Geleakte Dokumente zeigen, wie Industrienationen den IPCC-Bericht verwässern wollen

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Alle sechs bis sieben Jahre veröffentlicht der Weltklimarat seinen Sachstandsbericht, darin werden Maßnahmen empfohlen, um den Klimawandel zu verlangsamen. Geleakte Dokumente zeigen jetzt, wie Politiker*innen und Lobbyist*innen versuchen, auf diese Empfehlungen Einfluss zu nehmen.

Klimawandel: Die Industrienationen stoßen zu viel klimaschädliches CO2 aus, das muss sich schnell ändern.
Im Kampf gegen den Klimawandel muss auch der CO2-AUsstoß massiv reduziert werden. Doch einige Länder wollen das nicht, wie jetzt geleakte Dokumente zeigen. Foto: Reuters / Sukree Sukplang

Nur wenige Tage, bevor die die Weltklimakonferenz im schottischen Glasgow beginnt, veröffentlicht ein Investigativ-Projekt geleakte Dokumente. Die zeigen demnach, wie einige große Industrienationen versuchen, den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern hinauszuzögern.

Lobbyarbeit gegen Klimaschutz

Vor allem Saudi-Arabien und weitere OPEC-Staaten, Japan, Australien und Brasilien versuchen offenbar, massiv Einfluss auf die Vereinten Nationen zu nehmen, um damit den Kampf gegen den Klimawandel zu verschleppen.

Außerdem wehren sich zahlreiche weitere Industrieländer gegen den Plan, als reiche Länder Zahlungen an Entwicklungsländer zu leisten, damit auch diese ihre Wirtschaft nachhaltiger umbauen und auf grüne Technologien setzen können.

Hoffnungen zu effektivem Klimaschutz schwinden

Zugespielt wurden die inoffiziellen Dokumente Unearthed, nach eigenen Angaben ein unabhängiges investigatives Journalist*innen-Team des britischen Greenpeace-Ablegers. Die haben die Leaks auch mit der BBC geteilt. Beide haben am Donnerstag groß berichtet.

Laut BBC schwindet aufgrund der gesichteten Dokumente die Hoffnung, dass von einigen teilnehmenden Ländern auf der Weltklimakonferenz weitreichende Entscheidungen und Zusagen getroffen würden, um die Erhitzung des Planeten auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken.

Weltklimarat bringt sechsten Sachstandsbericht

Die Dokumente zeigen offenbar, wie einige Industrienationen versucht haben, Einfluss auf den sechsten IPCC-Sachstandsbericht zu nehmen. Das ist eine Publikation des Intergovernmental Panel on Climate Change, dem Weltklimarat. Der gehört zur UN, stellt selbst keine Forschung an, sondern sammelt die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel und leitet daraus zentrale politische Schritte ab, wie der Klimawandel effektiv verlangsamt werden kann.

Lobbyist*innen fordern Anpassungen

Nur alle sechs bis sieben Jahre erscheint ein solcher Sachstandsbericht, viele Jahre Sichtung, Bewertung und Prüfung stecken darin. Zum Prozess gehört auch, dass von außen Änderungsvorschläge eingebracht und Empfehlungen umformuliert werden können.

Laut IPCC-Webseite geht diese sogenannte „Final Government Distribution“-Phase noch bis zum 26. November. Sie erlaubt Regierungen zu prüfen, ob die Empfehlungen des IPCC den aktuellen Wissensstand korrekt transportieren. Ansonsten können die politischen Entscheidungsträger*innen Kommentare oder Änderungsvorschläge einbringen.

Das wurde zahlreich genutzt: Die Leaks zeigen, dass über 32.000 Lobbyversuche von Regierungen, Unternehmen und weiteren Interessengruppen beim IPCC eingegangen sind, um das Strategiepapier in ihrem Sinne zu ändern. Die Veröffentlichung ist für kommendes Jahr geplant.

Pflanzenbasierte Ernährung? Nicht mit Argentinien und Brasilien

Argentinien und Brasilien, zwei der größten fleischproduzierenden Länder, versuchten demnach, Empfehlungen des IPCC zu pflanzenbasierten Ernährungsweisen zu verhindern. Ein australischer Politiker wollte zudem Vorschläge unterbinden, dass Kohlekraftwerke nächstmöglich vom Netz genommen werden sollten.

Ölfördernde Länder und Unternehmen wollten den Ausstieg aus fossilen Energieträgern hinauszuzögern – Saudi-Arabien forderte etwa, dass die folgende Empfehlung aus dem Bericht entfernt werde: „Für eine weitreichende Dekarbonisierung sollte sich rasch auf kohlenstofffreie Energieträger und den Ausstieg aus fossilen Energieträgern konzentriert werden.“

Inhalt von öffentlichem Interesse

Unearthed schreibt dazu: „Zwar lassen sich die Autor*innen des IPCC-Sachstandsberichts nicht in ihre Empfehlungen reinreden, wenn die Gegenargumente wissenschaftlich nicht haltbar sind- Die geleakten Dokumente aber zeigen eindeutig, wie Politiker*innen und Interessenvertreter*innen abseits der Öffentlichkeit versuchen, Einfluss zu nehmen ohne Rücksicht auf die Umwelt.“

Das Unearthed-Team begründet die Veröffentlichung der durchgestochenen Dokumente auch damit, weil sie für künftige Wahlentscheidungen von großem Interesse für die Öffentlichkeit sei. Da sie zeigten, wie sich aktuelle Regierungen verhalten und zu welchem Handeln sie bereit seien – etwa den Kampf gegen den Klimawandel zu sabotieren oder hinauszuzögern.

Das ist offenbar auch australischen Politiker*innen bewusst: Die Leaks beinhalten beispielsweise eine Forderung der australischen Regierung, eine für sie ungünstige Analyse aus dem IPCC-Bericht zu streichen. Die zeigt demnach, dass Lobbyist*innen in Australien und den USA dafür gesorgt hätten, dass Klimaschutzmaßnahmen in den beiden Ländern massiv verwässert worden seien.

Mehrheitlich konstruktive Änderungsvorschläge von außen

Die Unearthed-Journalist*innen betonen zum Ende hin und nach ihrer Analyse der geleakten Dokumenten aber, dass die meisten eingebrachten Änderungsvorschläge oder Beiträge von außen zielführend gewesen seien. Die Mehrheit der Kommentare zielten demnach darauf ab, den IPCC-Bericht „tatsächlich zu verbessern“.

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