinjiang produziert. In dieser Region im Nordwesten Chinas soll das chinesische Regime laut US-Regierung einen Völkermord an der muslimische Minderheit der Uiguren begehen.

China ist auch ein wichtiger Akteur bei anderen Rohstoffen, einschließlich seltenen Erden, die für erneuerbare Technologien gebraucht werden. Mehr als 70 % der im vergangenen Jahr auf den Markt gekommenen Lithium-Ionen-Batterien wurden in China produziert.

„Da sich das geopolitische Umfeld ändert, schaffen diese Abhängigkeiten jetzt echte Risiken“, sagt Dr. Janka Oertel, Direktorin des Asienprogramms und Senior Policy Fellow beim European Council for Foreign Relations (ECFR) zu Euronews.

„Wir können es uns nicht leisten derart von China abhängig zu sein, gerade in den tragfähigsten Industrien und den wichtigsten Netzwerken wie der Telekommunikation und unserer Energieinfrastruktur, die in Zukunft zunehmend stark vernetzt und sehr digitalisiert sein wird, von einer Software gesteuert, was mehr Risiko mit sich bringt", so Oertel.

„Böswilliges Verhalten“ Chinas

Die EU hat bisher größere Handelsstreitigkeiten mit China vermieden. Doch schon 2012 leitete die Europäische Kommission nach einer Petition europäischer Solarhersteller eine Antidumping- und Antisubventionsuntersuchung zu chinesischen Solarmodulen ein, die den europäischen Markt mit einem erheblichen Preisnachlass gegenüber den lokal produzierten Produkten zu überschwemmen begannen.

China revanchierte sich, indem es seine eigene Antidumping- und Antisubventionsuntersuchung zu EU-Weinimporten einleitete und signalisierte, dass eine ähnliche Untersuchung zu Luxusautos folgen könnte.

2013 wurde eine Einigung erzielt, die einen Mindestpreis für chinesische Produkte festlegte. Europäische Fachleute brandmarkten den Deal als „Kapitulation“ der EU-Behörden vor China und als Scheitern, ihre eigene Industrie zu schützen.

Seitdem habe es einige „Fälle von sogenannter politischer Erpressung“ gegeben, berichtet Maria Pastukhova, Senior Policy Advisor beim Berliner Klima-Thinktank E3G. Dabei habe China seinen wirtschaftlichen Einfluss genutzt, um andere Länder unter Druck zu setzen.

Sie verwies auf eine Entscheidung Pekings von 2010, alle Exporte von seltenen Erden nach Japan zu verbieten, als Folge eines Fischerei-Streits beider Länder. Oder die jüngste Weigerung, den Zoll für litauische Produkte abzufertigen, nachdem der EU-Mitgliedstaat die Eröffnung einer De-facto-Botschaft Taiwans erlaubt hatte. Staatlich unterstützte chinesische Hacker werden auch verdächtigt, wegen Streitigkeiten in einem von sowohl China als auch Indien beanspruchten Grenzgebiets Cyberangriffe gegen das indische Stromnetz durchgeführt zu haben.

„Man kann also böswilliges Verhalten von Seiten Chinas beobachten, das mit politischen Konflikten zu anderen Ländern zusammenhängt“, betont Pastukhova.

Subventionen und Skaleneffekte

Europa ist ein bedeutender Konsument erneuerbarer Technologien. Über ein Fünftel der gesamten weltweiten kumulativen Photovoltaikinstallationen wurden 2020 auf dem alten Kontinent gebaut und dieser Trend könnte sich noch stark beschleunigen, da sich die EU das Ziel gesetzt hat, bis 2050 der erste CO2-neutrale Kontinent zu werden.

Um dies zu erreichen, plant die Union ihre Treibhausgasemissionen bis Ende dieses Jahrzehnts um mindestens 55 % gegenüber dem Niveau der 1990er Jahre zu senken und den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung auf mindestens 40 % zu erhöhen. Dafür müssten in den kommenden sieben Jahren die Wind- und Solarenergie-Installationen verdreifacht werden.

Was wiederum voraussichtlich viele in China produzierte erneuerbare Technologie benötigt. In den vergangenen Monaten wurden zwei große europäische Windparks – im italienischen Taranto und im kroatischen Senj – mit chinesischen Turbinen ausgestattet. Das Hauptproblem bleibt der Preis, der chinesischen Unternehmen international einen großen Vorteil verschafft.

Für Pastukhova ist die Herausforderung eine doppelte: Die erste ist der sogenannte Skaleneffekt, was bedeutet, dass die chinesischen Behörden den Zugang zu ihrem Markt für ausländische Unternehmen mehr oder weniger gesperrt haben, indem sie einheimischen Unternehmen erneuerbare Verträge gegeben haben, was diese viel schneller wachsen ließ.

Die zweite Herausforderung ist der Faktor Produktionskosten. „Europäische Unternehmen produzieren offensichtlich zu viel höheren Kosten, weil wir höhere Umweltstandards, höhere Arbeitsstandards und höhere Löhne umsetzen“, fügt sie hinzu.

„Europa hat immer noch eine Vorreiterrolle“

Was die eigentliche Technologie betrifft, ist Europa jedoch immer noch führend. „In den USA, in Japan und in Europa gibt es immer noch sehr innovative Entwicklungen, insbesondere bei flexiblen Modulen, wenn es um die Effizienz der Solarstromerzeugung im High-End-Bereich geht“, betont Pastukhova.

Die Prognose ist die gleiche im Bereich der Windenergie, wo „Europa immer noch eine Vorreiterrolle hat“, so Luke Patey, leitender Forscher für Außenpolitik und Diplomatie am dänischen Institut für internationale Studien.

Eine Möglichkeit, Innovation zu messen, sei die Patentanmeldung, erklärt er. Aus China kommen über ein Drittel der Patente im Bereich der Windtechnologie – die mit Abstand höchste Zahl. Im Vergleich kommen aus den USA und Deutschland jeweils etwa 10 % der Patente.

Betrachtet man jedoch die Weltklasse-Patente, die die Technologie wirklich vorantreiben, reicht Deutschland etwa die Hälfte davon ein, während nur etwa 2 % aller chinesischen Patente als solche eingeordnet werden können. Darüber hinaus ist die Herstellung nur ein Teil der Projekte im Bereich erneuerbare Energien, ein weiterer wichtiger Faktor ist die Wartung und Instandhaltung von Windkraftanlagen.

„Die Chinesen haben sich bisher nur darauf konzentriert, den Preis der Produkte zu senken und nicht darauf, einen Windpark über mehrere Jahrzehnte effizient zu warten. Darin müssen sie noch Erfahrung sammeln. Und das wird Entwickler davon abhalten, mit den Chinesen zusammen zu arbeiten, denn sie haben nicht die gleiche Erfahrung im Management von Projekten", sagt Patey.

Friend-Shoring, Tarife und Zugang zu globalen Märkten

Dennoch ist Zeit von entscheidender Bedeutung für den Kampf gegen den Klimawandel und die globale Erwärmung und um die europäischen Unternehmen für erneuerbare Technologien zu schützen. Doch Zeit ist genau das, was die EU brauchen wird, um ihre Abhängigkeit von China zu mindern.

Die chinesische Strategie zu übernehmen, lokale Unternehmen bei lokalen Projekten bevorzugt zu behandeln, ist laut Oertel keine Option, weil „das nicht in der europäischen DNA liegt. So arbeiten wir nicht und das entspricht nicht dem rechtlichen Rahmen, in dem wir uns bewegen."

Eine Möglichkeit wären Zölle auf Grundlage spezifischer Umwelt- und Arbeitsstandards, um sicherzustellen, dass die Solarpanels und Turbinen, die Europa mit Strom versorgen, nicht durch Zwangsarbeit oder umweltschädlichen Geschäftspraktiken entstehen, so Experten gegenüber Euronews. Diese könnten auch auf Produkte abzielen, die vor allem dank wettbewerbsverzerrender staatlicher Subventionen billig hergestellt werden.

Die EU befasst sich auch zunehmend mit „Friend-Shoring“-Schlüsselversorgungsketten, einschließlich im Bereich Energie. So sprach Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem Besuch in Indien im April vor der International Solar Alliance. Neu-Delhi versucht sich derzeit als Alternative zu China zu positionieren und die erneuerbare Produktion hochzufahren.

Peer-to-Peer-Partnerschaften mit Entwicklungsländern, die über Rohstoffe verfügen und ihre Fertigungsindustrien ausbauen wollen, sollten ebenfalls eines der von der EU eingesetzten Instrumente sein, sagt Pastukhova.

Dies würde weltweit mehr Produktionszentren und günstigere Preise ermöglichen, während es diesen Entwicklungsländern erlauben könnte, ihr inländisches industrielles Wachstum anzukurbeln und letztendlich selbst mehr in erneuerbare Technologien zu investieren. Genau dies tut China bereits ebenfalls, unter anderem mit Produktionsstätten in Malaysia und Indonesien.

Aber auch die europäische Produktion sollte geschützt werden, betont Patey und bedauert „die wachsende Zahl von Schließungen von (Windturbinen-)Fabriken in Europa“.

„Die EU kann in die Offensive gehen und europäische Unternehmen unterstützen, wenn sie versuchen, auf den internationalen Märkten zu verkaufen. Sie könnte bis zu einem gewissen Grad das tun, was China macht, indem es Ländern auf Drittmärkten niedrige Finanzierungsmöglichkeiten oder zinsgünstige Kredite anbietet, damit Investoren bei Siemens Gamesa und anderen europäischen Windunternehmen ihre globale Reichweite expandieren und auf gleichem Niveau mit China konkurrieren können“, argumentiert er. „Die EU mit 27 Mitgliedsländer muss jetzt wichtige Entscheidungen treffen, denn diese werden sich nicht sofort auswirken, sondern erst in bis zu fünf Jahren“, so Oertel.

Und diese Entscheidungen müssen den 450 Millionen Einwohnern der Union, die durch den russischen Einmarsch in die Ukraine jetzt für das Thema Energieabhängigkeit sensibilisiert sind, klar kommuniziert werden, damit sie die Risiken kennen und wissen, was sie erwarten könnte.

„Ich denke, das ist machbar. Aber es braucht Ehrlichkeit seitens der Politik, um zuzugeben, dass auch andere Abhängigkeiten bestehen und dass nicht alles in Ordnung ist, solange wir aus russischem Öl und Gas aussteigen“, sagt Oertel.

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