Interview mit Sarah Rambatz: "Diese Menschen wollen ein Exempel an mir statuieren"

Sarah Rambatz musste – und muss immer noch – erleben, welche Ausmaße der Hass im Netz annehmen kann (Bild: DIE LINKE.Hamburg)

Über Sarah Rambatz könnte man vieles schreiben. Über ihren Einsatz für Tier- und Umweltschutz und gegen Rassismus und Antisemitismus zum Beispiel. Oder ihren steilen Aufstieg in der Linken: 2015 engagiert sie sich erstmals im Zuge der “STOP Olympia”-Kampagne für die Partei, kurz danach wurde sie Mitbegründerin einer Ortsgruppe in Hamburg. Inzwischen ist die Politologie-Studentin unter anderem Bundessprecherin der linksjugend [’solid], die Partei honorierte ihre Leistungen mit einem (wenn auch wenig aussichtsreichen) Listenplatz bei der Bundestagswahl. Eine Nachwuchskraft, wie sie sich jede Partei nur wünschen kann also. Doch wenige Wochen vor der Wahl brachte sie ein ganz anderes Thema in die Schlagzeilen: In einem Posting, das sie wenig später selbst als “unbedacht” bezeichnete, fragte Rambatz auf Facebook nach “antideutschen” Filmempfehlungen: “grundsätzlich alles, wo Deutsche sterben”.

In Wahlkampfzeiten reicht das offenbar auch acht Jahre nach “Inglourious Basterds” für einen kleinen Skandal aus. Einige Boulevardmedien stürzten sich auf diese Linke, die “Deutsche sterben sehen” wolle, die Hamburger “Morgenpost” nannte das Posting etwa “verstörend”. Ihre Partei distanzierte sich umgehend von Rambatz und zog sie aus dem Wahlkampf ab. Viel schlimmer jedoch war die Welle des Hasses, die sich über sie ergoss: Rechtsradikale bombardierten sie mit unzähligen Beschimpfungen, Drohungen, Mordaufrufen und Vergewaltigungsfantasien – und das nicht nur online: Rambatz’ Adresse wurde im Internet verbreitet, es kam zu Drohanrufen und Übergriffen auf ihr Zuhause. Nach der Wahl verschwand das Thema – von linken Szeneorganen wie der “Jungle World” abgesehen – schnell aus den Medien, die Flut der Hassnachrichten ist dagegen bis heute nicht ganz versiegt.

Wir haben uns bei Sarah Rambatz nach ihrer heutigen Sicht auf die Ereignisse und dem aktuellen Stand der Dinge erkundigt.

Fangen wir von vorne an: Auslöser des Shitstorms war das Posting in einer eigentlich privaten Facebook-Gruppe?

Sarah Rambatz: Genau. Am 2. September habe ich zusammen mit einem Genossen unter Verwendung meines Privatprofils am Abend nach Filmempfehlungen gefragt. Wir haben das satirisch formuliert, weil es in dieser Gruppe einen Sprachjargon gibt, wonach bewusst polemisiert wird. Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass das ziemlich groß wird, denn ich bekam am gleichen Abend noch 150 Kommentare darauf, und eben auch Filmvorschläge, die ich mir dann zum Teil auch angekuckt habe mit dem Genossen, mit dem ich zusammensaß. Das Problem war nur, jemand hatte davon einen Screenshot gemacht und den aus der Gruppe herausgetragen. Am 3. September habe ich dann schon mitbekommen, dass Jan Wenzel Schmidt, der Vorsitzende der Jungen Alternative Sachsen-Anhalt, diesen Screenshot verbreitet hat mit den Worten “krank” und “widerlich”. Dann griffen das immer mehr Twitter-Nutzer auf und dieser Screenshot verbreitete sich innerhalb rasender Zeit, so dass am 6. September schon die ersten Artikel über mich veröffentlicht worden sind, zum Beispiel von der “Berliner Zeitung” und der “Hamburger Morgenpost” mit den Worten “Sie will Deutsche sterben sehen.”

Kam es schon von Anfang an zu Drohungen und Hassnachrichten gegen Sie, oder eher erst mit den Berichten in der Presse?

Sarah Rambatz: Die Drohungen kamen schon mit dem Outing durch Jan Wenzel Schmidt, aber so richtig los ging es erst damit, als sich die Linke von mir distanzierte, indem sie sagte, dass ich zurücktrete. Ab dem Zeitpunkt wurden aus Hunderten von Kommentaren Tausende.

Dieser Tweet von AfD-Politiker Jan Wenzel Schmidt zählte zu den Auslösern des Shitstorms (Bild: Screenshot/Twitter)

Es blieb nicht nur bei Online-Beleidigungen, sondern es kam auch zu bedrohlichen Situationen im realen Leben. Wann ging das los?

Sarah Rambatz: Der Shitstorm ging auch schon ziemlich von Anfang an vom Online-Leben ins reale Leben über, weil in einem rechten Forum meine Adresse veröffentlicht worden ist, zusammen mit der meiner Mutter, meiner Großmutter und meines Onkels, dazu wurden Fotos von unserem Hauseingang hochgeladen. Später kam es dann auch zu gewaltsamem Eindringen in das Haus. Das war auf jeden Fall schon in der ersten Woche, nachdem ich nach den Filmempfehlungen gefragt hatte, dass auch das Privatleben beeinflusst worden ist und ich auch schon zur Polizei musste, um meine Angehörigen abzusichern.

Was wurden dann für Maßnahmen ergriffen?

Sarah Rambatz: Ich habe bei der Polizei erstmal den Sachverhalt geschildert, weil ich eben Angst hatte, dass auch meine Verwandten betroffen werden. Die Polizei hat mir empfohlen, mich beim Staatsschutz zu melden, das habe ich dann auch gemacht. Ich habe dann Screenshots von den Beleidigungen, Drohungen und Mordfantasien angefertigt, die ich dann an den Staatsschutz weitergegeben habe. Dieser nahm meine Aussage mit Tonband auf und wir haben dann auch die jeweiligen Aussagen bewertet, als was ich diese empfinde, ob ich mich davon beleidigt oder bedroht fühle. Ich habe mir zusätzlich noch einen Anwalt geholt, um auch dahingehend vorzugehen, dass diese Aussagen aus dem Netz kommen. Es sollten nicht nur die Veröffentlicher*innen dafür verklagt werden, sondern auch Facebook und Twitter dahingehend zur Rechenschaft gezogen werden, dass sie diese Postings nicht einfach so stehen lassen können.

Gabe es auch schon Erfolge bei dem Vorgehen gegen die Kommentare und ihre Urheber?

Sarah Rambatz: Bisher sind die Verfahren noch nicht abgeschlossen, deshalb kann ich noch nicht von einem erfolgreichen Verfahren berichten. Das ist auch gerade erst drei Monate her, und das sind ja auch mehr als 100 Fälle, die ich anzeigen lasse. Angezeigt wurden schon 37 Fälle und das werden aber auch noch mehr, weil immer noch Kommentare dazukommen und wir auch nicht unbedingt hinterherkommen mit dem Screenshots machen und an die Polizei weitergeben. Deshalb dauert das alles immer noch an, bisher gab es noch keine erfolgreichen Verfahren.

Das dürfte ja trotzdem nur ein kleiner Teil der Hassnachrichten sein. Melden Sie da nur die schlimmsten Fälle?

Sarah Rambatz: Genau, so haben wir das bisher gemacht. Alleine meine Stellungnahme, die ich nach dem Vorfall schrieb, hat 150.000 Menschen erreicht und es gab eben auch Tausende Kommentare. Deshalb, und weil mich das auch immer wieder belastet, kann ich mich damit nur eine gewisse Zeit persönlich beschäftigen. Freunde und Freundinnen von können nur Post für Post durchgehen, und da kommen auch immer wieder neue Kommentare dazu, deshalb dauert das auch sehr lange.

Sie haben schon vor einigen Wochen angegeben, dass Sie immer noch Drohungen und Hassnachrichten bekommen. Wie viele sind das aktuell noch?

Sarah Rambatz: Also mein letzter Twitterbeitrag hat alleine wieder 100 Kommentare. Mit der Qualität von einem Beispielkommentar: “Sie hat mal wieder wild geträumt von Vergewaltigungsfantasien und ist aufgewacht mit einer Colaflasche in ihrer F****.”

Dieser drastische sexistische Charakter fällt bei sehr vielen der Kommentare auf. Wie erklären Sie sich das?

Sarah Rambatz: Das Problem ist, dass Frauen in der Politik immer noch relativ wenig gesehen werden. Politik wird immer noch als männlich wahrgenommen, der Anteil der weiblichen Politikerinnen ist immer noch sehr viel geringer als der der männlichen. Deshalb ist es für den Durchschnitt der Menschen noch immer nicht greifbar, dass es auch weibliche Politikerinnen gibt, und deshalb sind diese auch noch nicht so anerkannt und werden negativ konnotiert alleine wegen ihres physischen Geschlechts. Dieser Zustand des – zum Teil negativ konnotierten –  Wunderns mündet dann häufig nicht nur in Ablehnung, sondern auch Diskriminierung, weil diese Menschen es eben nicht gewohnt sind, auch weibliche Politikerinnen zu sehen. Das begründet sich zum Teil auch in dem gesellschaftlichen Sexismus, der dann darin mündet, dass Politikerinnen einfach weniger wertgeschätzt werden, abgewertet werden und zum Teil sogar sich danach verzehrt wird, mit diesen Menschen in Kontakt zu treten. Aber es sind nicht nur sexistische Kommentare, mit denen ich konfrontiert werde. Der rechte Youtuber Julian Alexander Schnell schreibt mir zum Beispiel: “Scheiß auf alle Juden in der Welt, Judentum stirb!”

Woher kommt dieser Antisemitismus?

Sarah Rambatz: Wenn in Deutschland mit Antisemitismus umgegangen wird, ist das Problem, dass es nur eine ablehnende Reaktion gibt, weil seit dem Zweiten Weltkrieg Antisemitismus als etwas gesellschaftlich Negatives wahrgenommen wird. Bei meiner Person wird häufig mit Ablehnung reagiert dahingehend, dass es als eine große Beleidigung wahrgenommen wird, Menschen in Deutschland mit Antisemitismus in Verbindung zu bringen. Da ich mich eben mit dem Kampf gegen Antisemitismus beschäftige, wollen diese Menschen, die sich davon angegriffen fühlen, ein Exempel statuieren und kontern dann sehr häufig auch mit Antisemitismus zurück. Das ist paradox, aber diese Menschen, die mir schaden wollen, projizieren auf mich, dass ich jüdisch sei, um sich an mir abarbeiten zu können, obwohl ich diese Rolle überhaupt nicht erfülle.

Sarah Rambatz will vor dem Hass im Netz nicht einknicken (Bild: DIE LINKE.Hamburg)

Am Anfang schien es so, als würde die Linke in erster Linie auf Ihr Posting reagieren und nicht die Hasskommentare. Sie wurden aufgefordert, im Falle einer Wahl Ihr Mandat nicht anzunehmen…

Sarah Rambatz: Das Problem war, dass die Pressemitteilungen meiner Partei einen Tag verzögert erscheinen. Als die Partei das Statement herausgegeben hat, war sie sich überhaupt noch nicht bewusst, welches Ausmaß dieser Shitstorm annehmen sollte und dass es bereits rechte Trolle und rechte Communities gab, die es auf mich abgesehen hatten. Wenn sie das vorher gewusst hätten, hätten sie klar ganz anders reagiert. So wie es gekommen ist, war es leider so, dass die Reflektion über die Massen von Hatespeech, die es mir gegenüber gab, erst danach stattfinden konnte. Das Statement wurde nicht aus Böswilligkeit so rausgegeben, wie es rausgegeben wurde, sondern aus Unwissen und eben dem Umstand, dass es erst einen Tag später erschienen ist.

Danach hat sich die Partei dann doch mit Ihnen solidarisiert?

Sarah Rambatz: Teile der Partei haben klargemacht, dass Solidarität gegen rechte Hetze eines unserer Mottos im Wahlkampf war, das eben auch zurecht gerade gegen rechte Shitstorms zu verteidigen ist und gegen rechte Gewalt, die uns angetan wird in der Gesellschaft. Das waren unter anderem die thüringische Landtagsabgeordnete Katharina König und ihr Mitarbeiter und auch in Hamburg mehrere Genossinnen und Genossen, die sich klar zu Wort gemeldet haben mit einer Solidaritätserklärung. Auch beim Landesparteitag in Hamburg wurde ein Solidaritätsantrag zu meiner Person gestellt, der leider noch nicht behandelt worden ist. Er wurde an den Landesvorstand übergeben, da unser Landesparteitag zu kurz angesetzt worden ist. Es gab auf jeden Fall nach dem Vorfall auch eine Welle der Solidarität, die durch meine Partei gefahren ist, nachdem bewusst wurde, was für eine Größe dieser Shitstorm angenommen und was für Folgen er hatte.

Haben Sie irgendwann auch daran gedacht, sich aus der Politik zurückzuziehen?

Sarah Rambatz: Um ehrlich zu sein, habe ich nicht daran gedacht, weil der erste veröffentlichte Beitrag dieser war, dass ich “Deutsche sterben sehen” will. Ich fürchtete, dass, wenn ich mich jetzt aus der Politik zurückziehen würde, mein Name immer mit dem falschen Verständnis von Fiktion und Realität konnotiert sein würde, und mir dann ständig vorgehalten wird, dass ich Deutsche sterben sehen will, obwohl das eben in der Realität nicht der Fall ist. Deswegen war das für mich erst recht ein Grund, weiterzumachen und mit neuem Content, den ich generiere, darauf hinzuweisen, dass ich nicht nur diese eine Schlagzeile bin, dass es mehr gibt, was mich politisch ausmacht, als dieses Gerücht, dass ich Deutsche sterben sehen möchte. Und ich hoffe natürlich auch, dass ich später mit dem, wofür ich stehe und nicht mit dem, was die “MoPo” über mich schreiben will, konnotiert werde. Besonders auch gegen die rechte Hetze wäre ein Rückzug für mich ein Einknicken. Das möchte nicht nach außen signalisieren und das möchte ich auch nicht von mir selbst denken, dass ich darauf eingehe, wenn Menschen mir den Mund verbieten wollen und mir signalisieren, ich sei nicht willkommen – bis hin zu Äußerungen wie “du solltest dich weghängen”.

Gab es auch Rückhalt aus anderen Parteien?

Sarah Rambatz: Tatsächlich gab es eine große Welle der Solidarisierung aus allen Parteien, unter anderem haben mir die Jusos Leipzig, als ich gerade in Leipzig war, ein Paket von einem Juso-Mitglied aus Hamburg weitergeleitet, so ein Präsentkorb mit Schnaps, Glitzer und weiteren Geschenken. Außerdem haben sich Mitglieder der Grünen Jugend aus Niedersachsen und Hamburg solidarisiert, und sogar liberale Politiker*innen und auch zum Beispiel Jutta Ditfurth von ÖkoLinX. Es gab generell durch die Parteienlandschaft weg eine breite Solidarisierung gegenüber meiner Person, außer eben bei den rechtskonservativen Parteien, die sich dann erst recht zu Wort gemeldet haben, wie zum Beispiel AfD, Der III. Weg, Pro NRW, Pro Deutschland, die diese Chance nutzen, um gegen Links zu wettern.

Die Hamburger AfD-Politikerin Delphine Thiermann forderte ihre Parteigenossen mit eher fragwürdigen Argumenten zur Zurückhaltung auf (Bild: Screenshot/Facebook)

Gab es bei der AfD, die den Shitstorm ja entscheidend mit losgetreten hatte, auch irgendeine mäßigende Reaktion – dass vielleicht jemand versucht hat, ihre Anhänger zurückzupfeifen?

Sarah Rambatz: Ja, nachdem es zu diesen massiven Vergewaltigungsdrohungen kam, hatte ich das Gefühl, AfDler werden seitens der AfD zurückgepfiffen, als Delphine Thiermann sich zu Wort meldete und sagte, dass dieses “junge Mädchen” jetzt “bereits Konsequenzen erfahren” hat. Sinngemäß drückte sie aus, dass es jetzt mal gut sei. Ich wurde also von ihr verunglimpft, getarnt damit, dass sie es wohlwollend meint. Aber ich empfand es eben nicht als positives Einsteigen in die Debatte, sondern eher als schützendes Element, um weitere Straftaten von AfD-Mitgliedern zu vermeiden.

Entschuldigt hat sich von dieser Seite vermutlich niemand?

Sarah Rambatz: Nein.