Skandal um verseuchtes Tierfutter weitet sich aus

Knapp 4600 Höfe erhielten verdächtiges Futter

Von dem Skandal um mit Schimmelpilzgift verseuchtes Tierfutter sind weit mehr Landwirte betroffen als bisher angenommen. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen erhielten nach Behördenangaben knapp 4600 landwirtschaftliche Betriebe verdächtiges Futtermittel. In Milchproben wurde bisher keine Überschreitung des Grenzwerts für das als krebserregend geltende Aflatoxin festgestellt.

Auf der Basis weiterer Unterlagen von Futtermittelunternehmen teilte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium am späten Samstagabend in Hannover mit, die Zahl der mit verseuchtem Futtermittel belieferten Betriebe betrage nunmehr mindestens 4467 - knapp tausend mehr als am Freitag. Das nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerium ging auf der Grundlage neuer Lieferlisten nun von 111 statt wie zuvor von 15 betroffenen Betrieben aus.

Insgesamt rund 45.000 Tonnen Futtermais mit hohen Konzentrationen Aflatoxin B1 waren von Serbien nach Deutschland geliefert worden. 35.000 Tonnen wurden beschlagnahmt, 10.000 Tonnen jedoch von Futtermittelherstellern verarbeitet und an Landwirte ausgeliefert. Tiere, die das verseuchte Mischfutter fressen, können giftige Abbauprodukte über die Milch weitergeben. Nach bisheriger Einschätzung von Experten ist eine Gefährdung der Verbraucher aber unwahrscheinlich.

Die Milch betroffener Betriebe darf nur nach einer Überprüfung ausgeliefert werden, weil sich Aflatoxin B 1 in Milch anders als in Fleisch stark anreichert. Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium wies jedoch darauf hin, dass eine Höchstgehaltsüberschreitung auch in Lebern und Nieren geschlachteter Tiere noch nicht abschließend ausgeschlossen werden könne.

Den Angaben zufolge wurden bisher Grenzwertüberschreitungen von Aflatoxin in acht von 19 untersuchten Futtermittelproben festgestellt. Dagegen sei der Grenzwert bei keiner der bisher untersuchten 79 Milchproben überschritten worden. Der Milchindustrie-Verband hatte zuvor erklärt, Milch und Milchprodukte seien "weiterhin unbedenklich". Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wollte zunächst nicht vor dem Verzehr bestimmter Produkte warnen. Dazu sei es "zu früh", sagte BfR-Präsident Andreas Hensel der "Saarbrücker Zeitung".

Angesichts des Skandals wurden erneut Rufe nach schärferen Kontrollen laut. Der Verband der Lebensmittelkontrolleure forderte mit Blick auf die EU-Polizeibehörde "eine Art Lebensmittel-Europol". Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) sprach sich im "Focus" für mehr staatliche Kontrollen aus. Die Kosten müsse aber die Agrarindustrie tragen. Dadurch könne der Staat bis zu 50 Millionen Euro jährlich sparen.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) erklärte, die Eigenkontrollen der Futtermittelhersteller hätten in dem Skandal "eindeutig versagt". Sie müssten von den zuständigen Landesbehörden "deutlich schärfer als bisher überwacht werden". "Wenn die Bundesländer ausreichende Kontrollen nicht leisten können, liegt es auf der Hand, die amtlichen Kontrollen in Zukunft stärker als bisher durch Gebühren zu finanzieren", erklärte Aigner.

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