Interview mit CADUS: Eine Hilfsorganisation zwischen Innovation und Retter-Syndrom

Wir stellen jede Woche Organisationen und Aktivisten vor, die sich für eine besser Welt einsetzen – auf ganz unterschiedliche Weise, aber immer mit Herzblut und Einfallsreichtum.

Während der Rückeroberung Mossuls vom IS war CADUS mit einer mobilen Klinik kurz hinter der Front vor Ort (Bild: Jib Collective/CADUS)

CADUS ist eine in Berlin ansässige junge Hilfsorganisation im humanitären Bereich. Sie sind in Krisen- und Kriegsgebieten (unter anderem im Irak, in Nordsyrien und an der Balkanroute) im Einsatz und arbeiten in ihrem Crisis Responce Makerspace in Berlin an Innovationen der humanitären Hilfe.

Das Interview wurde mit Verena Lauble (Projektkoordinatorin und Deputy Managing Director) geführt.

Was zeichnet CADUS aus?

Wir haben als selbstorganisierte Gruppe angefangen und kommen aus dem Fusion-Festivalumfeld, also linker Musiksubkultur. Zu Beginn hat niemand es uns zugetraut, dass wir es schaffen. Mittlerweile sind wir eine etablierte NGO, die international agiert und sogar positives Feedback bekommt, weil wir keine starken Hierarchien haben und lange Entscheidungsprozesse vermeiden. Charakteristisch für uns ist auch, dass wir dorthin gehen, wo der Einsatz für viele andere Organisationen zu gefährlich ist und sie deswegen nicht hingehen.

Und wie kann man sich eure Einsätze vorstellen?

Für Einsätze vor Ort haben wir viele Freiwillige aus verschiedenen Ländern, wie Serbien, USA, Großbritannien. Wir fahren zum jeweiligen Gebiet, schauen ob und wie wir vor Ort arbeiten können, wie die Sicherheitslage ist, bauen Kontakte mit Einheimischen auf und ermitteln den konkreten Bedarf. Dann wird sich um die Finanzierung gekümmert, mal erfolgt das durch große Organisationen, mal auf Spendenbasis. Nach getaner Arbeit in Ländern wie Syrien, Irak oder Bosnien evaluieren wir unsere Arbeit. Es kommt jedoch immer auf das Projekt an. Wir haben kein einheitliches Konzept für unsere Einsätze, sind offen für Innovationen, neue Prozesse und Improvisation. Wir wollen kein kompletter Fremdkörper sein. Unser langfristiges Ziel ist es, nicht gebraucht zu werden.

CADUS im Einsatz in Sarajevo (Bild: Christoph Löffler/CADUS)

Warum ist Innovation ein Thema für euch?

Innovation wird benötigt, da der Kontext sich verändert und man vor vielen Herausforderungen steht, sei es asymmetrische Kriegsführung, viel Terrorismus oder flexible Frontverläufe. Unsere Arbeit stützt sich auf modulare und flexible Systeme. Wir versuchen auch, die technische Komponente zu verstärken, vor allem im Bereich WASH, also Wasser- und Sanitärversorgung und Hygiene. Beispielsweise haben wir in dem Bereich einen LKW in einen Duschtruck umgewandelt, der an den europäischen Außengrenzen im Einsatz ist. Momentan ist er auf dem Weg nach Frankreich.

Oft gibt es bei NGOs den Vorwurf des White-Saviour-Syndroms. Das heißt, privilegierte Menschen aus dem Westen gehen in Krisen-und Kriegsgebiete und betrachten sich als Helden. Wie sieht es da mit euch aus?

Ich glaube, das Problem des White Saviour besteht immer. Wir sind da keine Ausnahme. Wir sind weiße Privilegierte, die die Möglichkeit haben, im Ausland humanitäre Hilfe leisten können. Daher fände ich es sogar gefährlich und ignorant, wenn die Ungleichheit verharmlost wird. Privilegien können nicht abgegeben werden. Daher ist es uns wichtig, darüber zu kritisch reflektieren, um unerwünschte Dynamiken abzuschwächen.

Was bedeutet das konkret?

Wir achten bei unseren Auswahlgesprächen darauf, dass die Hauptmotivation der Unterstützer und Mitarbeiter nicht darin besteht, sich als weiße Helden zu feiern. Falls dies zutrifft, sagen wir den Leuten ab. Alle anderen besuchen als Vorbereitung einen Wochenend-Workshop für das spezielle Einsatzgebiet. Die Workshops thematisieren die Machthierarchien zwischen uns und den Leuten vor Ort, denen wir Unterstützung anbieten und den speziellen Kontext sowie die politischen Hintergründe über die verschiedenen Akteure. Wir haben beispielsweise in Bosnien Refugeesupport geleistet und da ist es wichtig, über die Hintergründe zu informieren, über die jahrelangen Fluchtgeschichten der Menschen, über Bosnien als Nachkriegsgesellschaft. Ganz wichtig ist es, mit den Leuten vor Ort zu reden, sie zu fragen, was gebraucht wird.

Im Crisis Response Makerspace in Berlin wird die Ausrüstung gewartet und innovative Lösungen zur Verbesserung der humanitären Hilfe entwickelt (Bild: Christoph Löffler/CADUS)

Wie sieht eure Arbeit in Berlin aus?

Parallel zur humanitären Arbeit in Krisen-und Kriegsgebieten gibt es in Berlin einen Crisis Responce Space. Hier versuchen wir, die Brücke zwischen Universitäten, IT-Spezialisten und humanitärer Arbeit zu schlagen. Wir tragen Probleme aus der humanitären Arbeit nach Deutschland zurück und arbeiten gemeinsam mit Spezialisten daran, so dass wir von Einsatz zu Einsatz immer besser und effektiver arbeiten können. Wir haben ein Projekt mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin für reparierbare medizinische Geräte gestartet. Bisher konnten defekte Medizingeräte vor Ort oft nicht repariert werden, da die Reparatur mehr Aufwand bedeutet, als es durch ein neues Gerät zu ersetzen. Es wurde ein Vitalparametermonitoring-Gerät entwickelt, das reparierbar ist und wozu es auch eine öffentlich zugängliche Reparaturanleitung gibt.

Ist Transparenz euch wichtig?

Ja, es wurden schon oft den Einheimischen versprechen von humanitären Organisiation gemacht, die nicht eingehalten werden konnten. Verständlicherweise gibt es dementsprechend viel Misstrauen. Daher ist Transparenz von großer Bedeutung. Einfach auch mal “Wir können dir nichts versprechen. Wir geben aber unser bestes.” zu sagen. Wir sind transparent gegenüber unseren Spender*innen, indem wir über unsere Arbeit schreiben und auf unserer Homepage unsere Erfolge, Niederlage und Bedenken veröffentlichen.

Ihr sagt, ihr seid unparteiisch und neutral.

Das ist Teil der humanitären Grundsätze. Wir gehören keiner Kriegspartei an und versorgen alle Verletzten. Humanitäre Akteure haben in Krisengebieten und im Krieg eine Sonderstellung, sie dürfen nicht Ziel von kriegerischen Angriffen werden. Leider wird das immer mehr missachtet. Ein “Islamischer Staat” beispielsweise hält sich nicht an solche Regeln.

Das CADUS-Team während einer Ruhephase in Mossul (Bild: Ruben Neugebauer/CADUS)

Würdet ihr auch Verletzte von ISIS behandeln?

Klar, eine verletzte Person ist eine verletzte Person. Wir behandeln alle Leidenden. Trotzdem sind wir aber auch politisch, indem wir nach Ursachen fragen und sie benennen.

Ein Einsatz in Krisen- und Kriegsgebieten kann teilweise unerwünschte Wirkungen auf die Psyche der Menschen haben. Unternehmt ihr was dagegen?

Es gibt obligatorisch für alle nach dem Einsatz ein Nachgespräch mit einer Therapeutin. Manche benötigen eine längere psychologische Betreuung und andere wiederum nicht. Parallel sind wir aber auch bestrebt, dass diejenigen, die zusammen gearbeitet haben, weiterhin in Verbindung bleiben und einen informeller Austausch haben können.

Was hat euch die humanitäre Arbeit gelehrt?

Es gibt sehr viel Leid auf der Welt, die nicht schwarz-weiß ist. Es ist sehr oft sehr kompliziert.

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