Haute-Couture von Dior: Warum sich die starke Botschaft der Show leider nicht auf dem Laufsteg widerspiegelt

Vanessa Peschla
Lifestyle Editor

“Was wäre, wenn Frauen die Welt regieren würden?” - Diese Frage stand bei der diesjährigen Dior Haute-Couture-Show in Paris im Raum. Und das wortwörtlich: Ein riesiger Banner mit der Frage in kursiv prangte am Ende des Laufstegs. Die Erwartungen an die Kreationen von Maria Grazia Chiuri waren bei einem solchen Setting groß - wurden aber leider nicht erfüllt. Ein Anstoß zum Nachdenken und Diskutieren war die Show aber allemal wieder.

Die italienische Modedesignerin Maria Grazia Chiuri bei der Dior Haute Couture Show in Paris (Bild: Getty Images)

Feminismus ist für die Kreativdirektorin des Couture-Hauses Maria Grazia Chiuri sehr wichtig. Seit Jahren nutzt sie ihre Designs, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Im Mittelpunkt ihre Mode steht das Zelebrieren der Frau. Schon ihre erste Kollektion für das Modehaus Dior sorgte für Begeisterung: Statt in aufwendigen Roben, ließ sie ihre Model in fließenden Röcken und T-Shirts mit dem Slogan “We should all be feminists” über den Laufsteg schweben. Modefans, Stars und Medien liebten es. So machte sich Maria Grazia Chiuri einen Namen als Designerin, deren Mode für Ausdrucksstärke und starke Botschaften steht.

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Auch für die neue Kollektion der Saison galt für Chiuri, die erste weibliche künstlerische Leiterin des französischen Modehauses, der Feminismus als Inspirationsquelle. Neben einem Banner mit der Frage “Was wäre, wenn Frauen die Welt regieren würden?” hangen 20 weitere über dem Laufsteg. Sie wirkten wie riesige Protestplakate: “Würden Frauen verehrt werden?”, “Würden Gebäude aussehen wie Gebärmütter?” und “Wäre die Erde beschützt?” Die geladenen Gäste waren eingeladen selbst ein bisschen zu grübeln.

Die Fragen, die auf den Banner stehen sollen die Gäste zum nachdenken anregen. (Bild: Getty Images)

Für das Showkonzept schloss sich die italienische Designerin mit der 80-jährigen Feminismus-Künstlerin Judy Chicago zusammen. Sie wird als “Patin der Vagina Kunst” bezeichnet und ist in Zeiten von Gwyneth Paltrows Vagina-Kerze und Janelle Monáes Vagina-Hose wieder hoch im Kurs. Ihre bekannteste Installation “The Dinner Party” beschäftigte sich mit der Rolle der Frau. Dieses Konzept floss auch in die neue Dior-Show ein.

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Chicago konzipierte das Gebäude, in dem die Couture-Show stattfand in Form eines weiblichen Oberkörpers. 15 Meter hoch und 80 Meter lang prangt das Konstrukt nun in der Mitte des Rodin Museumsgartens in Paris. Eine spektakuläre Location für eine noch spektakulärere Show. So zumindest die Erwartungen, wenn man das Drumherum betrachtete.

Feminismus-Künstlerin Judy Chicago konzipierte die Location der Show von außen und innen (Bild: Getty Images)

Die Kollektion selbst konnte mit dem starken Show-Konzept nicht mithalten. Kleider aus fließenden Stoffen mit bestickten Gürteln, goldene Haarbänder und Perlen-Schmuck verwandelten die Models in griechische Göttinnen. Weiblich und wunderschön, aber von Provokation oder Frauen-Power war nichts zu sehen.

Die Fragen, mit denen der Saal plakatiert worden war, sollten zusammen mit den Kleidern à la Hera & Co. “die Stärke der Frau der damaligen Mythen in die neue Generation bringen”, meinte Chiuri. Leider ging dieser Ansatz bei den vielen ähnlichen Looks verloren. Außerdem wirkte die Auswahl der Models sehr einheitlich. Bei den Standardmodelmaßen fehlte die Diversität komplett. Auch das stand in Disharmonie zum Konzept der Show und wirkte irgendwie nicht zeitgemäß. Perfektion statt Individualität rückten in den Vordergrund.

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Nach ihrer ersten Feminismus-Kollektion und dem aktuellen Show-Konzept erwarteten Gäste Großes. Eine neue Kreation, die von vielen Labels kopiert wird, weil alle starken Frauen sie künftig tragen und damit eine Botschaft senden wollen. Doch Fehlanzeige. Es gab schöne, exklusive Mode und Plakate, die zum Diskutieren und Nachdenken anregen sollten. Mit etwas Glück sprach das Publikum nach der Show über eben diese. Über die Mode wahrscheinlich in dem Zusammenhang leider nicht und das war doch eigentlich das Ziel.

Wie griechische Göttinen - Models bei der Dior Haute Couture Show. (Bild: Getty Images)

Gab es auf dem Laufsteg Antworten auf die Fragen der Bannern?

Es war schwer die persönlichen Antworten der Designerin auf die Fragen, die buchstäblich im Raum standen, in ihrer Fashion Show widergespiegelt zu sehen. Nach der Show brachte sie es aber auf den Punkt: “Ich denke, wenn Frauen die Welt regieren würden, wäre die Bedeutung von Macht komplett anders. Denn die Bedeutung von Weiblichkeit - die sowohl in Männern als auch in Frauen existiert - ist es, sich um andere zu kümmern, nicht nur um sich selbst. Das glaube ich, aber ich weiß es nicht. Ich bin eine Modedesignerin!”