Gepflegte Langeweile mit George Clooney

Sven Hauberg
·Lesedauer: 4 Min.

Das Weltall war auch schon mal spannender: Wer George Clooney beim Spielen mit grünen Erbsen zuschauen will, ist in "The Midnight Sky" richtig. Wer mal wieder einen guten Science-Fiction-Film sehen will, eher nicht.

Zugegeben: Man kann sich Schlimmeres vorstellen, als George Clooney dabei zuzusehen, wie er sich langweilt. Im Netflix-Film "The Midnight Sky" (ab 23. Dezember) darf man Clooney in seiner Rolle als Dr. Augustine Lofthouse dabei beobachten, wie er als letzter Bewohner einer verlassenen Forschungsstation irgendwo in der Arktis den lieben langen Tag nicht viel tut außer Frühstücksflocken zu essen, in die Polarnacht zu blicken und darauf zu warten, dass irgendwas geschieht. Irgendwann springt der Film dann von der Erde ins Weltall, wo auf einem Raumschiff namens "Aether" Schauspieler wie Felicity Jones und David Oyelowo ebenfalls - nichts tun.

Man versteht schnell: "The Midnight Sky" will keiner dieser lauten Science-Fiction-Filme sein, wie es sie so oft gibt. Sondern ein stilles, introvertiert-nachdenkliches Werk. Nur: Will man jetzt, da man Lockdown-bedingt in etwa ebenso isoliert ist wie Clooney in seiner Polarstation, so etwas sehen? "The Midnight Sky" kommt auf jeden Fall zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt zu Netflix.

Aber auch wenn draußen das Leben toben würde wie vor der Pandemie: "The Midnight Sky" wäre natürlich noch immer derselbe Film, und als solcher weit davon entfernt, Netflix sein erstes selbstproduziertes Sci-Fi-Highlight zu schenken. Zwar kommt nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch etwas Spannung in die gepflegte Langeweile vom Beginn des Films. Bis es so weit ist, hat man als Zuschauer allerdings längst das Interesse verloren an dem, was da auf dem Bildschirm passiert.

Ist da jemand?

"The Midnight Sky" spielt im Jahr 2049. Die Erde ist nach einer nicht näher benannten Katastrophe fast vollständig zerstört, einige Überlebende werden in unterirdische Schutzräume gebracht. Nur erwähnter Dr. Lofthouse harrt aus. Von seiner Polarstation aus will der todkranke Wissenschaftler die Teams mehrere Raumschiffe, die irgendwo im Weltall nach einer neuen Heimat für die Menschheit suchen sollten, vor einer Rückkehr zur Erde warnen. Während er immer wieder versucht, die Crew der "Aether" zu erreichen, die offenbar als einzige noch am Leben ist, schlafwandelt er durch die Gänge seiner menschenleeren Station.

Wobei: So ganz allein ist er dann doch nicht. Ein kleines Mädchen namens Iris (Caoilinn Springall), das partout nicht sprechen mag, wurde offenbar bei der Evakuierung vergessen. Die beiden kommen sich, wie das in solchen Filmen üblich ist, irgendwann näher. In diesem Fall taut das Eis, als Lofthouse und Iris sich beim gemeinsamen Abendessen mit Erbsen bewerfen. Etwas spannender wird's, als Lofthouse beschließt, die Forschungsstation zu verlassen, um zu einer größeren Funkstation zu gelangen. Von dort aus will er endlich die "Aether" erreichen. Doch der Weg durchs nicht mehr ganz so ewige, weil langsam schmelzende Eis ist beschwerlich.

Zu große Fußstapfen

Gleichzeitig wechselt der Film immer wieder ins All, wo die Crew der "Aether" zunächst ebenfalls sehr lange mit süßem Nichtstun beschäftig ist. Auch hier wird's aber irgendwann ein bisschen aufregender: Als nämlich ein paar durchs All sausende Gesteinsbrocken das Raumschiff beschädigen, müssen drei der Astronauten zum Außeneinsatz ausrücken. Das Ganze endet tragisch.

Das Problem an "The Midnight Sky" ist nicht nur, dass wirklich sehr wenig passiert. Unglücklich ist ebenso, dass sich George Clooney, der auch Regie führte, große Genre-Vorbilder gewählt hat, diese aber nicht annähernd erreicht. Die Hochspannung von "Gravity" sucht man hier vergeblich, ebenso die philosophische Schwere von "Solaris". Um der von ihm selbst gespielten Hauptfigur und damit seiner Geschichte immerhin etwas Tiefe zu verleihen, zeigt Clooney in Rückblenden, was dieser Dr. Lofthouse für ein Mann ist, wie er als junger Wissenschaftler für den beruflichen Erfolg sein privates Glück geopfert hat. Auch das ist aber, gelinde gesagt, nicht wirklich neu.

Als Schauspieler ist Clooney in seinem Film freilich wie immer eine Schau. Auch wenn er, mit schlohweißem Bart, eingefallenem Gesicht (in einem Interview erzählte Clooney, er habe für den Dreh so schnell so viel Gewicht verloren, dass er ins Krankenhaus musste) und buschigen Theo-Waigel-Augenbrauen rein optisch nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Als Regisseur aber hat er sich hier verhoben. Oder, um es mit der Tiefgründigkeit dieses Films zu sagen: Da hat jemand nach den Sternen gegriffen, sie aber nicht erreicht.