Heimliche Partys und Treffen im Keller: Über Dating in Zeiten von Corona

Sarah Kohlberger
·Lesedauer: 6 Min.

Für Intimitäten unter Fremden ist in der Corona-Pandemie nur wenig Platz. Manche werfen sich trotz allem mitten ins Geschehen. Die "Y-Kollektiv"-Dokumentation "Was geht auf Tinder, Grindr & Co.? Dating im Lockdown" wirft einen Blick auf das Thema.

Für "Tim" sind Sex-Treffen völlig normal. Er ist Anfang 30, lebt in einer offenen Beziehung und geht auch in Zeiten der Corona-Pandemie regelmäßig auf sogenannte "Sex-Positive-Partys" - Zusammenkünfte, bei denen jeder offen seine Sexualität zeigen und feiern kann. Im Sommer 2020 fanden einige Partys statt, jedes Wochenende trudelten laut dem jungen Mann etwa fünf Einladungen ein. Dann trafen sich zwischen 40 und 200 Menschen, darüber hinaus habe sich kaum jemand getraut, beschreibt "Tim". "Weil ab da haben es zu viele Leute gewusst. Das hat sich sehr schnell rumgesprochen in der Stadt, und dann wissen es auch sehr schnell die falschen Leute", verrät er gegenüber Reporter Nico Schmolke in der "Y-Kollektiv"-Dokumentation "Was geht auf Tinder, Grindr & Co.? Dating im Lockdown".

Es ist ein Thema, über das derzeit öffentlich nicht gesprochen wird, das aber viele beschäftigt: Dating in Zeiten des Lockdowns. Aktuell ist es erlaubt, eine Person aus einem weiteren Haushalt zu treffen, generell gilt jedoch, die Zahl der Kontakt-Haushalte möglichst konstant und klein zu halten. Für viele ist es keine Option, auf Dating zu verzichten, denn das Bedürfnis nach Nähe und Zweisamkeit bleibt. Doch was ist mit der Sicherheit? Wie wichtig ist die schnelle Befriedigung zwischendurch? Und wie gehen die Menschen generell in Zeiten der Pandemie mit Dating um?

Reporter Nico Schmolke trifft in der "Y-Kollektiv"-Dokumentation "Was geht auf Tinder, Grindr & Co.? Dating im Lockdown" drei verschiedene Menschen, die aus ihrem Dating-Leben erzählen. Darunter ist "Tim", der seinen echten Namen zwar nicht verraten will, sonst aber recht offen spricht. Inzwischen seien nur noch kleinere "Sex-Positive-Partys" geplant, erklärt er. Etwa "fünf bis maximal 20 Leute" würden sich dazu treffen.

Gleiche Sicherheit bei Party und Post?

Er selbst beteuert, dass die Leute, mit denen er sich auf so einer Feier treffe, recht "verantwortungsbewusst" mit dem Thema umgingen: Diejenigen, die in ihrer Arbeit mit anderen Menschen in Kontakt seien, wie beispielsweise Lehrer, würden teilweise auf Corona-Schnelltests zurückgreifen. Und diejenigen, die Symptome spüren, würden generell nicht bei solchen Veranstaltungen auftauchen. Dass das keine hundertprozentige Sicherheit bietet, scheint ihn nicht zu stören.

Schmolke will es genau wissen: Wie hoch sei denn die Wahrscheinlichkeit, sich bei so einer Party anzustecken, wenn jemand erkrankt sei, fragt er "Tim" nach einer Einschätzung? "Ich sag's mal anders: Wenn eine Party stattfindet, in dieser Form, mit 15 oder 20 Leuten, und einer hat's, dann hat's danach jeder, der es noch nicht hatte", lautet "Tims" ehrliche Antwort. Fast wie eine Entschuldigung klingt sein nächster Satz: "Es hatten ja auch einige schon." Das mache viele entspannter, deutet Tim eine langfristige Immunisierung an.

Er verstehe die Idee, sagt der Mann, dass man zu Hause bleiben solle, damit es langfristig besser werde. "Aber man muss auch sagen: Das ist ja nicht ganz realistisch", kritisiert er. Schließlich blieben nicht alle zu Hause. "Wir gehen alle in die U-Bahn, wir gehen teilweise auf die Arbeit, in die Geschäfte, in andere Situationen, wo sehr viel mehr Menschen sind als bei uns." Er sei letztens in einer Postfiliale gewesen, in der viele Menschen eng beieinander standen. Der Vergleich einer Sex-Party mit einer Postfiliale überzeugte Reporter Schmolke allerdings nicht, schon allein wegen der Maskenpflicht in Geschäftsläden. "'Tims' Vergleich hinkt für mich", gab er zu.

Keine Angst vor schweren Symptomen

Angst vor einer Corona-Ansteckung scheint "Tim" zumindest nicht zu haben. Und damit ist er nicht der Einzige. Auch der Inder Varun geht relativ locker mit dem Thema um. Ihn hat Reporter Schmolke ebenfalls getroffen. Varun ist 35, verheiratet und arbeitet von zu Hause aus. Er nutzt die Dating-App Grindr und trifft sich mehrmals die Woche mit anderen Männern für schnellen Sex.

Meist findet dieser in Kellerräumen statt, da man dort vor Mitbewohnern Ruhe hätte. Und Corona? - "Ich denke nicht, dass es mich besonders hart treffen würde", vermutet der Seifen- und Kerzenhersteller. Junge Menschen um ihn herum litten meist nur eine Woche lang unter einer Erkältung. Dass auch junge Leute unter einem schweren Verlauf leiden können, scheint ihn nicht zu beschäftigen - ebensowenig wie noch unerforschte Langzeitschäden.

Männer sind wie Fast Food?

Schmolke begleitet den Inder zu seinem nächsten Date und fragt ihn, wie viele Männer er bereits in seinem Leben hatte. "Nach 500 habe ich aufgehört zu zählen", lacht Varun. "Ich weiß es nicht. Wozu das Zählen? Das ist ein bisschen kindisch. So wie: Wieviel Fast Food hattest du in deinem Leben?" Vor Corona waren Bars und Clubs ein geschützter Ort für die Schwulen-Szene. Diese sind nun geschlossen, doch das Bedürfnis, andere Menschen zu treffen, blieb.

Nach dem Date - es sind zehn Minuten vergangen - beschreibt Varun ausführlich, was geschehen ist. Es wurde intim, eine Maske wurde nicht getragen. Auf die Anmerkung Schmolkes hin, unnötige Kontakte zu vermeiden, wurde der Inder dann konkret. "Warum dann leben? Warum dann essen?", fragt er. "Du kannst nicht allem aus dem Weg gehen." Er selbst fahre nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln. Er laufe oder nutze sein Fahrrad. "Ich würde sagen, mein Risiko ist sehr gering im Vergleich zu anderen Leuten, die rausgehen zur Arbeit, die andere Leute sehen, und sich immer mit anderen Leuten zum Essen treffen, zusammen Weihnachten feiern. Ich mache nichts davon", betont er.

Spaziergang nur im Hellen - und draußen

Etwas weniger krachen lässt es Natalie. Die 28-Jährige ist Single, trifft sich allerdings nur zum Spazierengehen. Am Wochenende, wenn es noch hell ist - und draußen. Sie hatte bisher viele erste Dates ohne Ansteckung, und meist bestand das Treffen aus einem Spaziergang. Zweimal hat sie im letzten Jahr jemanden kennengelernt, mit dem sie sich über ein paar Wochen eingelassen hatte, doch die große Liebe entstand daraus nicht. Nachdem auch das letzte Date nicht so verlief, wie sie es sich vorgestellt hatte, erklärte Natalie, sie wolle eine "Dating-Pause" einlegen und sich die nächsten "ein oder zwei Wochen" nicht mehr "aktiv auf die Suche nach einer Verabredung" machen.

"Wozu machen wir das überhaupt?!"

Es wird deutlich: Manchen geht die schnelle Befriedigung vor Sicherheit, jüngere Menschen scheinen sich weniger vor den Folgen einer Corona-Erkrankung zu fürchten als ältere. Ein leichter Unmut über den lockeren Umgang der Protagonisten mit Dating lässt sich aus den zahlreichen Kommentaren auf YouTube zu der "Y-Kollektiv"-Dokumentation herauslesen.

"Hier sehen Sie: Warum Corona noch lange nicht vorbei ist", schrieb ein Nutzer, eine weitere Userin betonte: "Sorry, aber sich durch die Weltgeschichte zu bumsen, während ich mich wegen Corona dauerhaft distanziere und psychisch leide, ist einfach so egoistisch von dem Seifentyp. Wozu machen wir das überhaupt?!" Ähnlich äußerte sich eine weitere Nutzerin: "Wow und ich bleib konsequent allein zu Hause und treffe mich nur selten mit einzelnen Freunden. Da fühlt man sich schon echt verar ..."

Manche machten auf die merkwürdigen Vergleiche aufmerksam. "Der Typ hat bei der Post genauso engen Kontakt wie bei der Sex-Party? Wow, ich sollte häufiger zur Post gehen ...", witzelte ein Nutzer. Und ein weiterer machte auf ein ganz anderes Problem aufmerksam: "Also wenn ich mehrmals die Woche Sex mit fremden Menschen hätte, würde ich mir Sorgen über ganz andere Krankheiten als Corona machen."