Flüchtlingshilfe auf der „Sea-Eye“: Kölner Arzt erlebte dramatische Tage im Mittelmeer

Private Schiffe sammeln Flüchtlinge auf und geraten selbst in Not.

Es sind dramatische Tage im südlichen Mittelmeer, die Thomas Kunkel (39) auf der Sea-Eye über das Osterwochenende erleben muss. Die Sea-Eye, ein ehemaliger Fischkutter, ist nur eines von mehreren Rettungsschiffen privater Hilfsorganisationen, die seit ein paar Wochen mit freiwilligen Helfern wieder verzweifelt versuchen, Menschen aus völlig überladenen Booten vor der Küste Libyens aus Seenot zu retten und vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Der Allgemeinmediziner aus Köln hat sich auf diesen Einsatz gründlich vorbereitet. „Ich bin davon ausgegangen, dass alles so abläuft wie im vergangenen Jahr.“ Die Crew hat einen klar definierten Auftrag. „Wir halten Ausschau nach Flüchtlingen, schicken zwei Schlauchboote mit jeweils drei Helfern los, versorgen die Menschen mit Rettungswesten und Wasser und fordern über die Rettungsleitstelle des italienischen Militärs in Rom weitere Hilfe an.“ Von dort würden größere Schiffe aus der Nähe herbeordert. „Die Sea-Eye ist viel zu klein, um selbst Flüchtlinge aufzunehmen.“

Am Karfreitag habe das noch sehr gut funktioniert. „Aber schon am Abend war uns klar, dass es eng werden kann und nicht genügend Kapazitäten für den Transport zur Verfügung stehen werden. Es war der erste Tag nach einer Periode von schlechtem Wetter, wo keine Boote aus Libyen starten konnten.“

Über 1000 Menschen aus dem Wasser geholt

Die Befürchtungen der Crew sollten sich bestätigen. Der Strom der Flüchtlinge reißt an den Osterfeiertagen nicht mehr ab. Die Internationale Organisation für Migration wird ein paar Tage später davon sprechen, dass zwischen Karfreitag und Ostersonntag 8360 Menschen von 55 Schlauch- und drei Holzbooten gerettet wurden. 13 Leichen habe man geborgen. „Wir haben 1381 Menschen aus der See gefischt“, sagt Kunkel.

Das sind nackte Zahlen. Der Kölner Arzt jedoch muss vor Ort erleben, wie die Crew der Sea-Eye und eines zweiten Schiffs, der Iuventa, das nur unwesentlich größer ist, an ihre physischen und psychischen Grenzen stoßen. Am Samstagmorgen spitzt sich die Lage zum ersten Mal zu. „Morgens um halb neun mussten wir plötzlich 1000 Menschen versorgen.“

Als ein Holzboot zu kentern droht, müssen die Helfer sich von ihrem Prinzip verabschieden, holen einen Teil der Menschen an Bord, um es zu stabilisieren. „Da wussten wir aber wenigstens noch, es wird ein Bundeswehr-Schiff kommen und sie aufnehmen.“ Die Bergung ist um Mitternacht abgeschlossen. Die Crew der Sea-Eye ist entschlossen, sofort zu ihrem Stützpunkt nach Malta zurückzukehren, weil wegen eines geborstenen Ventils einer der beiden Schiffsgeneratoren ausgefallen ist. „Im Grunde waren wir nicht mehr einsatzfähig.“

An Schlaf ist nicht zu denken

Die Frage stellt sich nicht. Der Kapitän der Sea-Eye empfängt noch in der Nacht zum Sonntag einen Funkspruch der Iuventa und bricht zur nächsten Bergungsaktion auf. „Am Sonntagmorgen hatten wir wieder 202 Menschen an Bord, viele in einem desolaten Zustand. Sie waren mehr als 24 Stunden auf den Schlauchbooten.“ Für eine schwangere Frau kommt die Hilfe zu spät. „Sie war so stark unterkühlt, dass wir sie nicht mehr reanimieren konnten.“

Die Crew der Sea-Eye ist seit Karfreitag ununterbrochen im Einsatz. An Schlaf ist nicht zu denken. Das Wetter wird schlechter, ein Frachter, der die Geflüchteten aufnehmen soll, kann wegen des hohen Wellengangs nicht zum vereinbarten Ort kommen. „Wir haben den Menschen Overalls und Rettungsfolien gegeben. Die Verpflegung bestand aus Wasser und Müsli-Riegeln. Sie mussten in der Nacht zum Montag auf den Stahlplanken an Deck übernachten. Es war fast schon ein Wunder, dass niemand verstorben ist.“ Auf dem Vordeck liegen die Menschen dicht an dicht. „Sie konnten sich nicht mehr bewegen. Auch wir waren komplett handlungsunfähig.“ Auch der Ostermontag ist ohne Perspektive auf eine Evakuierung. Beide Schiffe, die Sea-Eye und die Iuventa, müssen das Notsignal „Mayday“ senden, das die italienische Küstenwacht auf den Plan ruft. „Sie hat uns begleitet.“ Ein Frachter wird der Sea-Eye entgegengeschickt, um ihr Windschutz zu geben. Aus Lampedusa werden Speed-Boote geschickt, um die Menschen zu bergen.

„Das müssen Profis machen“

Private Rettungsschiffe, die selbst in Seenot geraten. Für den Kölner ist das ein unhaltbarer Zustand. „Aus meiner Sicht gehören die Nichtregierungsorganisationen, wie wir es sind, da eigentlich nicht hin. Das müssen Profis machen. Das muss von der Staatengemeinschaft organisiert werden.“ Zumal die Zahl der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa wollen, deutlich ansteigt.

„Von Januar bis Mitte April sind fast 28.000 Menschen von Libyen aus nach Italien gelangt. Das ist ein Anstieg um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, sagte Fabrice Leggeri, Direktor der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache (Frontex). Die Schleuser „nutzen die chaotische Lage gnadenlos aus“ und bezögen auch die Arbeit der Seenotretter in ihr Kalkül mit ein. Sie setzten 170 statt früher 100 Personen in ein Boot und schickten es ohne Proviant und mit nur wenig Treibstoff auf die Reise. Die Rettungsschiffe führen inzwischen viel näher an die libysche Küste, um die Flüchtlinge aufzunehmen. Er mache den Organisationen jedoch keine Vorwürfe. „Es ist ihre humanitäre Pflicht, Menschen zu retten. Dennoch müssen wir versuchen, den Schlepperorganisationen nicht das Geschäft zu erleichtern, sondern ihnen das Handwerk zu legen.“ Das klingt anders als noch vor ein paar Tagen, als Leggeri Organisationen wie der Sea-Eye vorgeworfen hatte, die Schlepper durch ihre humanitäre Hilfe zu unterstützen.

Arzt mit klarer Haltung

Die EU wird sich bei der Prüfung von Libyens umfangreichen Wünschen für die Ausrüstung der Küstenwache Zeit lassen. „Wir bewerten den Bedarf“, sagte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini am Donnerstag in Malta am Rande des Treffens der EU-Verteidigungsminister zu der Bitte um die Bereitstellung von 130 teils bewaffneten Schiffen und Material. Es könne wenn überhaupt nur um die Lieferung von „nicht-militärischer Ausrüstung“ gehen.

Thomas Kunkel hat da eine ganz klare Haltung. „In dieser unsicheren Lage die libysche Küstenwache mit Waffen auszustatten, die wir als sehr dubiose Organisation erlebt haben, wäre unverantwortlich. Ich will jetzt nicht verbrecherisch sagen.“ Der Kölner Arzt würde trotz aller Bedenken noch einmal auf eine Rettungsmission gehen, solange die EU das Problem nicht grundsätzlich angeht. „Wenn man als Wertegemeinschaft wie die EU über zehn Jahre darüber hinwegschaut, wie Menschenmassen an der Außengrenze vom Schlauchboot ins Meer geschubst werden, hat man ein Glaubwürdigkeitsproblem.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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