Die größte Klappe der NBA

Franziska Wendler
Große Klappe, viel dahinter: Joel Embiid ist einer der Lautsprecher der NBA

"An meinem ersten Tag habe ich im Training so schlecht gespielt, dass mich der Trainer aus der Turnhalle geworfen hat. Aber das schlimmste war, dass mich meine Teamkollegen ausgelacht haben, genau wie diese verwöhnten Bengel aus den Highschool-Filmen. Sie haben mir zu verstehen gegeben, dass ich scheiße bin. Dann bin ich auf mein Zimmer gegangen und habe geweint."

Würde man nicht wissen, dass diese Worte von einem der selbstbewusstesten Spieler der NBA stammen, man würde es nicht vermuten.

In einem Beitrag für The Players Tribune erzählte Sixers-Star Joel Embiid einst von seinem außergewöhnlichen Weg in die NBA. (Spielplan der NBA-Playoffs)


Embiid kommt erst mit 16 zum Basketball

Bis der Center der Philadelphia 76ers 16 war, hatte er nicht einen Basketball in Richtung Korb geworfen. Weil seine Mutter auf Schulbildung viel Wert legte, konnte der in Kamerun geborene Embiid nur heimlich Sport treiben. (NBA-Playoffs: Philadelphia 76ers - Brooklyn Nets, Spiel fünf, Mittwoch ab 2 Uhr im LIVETICKER)

Auf einem Fußballplatz neben seinem Elternhaus tobte er sich aus, wenn seine Mutter nicht zuhause war. Als er, nachdem er 2009 die NBA-Finals mit Kobe Bryant gesehen hatte, seinen Vater fragte, ob er auch Basketball spielen dürfe, riet dieser ihm zu Volleyball - einer beliebten Sportart in Kamerun.

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Erst als ihn der langjährige NBA-Profi Luc Mbah a Moute aufgrund seiner Größe in ein Basketball-Camp einlud, nahm die Geschichte ihren Lauf.

Keine Englischkenntnisse

Ohne vorheriges Training gelang Embiid ein sehenswerter Dunking, er wurde in ein NBA-Camp eingeladen und flog nur zwei Monate später nach Amerika, um dort ein College zu besuchen.


Ohne auch nur ein einziges englisches Wort zu beherrschen, der heute 25-Jährige sprach ausschließlich Französisch, startete er sein Abenteuer Basketball bei den Kansas Jayhawks und wurde von seinen Teamkollegen mit Spott und Hohn empfangen.

Diesem Gefühl des Scheiterns und der Unfähigkeit, entstammt das große Selbstvertrauen, das Joel Hans Embiid heute hat. Und mit dem er polarisiert wie kaum ein anderer.

Verletzungen bremsen Embiid aus

"Ich saß in meinem Zimmer, habe Lil Wayne gehört und über all diese Typen nachgedacht, die mich ausgelacht haben. Das hat den Kampfgeist in mir geweckt und mich unheimlich motiviert", erinnert sich der zweimalige All-Star.

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Immer und immer wieder trainierte Embiid anschließend seinen Wurf und galt kurz vor dem NBA-Draft 2014 sogar als Nummer-1-Pick, bis ihn eine Fuß-OP ausbremste und er von den Sixers an Position drei gedraftet wurde.

Seitdem machen ihm Verletzungen immer wieder zu schaffen. Die erste Saison verpasste er aufgrund seines verletzten Fußes, vor der zweiten Spielzeit erlitt er einen weiteren Rückschlag und musste ebenfalls passen. Erst zur Saison 2016/17 feierte er sein NBA-Debüt.

Mit durchschnittlich 20,2 Punkten pro Spiel wusste er in seiner Rookie-Saison zwar zu überzeugen, aufgrund weiterer Verletzungen reichte es aber nur zu 31 Saisonspielen.


Embiid eckt häufig an

Für Embiid ist das Thema Verletzungen das wohl schwierigste seiner Karriere. Nicht nur mit seiner Fähigkeit Punkte zu erzielen, auch in Sachen Rebounds, Assists und Blocks kann Embiid - ist er fit - Spiele im Alleingang entscheiden.


Allzu oft zeigen kann er seine Fähigkeiten aber nicht, was ihn dennoch nicht davon abhält, sich regelmäßig mit anderen NBA-Profis anzulegen. In der aktuellen Playoff-Serie gegen die Brooklyn Nets bezeichnete er Gegenspieler Jared Dudley als "Niemand".

Zwei Spiele zuvor handelte er sich von den Nets die Bezeichnung "dummer Typ" ein, weil er bei der Entschuldigung für ein hartes Foul gelacht hatte, anstatt ernst zu bleiben.

Jordan nicht der GOAT?

Auch mit den Legenden des Basketball-Sports hat es Embiid bereits aufgenommen. So machte er in einem Interview deutlich, dass Michael Jordan für ihn nicht der beste Spieler aller Zeiten sei und nannte stattdessen Wilt Chamberlain.

OKC-Superstar Russell Westbrook ist nicht gut auf den Center zu sprechen. Immer wieder gerieten beide in der Vergangenheit auf dem Court aneinander. Auf die Frage, ob sein Verhältnis zum Sixers-Star intakt sei, antwortete Westbrook: "F**k no". Auch mit Draymond Green oder LaVar Ball legte er sich bereits an.

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Embiid steht mit seiner Art für die neue Spielergeneration in der NBA. Sein außergewöhnliches Talent ist unbestritten, dennoch hat er sein Können noch nie in einem wirklich wichtigen Spiel unter Beweis gestellt. Früher verdienten sich Jungstars erst einmal das Recht, die Klappe aufzureißen - mit Erfolgen.

Sixers haben Titelambitionen

In diesem Jahr könnte es aber soweit sein. Mit Jimmy Butler, Ben Simmons, Tobias Harris und JJ Redick hat er eine hervorragende Starting Five um sich, die durchaus Titelambitionen anmeldet.

Gegen die Nets steht es aktuell 3:1, Philly fehlt also nur noch ein Sieg, um in die nächste Runde einzuziehen. Dort warten aller Voraussicht nach die Toronto Raptors, gegen die von den Sixers aber deutlich mehr kommen muss, um eine Chance zu haben.


"Trust the Process"

Embiids Ambitionen sind in jedem Fall ungebrochen. Der 25-Jährige glaubt fest an das Teammotto in Philadelphia: "Trust the Process".

Mit harter Arbeit will es der Kameruner bis nach ganz oben schaffen. "Ich bin auf dem Weg, der beste Spieler in der NBA zu werden. Und ich denke, es wäre großartig sagen zu können, dass ein Afrikaner der beste Basketballspieler der Welt ist", erklärte er in einem Interview mit CNN.

Nicht nur, weil er vor der Saison 2017/18 einen Fünfjahresvertrag über 148 Millionen US-Dollar unterschrieben hat, auch privat hat sich der zunächst steinige Weg in die USA gelohnt.


Embiid ist seit einiger Zeit mit dem Sports-Illustrated-Model Anne de Paula zusammen. "Danke, dass du mich verrückten Afrikaner aushältst", postete er am Valentinstag bei Instagram einen Dank an seine brasilianische Freundin.

"Ich habe deinem Weg vertraut und du meinem. Deswegen sind wir heute wo wir sind."