So weckte der Geist der Heim-WM Deutschland auf

Bob Hanning fühlte sich an die Heim-WM erinnert.

"Man war ein Stück weit wieder zu Hause", sagte der gut aufgelegte Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, der am Donnerstag zum pinken Glücksjackett gegriffen hatte: "Die Halle war in deutscher Hand und die Schlager, die ihr gehört habt, liefen auch im vergangenen Jahr."

Und nicht nur die Stimmung, die dem deutschen Team beim überzeugenden 31:23-Triumph gegen Weißrussland zum Auftakt der EM-Hauptrunde einen entscheidenden Push gab, erinnerte an die Turnierphasen in Berlin, Köln und Hamburg 2019.

Auch die Leistung des deutschen Teams versprühte deutlich mehr Begeisterung als die schwachen Auftritte der EM-Vorrunde in Trondheim und war laut Christian Prokop in Teilen nah dran am Optimum.

"Mir hat imponiert, dass sich die Mannschaft 60 Minuten den Hintern aufgerissen hat. Das sind Dinge, die wir in Trondheim nicht zu 100 Prozent gemacht haben", sagte der Bundestrainer.

Hendrik Pekeler erklärte: "Wir haben heute in allen Mannschaftsteilen eine wesentlich bessere Leistung gezeigt."

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Doch wie ist diese Leistungssteigerung zu erklären? SPORT1 zeigt auf, was für das neue deutsche Gesicht gesorgt hat.

ABWEHR

Hendrik Pekeler griff beherzt zu, Patrick Wiencek schmettere einen gegnerischen Wurf ins Aus. Es waren Szenen wie diese, mit denen sich das Kieler Abwehrduo im Vorjahr in die Herzen der Fans spielte – und die in Wien gegen Weißrussland nun erneut für Begeisterung sorgten, nachdem das Duo wie der gesamte Abwehrverbund in Trondheim noch nicht den erhofften Zugriff gefunden hatte.

Auch der für Marian Michalczik in den Kader gerückte Johannes Golla machte in seinen Minuten seine Sache mehr als ordentlich.

"Heute hat man direkt gesehen, dass wir viel mehr investiert haben, vor allem in die Abwehr", erklärte Pekeler die Leistungssteigerung, die auch Andreas Wolff betraf.

Der Torhüter hatte, abgesehen vom Auftaktspiel gegen die Niederlande, noch weit unter seinen Möglichkeiten gespielt. Gegen Weißrussland hielt er direkt den ersten Ball. "Man hat gesehen, dass Andi direkt da war. Das hat auch Sicherheit gegeben", erklärte Pekeler.

Am Ende standen zwölf Paraden in Wolffs Statistik – und damit eine Quote von 35 Prozent, deutlich über seinem bisherigen Turnierschnitt.

"Wir haben heute ein komplett anderes Gesicht gezeigt. Wir haben sehr gut und aggressiv in der Abwehr gespielt, was uns auszeichnet. Dann können die Torhüter auch mehr glänzen", sagte der 28-Jährige.

Hanning lobte: "Wir haben den einen Schritt mehr gemacht, mehr um den Kreisläufer gearbeitet, die Rückraumspieler mehr attackiert." Prokop schwärmte von "ganz viel Einsatz in der Tempoverhinderung".

Wiencek blickte optimistisch auf die kommende Aufgabe gegen Kroatien: "Wenn wir so leidenschaftlich decken wie heute und Andi so hält im Tor, haben wir auf jeden Fall gute Chancen." (Handball-EM: Deutschland - Kroatien, Samstag ab 20.30 Uhr im LIVETICKER)

TEMPOSPIEL

Die starke Abwehrleistung ermöglichte immer wieder leichte Treffer – mehr als im bisherigen gesamten Turnier.

Denn der deutschen Mannschaft gelangen auch mehrere Steals, womit sie ins Tempospiel kam, das in der Analyse der WM 2019 als verbesserungswürdig eingestuft wurde.

Allen voran der überragende Timo Kastening fing mehrere Pässe ab und wandelte die Ballgewinne in Gegenstoßtore um. Aber auch Uwe Gensheimer, Patrick Zieker oder die Kreisläufer Pekeler und Golla waren dadurch erfolgreich.

"Auch da haben wir mehr investiert", analysierte Pekeler: "Wir konnten uns direkt absetzen, weil wir viele einfache Tore im Gegenstoß gemacht haben."

Im Halbfeldangriff ging Deutschland aktiv zu Werke und suchte energisch den Weg zum Tor, blieb aber auch - wenn nötig – geduldig. Allerdings schlichen sich nach der Pause wieder schwächere Minuten mit unnötigen Fehlern ein.

ATMOSPHÄRE

Im Vorfeld der Hauptrunde hatte Prokop eine höhere Emotionalität gefordert.

Er und sein Team setzten dabei nach dem "Totentanz in Trondheim" (Fabian Böhm) auch auf die verbesserte Stimmung in Wien – und das Heimspiel am Donnerstagabend, das sich "fantastisch" (Prokop) anfühlte, gab ihnen Recht.

"Wir sind einfache Gegenstöße gelaufen und haben direkt die Zuschauer dazubekommen. Dann geht es leichter von der Hand", erklärte der in der Halbzeit in der Kabine eingesperrte Julius Kühn: "Sie haben eine Höllenstimmung gemacht und uns geholfen, die Emotionen auf die Platte zu bringen."

Ähnlich sah es Wiencek: "In Trondheim war noch keine EM-Atmosphäre da. Wir sind glücklich, dass wir viele überragende Fans dabeihaben. So lässt es sich einfacher spielen."

Auch gegen Krotien am Samstag ist mit einer großartigen Atmosphäre zu rechnen, da auch deren Fans bereits gegen Gastgeber Österreich mächtig Stimmung machten. "Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das Hallendach wegfliegt", sagte Kühn.

Formulierungen wie diese hatten die deutschen Spieler bereits zur Hauptrunde 2019 verwendet. Da war er wieder, der Geist der Heim-WM.