Göteborg Film Festival 2021 auf der Insel: Das einsamste Filmfest aller Zeiten ist in vollem Gange

Jennifer Caprarella
·Freie Autorin
·Lesedauer: 3 Min.

Eine Woche im Leuchtturm einer einsamen Insel zu verbringen, um ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt eine Aufgabe zu erfüllen, klingt wie die Prämisse eines Films. Doch dabei handelt es um den Hauptbestandteil des Göteborg Film Festivals 2021. Die Person, die sich in völliger Isolation bis zu 60 Filme ansehen darf, wurde via Wettbewerb ermittelt und hat das Festival mittlerweile (mehr oder weniger) feierlich eröffnet.

Pater Noster lighthouse on the west coast of Sweden in a full winter storm (50knots wind)
Viel gibt es auf der schwedischen Insel Pater Noster außer dem Leuchtturm nicht - dort hält nun eine Krankenschwester das Film Festival ab (Bild: Getty Images)

Während andere Filmfestivals versuchen, um alle Sicherheitsmaßnahmen und Social-Distancing-Regeln herum so viel Glamour zu verbreiten wie möglich, geht das schwedische Göteborg Film Festival in diesem Jahr einen anderen Weg und schickt seine erlesenen Besucher in die Isolation.

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Wie das Festival in diesem Jahr aussehen wird, gaben die Macher bereits Anfang Januar bekannt: Eine Person würde auf eine einsame Insel geschickt, wo sie in einem Leuchtturm bis zu 60 Filmpremieren ansehen dürfe. Kontakt zu Freunden und Familie sei ebenso verboten wie jegliche weitere Nutzung von Smartphone oder dem Internet, ausgenommen von der Übertragung ihres Video-Blogs, mit dem sie von ihrer Erfahrung berichten soll.

Selfie-Video statt Glamour-Premiere

Gewinnerin dieses außergewöhnlichen Erlebnisses ist die Krankenschwester Lisa Enroth aus Skövde, die aus 12.000 Bewerbern ausgewählt wurde. Sie befindet mittlerweile auf der Insel Pater Noster und hat das Filmfest eröffnet.

Statt einer großen Glamour-Premiere gab es am Wochenende also ein erstes Video von Lisa aus einem schlecht beleuchteten Raum des zum Leuchtturm gehörigen Hauses.

“Hi. Hallo. Ich bin Lisa, die Auserwählte”, sagt die Krankenschwester kichernd in die Kamera. “Ich hatte einen verrückten Tag”, fügt sie hinzu und beschreibt, wie sie von diversen Medien von ihrem lokalen Radiosender bis hin zum US-Nachrichtenriesen CNN interviewt wurde, bevor ein “irre schnelles Boot” sie auf die Insel verfrachtet habe.

Dort stehen ihr nun sieben Tage bevor, in denen sie “Filme ansehen und die Natur, die Ruhe und die Einsamkeit genießen” wird.

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Was dies bedeuten kann, bekam sie schon am zweiten Tag zu spüren, an dem sie sich den deutschen Film “Undine” von Christian Petzold ansah. Darin würden nicht nur “so viele Gedanken und so viele Fragen, so viel Herz und Schmerz” aufgewühlt, sondern es würde auch unglaublich viel umarmt. “Ich vermisse Umarmungen!”

Abgesehen davon scheint sich Enroth auf ihrer Insel bisher pudelwohl zu fühlen - kein Wunder, denn als Krankenschwester waren Ruhe und Einsamkeit in den Monaten zuvor für sie spärlich gesät gewesen. “Durch meine Arbeit im Gesundheitswesen habe ich gefühlt eine Ewigkeit damit zugebracht, zuzuhören, zu testen und zu trösten. Ich fühle mich ausgelaugt”, hatte sie vor ihrer Abreise gesagt. “Der Wind, das Meer, die Aussicht darauf, Teil einer völlig anderen Realität zu sein - das erscheint mir äußerst reizvoll.”

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Übrigens ist Lisa Enroth nicht die einzige “Besucherin” des Festivals. Auch für Filmvorführungen an zwei anderen Standorten wurden einzelne Tickets für jeweils einen einzigen Zuschauer verlost, der sich dann entweder in einem Kinosaal mit 707 Sitzen oder einem Eishockey-Stadion mit 12.044 Sitzen breitmachen darf.

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