Indien: Dalits widersetzen sich der Gewalt des Kastensystems

Mitglieder von Dalit-Organisationen während einer Demonstration in Mumbai am 2. April. In mehreren Teilen des Landes kam es dabei zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. (Bild: AP Photo/Rafiq Maqbool)

Die Gewalt gegen die Kaste der „Dalit“ – abwertend oft „Unberührbare“ genannt – in Indien nimmt zu. Aber es formt sich auch Widerstand.

Ein Mann wurde mit Steinen beworfen, weil er zu seiner eigenen Hochzeit auf einem Pferd angeritten kam: Das sei ein Privileg der höheren Kasten, so die Begründung der Täter. Zwei Männer wurden mit Sicheln ermordet, sechs weitere verletzt und mehrere Häuser beschädigt, weil ein Dalit bei einer Zeremonie im Tempel im Schneidersitz gesessen hatte: Die Täter empfanden die Position als unehrenhaft und beleidigend. Drei Jungen wurden nackt ausgezogen und mit Stock und Gürtel durch ihr Dorf geprügelt, nachdem sie im Brunnen einer Familie aus einer höheren Kaste gebadet hatten. Ein 13-jähriger Junge wurde mit einem Stock verprügelt, weil er Lederschuhe trug: Er stelle sich als Mitglied einer höheren Kaste dar, so das Argument der Täter.

Immer mehr verstörende Videos von derartigen Übergriffen auf Dalits sind in der letzten Zeit im Internet aufgetaucht. Sie dokumentieren, welcher Gewalt die Nachfahren der indischen Ureinwohner in der größten Demokratie der Welt bis heute ausgesetzt sind. So werden etwa auch Frauen und Mädchen der Dalits oftmals Opfer der Massenvergewaltigungen, die in Indien regelmäßig traurige Schlagzeilen machen.

Die indische Gesellschaft ist traditionell nach Kasten unterteilt, innerhalb derer den Dalits eine niedrige soziale Stellung zugeschrieben wird, die sich heutzutage noch immer vor allem durch Armut äußert. Zwar kommt den Dalits zusammen mit anderen benachteiligten Kasten nach der Verfassung bereits seit 1989 eine besonders geschützte Stellung zu, um sie vor Übergriffen zu schützen, doch Gewalt gegen Dalits bleibt bis heute in vielen Fällen straffrei. Die Verurteilungsrate bei Verbrechen gegen Dalits ist nur etwa halb so hoch wie die allgemeine Verurteilungsrate.

Wie die beschriebenen Fälle zeigen, erfolgt die Gewalt gegen die Dalits vor dem Hintergrund der kulturellen Einstellung vieler besser gestellter Menschen, einzig durch Geburt in eine der höheren Kasten das Recht auf soziales Ansehen oder Landbesitz erlangen zu können.

Dalits besuchen den Ambedkar-Vergnügungspark außerhalb von Neu-Delhi. Er wurde eigens für die Kaste eröffnet und enthält – neben anderen Sehenswürdigkeiten – auch Statuen wichtiger Dalit-Führungspersönlichkeiten. (Bild: AP Poto)

Tatsächlich ist Indien aber eine Demokratie, ihre Einwohner vor dem Gesetz gleich und ihr derzeitiger Präsident sogar selbst Dalit. Die kulturellen Normen, mit denen die Gewalt gerechtfertigt wird, sind dennoch schwer abzulegen in dem gigantischen Staat und seiner hoch diversen Bevölkerung von über 1,3 Milliarden Menschen.

In vielen Fällen, in denen Gewalt mit dem Übertreten einer unsichtbaren und nicht gesetzlich anerkannten Klassenlinie gerechtfertigt wird, arbeiten Polizei, Gerichte und Verwaltung zusammen, um die Täter aus den höheren Kasten vor den Konsequenzen abzuschirmen.

Die Dalits wollen diese Gewalt nicht länger über sich ergehen lassen. Am 2. April gab es einen landesweiten Streik als Zeichen des Protests gegen Versuche des Obersten Gerichts, das Gesetz, das die Dalits unter besonderen Schutz stellt, zu verwässern. Angeführt und organisiert werden Maßnahmen wie der Streik von Dalits, die durch diese gesetzlichen Bestimmungen zu höherer Bildung gelangen konnten und sich nun dafür einsetzen, dass sich die sozioökonomischen und sozialen Bedingungen, unter denen andere Dalits leiden, zum Besseren wenden.

Es bleibt spannend, denn 2019 wird in Indien gewählt. Der Verlauf der Monate bis zum Wahltermin im April oder Mai wird ein wichtiger Indikator dafür sein, wie die Zukunft für Dalits in Indien aussehen könnte. Noch ist nicht absehbar, mit welcher Strategie die Parteien um ihre Stimmen kämpfen werden. Denn die Dalits machen etwa 14 Prozent der indischen Bevölkerung aus: Zu viele, um auf ihre Unterstützung einfach verzichten zu können.